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Interview | Beitrag vom 07.12.2015

Ausstellung im AuswandererhausDeutschland als Einwanderungsland

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Flüchtlinge gehen am 21.11.2015 an der deutsch-österreichischen Grenze nahe Wegscheid (Bayern) während eines Schneeschauers nach Deutschland. (dpa / picture alliance / Armin Weigel)
Flüchtlinge an der deutsch-österreichischen Grenze (dpa / picture alliance / Armin Weigel)

Eine Ausstellung über heutige Einwanderer, ausgerechnet in einem Museum, das sich mit deutschen Auswanderen beschäftigt? Durchaus, denn das sei auch Teil der deutschen Geschichte, betont Simone Eick, Direktorin des Deutschen Auswandererhauses in Bremerhaven. Mit der Reihe "deutsch und fremd?" wolle man die Geschichte Deutschlands als Einwanderungsland erzählen.

Im Deutschen Auswandererhaus in Bremerhaven wird heute Abend die neue Sonderausstellung "deutsch und fremd?" eröffnet. Sie ist der erste Teil einer dreiteiligen Reihe, in der sich das Museum mit der Einwanderungsgeschichte Deutschlands beschäftigt.

Simone Eick, Historikerin und Direktorin des Deutschen Auswandererhauses, beschrieb im Deutschlandradio Kultur das gewandelte Selbstverständnis ihres Hauses als "Migrationsmuseum":

"Deutschland hat sich lange, lange Zeit selbst nicht als Einwanderungsland verstanden. Und insofern hatten wir auch nicht, wie andere Länder, ein klassisches Migrationsmuseum wie Ellis Island vor New York oder Halifax in Kanada. Wir sehen uns schon als den Ort, der die deutsche Migrationsgeschichte erzählt."   

In Deutschland werde erst seit 10-15 Jahren davon gesprochen, dass man ein Einwanderungsland sei, sagte Eick:

"Und die Geschichte dieses Einwanderungslandes als Teil unser nationalen Geschichte, die möchten wir gerne erzählen."

Das Deutsche Auswandererhaus zeigt vom 7. 12. 2015 bis zum 31. Mai 2016 die Sonder-Ausstellung "Plötzlich da. Deutsche Bittsteller 1709, türkische Nachbarn 1961". Sie ist der erste Teil einer dreiteiligen Reihe "deutsch und fremd?".


 

Das vollständige Interview im Wortlaut:

Nana Brink: Wir besuchen gleich ein Auswandererhaus, ja, direkt am neuen Hafen in Bremerhaven liegt es, an einem historischen Standort, es wurde 1852 eröffnet, und bis 1890 sind von dort aus über eine Millionen Menschen in Richtung Amerika, also in Richtung Neue Welt aufgebrochen. Heute wird dort eine neue Sonderausstellung eröffnet: "Die Deutschen und das Fremde". Die Historikerin Simone Eick leitet seit 2006 das Deutsche Auswandererhaus in Bremerhaven – ich grüße Sie, Frau Eick!

Simone Eick: Wunderschönen guten Morgen!

Brink: Wahrscheinlich beschäftigt uns in dieser Zeit ja wenig mehr als das Fremde oder die Fremden, die zu uns kommen – müssten Sie da nicht eher ein Einwandererhaus gründen?

Eick: Das müssten wir, aber die Geschichte des Hauses hat uns diesen Namen gegeben, wir sind in Bremerhaven, in dem größten kontinentaleuropäischen Auswandererhafen mit über 7,2 Millionen Menschen, die von dort ausgewandert sind, nach Nordamerika vor allen Dingen, und insofern als wir vor zehn Jahren eröffnet haben, haben wir uns erst mal mit dieser deutschen Auswanderungsgeschichte beschäftigt, haben dann 2012 einen Erweiterungsbau zu 300 Jahren Einwanderungsgeschichte eröffnet.

Insofern nennen wir uns immer Migrationsmuseum, weil wir beide Seiten zeigen, die Auswanderung aus Deutschland, aber eben auch die Einwanderung hierher.

Migrationsmuseum zeigt beide Seiten: die Aus- und die Einwanderung

Brink: Was sehen wir? Sehen wir also beide Perspektiven bei Ihnen?

Eick: Genau, wir sehen zwei Perspektiven, einmal die des deutschen Auswanderers, der aufbricht zum Beispiel in die USA oder nach Australien, nach Argentinien.

Brink: Das sind ja von Ihrem Haus aus über eine Millionen gewesen, wenn ich das richtig gelesen habe.

Eick: Es sind von Bremerhaven insgesamt 7,2 Millionen historische Auswanderer, was Sie erwähnt haben, das war für eine bestimmte Epoche. Bremerhaven selber war über 130 Jahre Auswandererhafen. Wir haben hier über sieben Häfen, von denen dann auch die Auswanderer aufgebrochen sind. Insofern war das hier wirklich im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts der Auswandererhafen, und wir erzählen die Geschichte dieser 7,2 Millionen, nicht nur Deutsche, auch viele, viele Osteuropäer da drunter.

Brink: Und nun haben Sie aber auch noch die andere Perspektive eingeführt, nämlich die, die zu uns gekommen sind, nicht nur unbedingt in der Zeit.

Eick: Ja, genau. Wir schauen uns 300 Jahre Einwanderungsgeschichte an: Wir beginnen mit den Hugenotten, und die Dauerausstellung zeigt dann bis zu den jugoslawischen Bürgerkriegsflüchtlingen. Aktuell haben wir ein Projekt mit syrischen Bürgerkriegsflüchtlingen, das heißt, wir zeigen tatsächlich die verschiedenen Gruppen, die nach Deutschland gekommen sind aus den unterschiedlichen Gründen.

Projekt mit syrischen Bürgerkriegsflüchtlingen

Brink: Das ist interessant, was haben Sie gemacht mit den syrischen Flüchtlingen? Haben Sie die befragt, ihre Geschichte erkundet?

Eick: Genau, seit mehreren Monaten begleiten wir einige Familien und haben mehrere History-Interviews mit ihnen geführt, um zu sehen, wie war das Leben in Syrien, wie war das, als der Krieg ausbrach, aus welchen Gründen – jeder hat ja dann doch immer noch ganz verschiedene Gründe, warum er dann letztendlich entschieden hat, ich fliehe, und dann tatsächlich das Leben hier in Deutschland, wie geht es denn hier weiter. Ja, das ist das, was uns vor allen Dingen interessiert.

Brink: Das ist interessant, weil ein Museum ist ja ein Museum, normalerweise kein Ort, wo man aktuelle Ereignisse erwartet. Sie haben jetzt auf diese aktuelle Situation reagiert. Wie reagieren Ihre Besucher?

Eick: Die sind wirklich auf eine gewisse Art und Weise sehr dankbar, denn natürlich, weil ein Museum, ein Ort, an dem man auch mal zur Ruhe kommen kann, es ist ein Raum, in dem man sich auch mal mit etwas beschäftigen kann, denn man hat sich ja die Zeit genommen, extra dort hinzugehen.

Insofern, wenn man aktuelle Fragen dort aufbereitet, dann wird das gut angenommen, und es wird vor allen Dingen sich Zeit genommen, auch zu diskutieren, miteinander, die Besucher diskutieren miteinander mit unseren Mitarbeitern.

Das finde ich ganz wunderbar, dass ein Museum eben nicht ein rein historischer Ort ist, sondern ein – wir nennen das auch immer gerne unser Forum, weil wir ja Geschichte aufbereiten können, vermitteln können und so dann direkt in Kontakt mit unseren Besuchern treten können.

Brink: Wenn Sie sagen, Sie wollen Geschichte vermitteln, also nicht nur Geschichte, sondern eigentlich das, was gerade passiert, also das, was passiert in der Flüchtlingskrise, was ja auch Menschen Angst macht. Was begegnet mir da, wenn ich zu Ihnen reinkomme, nimmt mich da jemand an die Hand und erklärt mir zum Beispiel, wie ein Asylantrag funktioniert oder wie die Geschichte der einzelnen Flüchtlinge ist?

Eick: Sie kommen in das Museum und dann haben Sie im Prinzip die Wahl, wen möchten Sie auf den Weg der Wanderung begleiten. Wir haben mehrere verschiedene Gruppen, das heißt, wenn Sie sich entscheiden würden, syrischer Bürgerkriegsflüchtling, das ist dann ab Februar zum Beispiel möglich, bei uns im Museum ist dann eine Biografie von einem syrischen Bürgerkriegsflüchtling, der gerade nach Deutschland gekommen ist, und man erfährt seine Geschichte und gleichzeitig die ganzen Hintergrundinformationen über Syrien, was ist dort gerade los, warum kommt es zu dieser Fluchtbewegung, und vor allen Dingen erfährt man die Geschichte dieser Familie.

Deutschland war schon immer Transitland

Brink: Es wandelt sich also der Schwerpunkt Ihres Museums, also weg von der klassischen Auswandergeschichte, wie Sie uns erklärt haben, also der Deutschen in Richtung USA – nicht nur der Deutschen, auch viele Osteuropäer – und hin zu einer Einwanderungsgeschichte nach Deutschland, also zu einem Migrationsmuseum?

Eick: Genau, denn das ist, glaube ich, etwas, was ... Deutschland hat lange, lange Zeit sich selbst nicht als Einwanderungsland bezeichnet, und insofern hatten wir jetzt auch nicht wie andere klassische Einwanderungsländer ein Migrationsmuseum wie Ellis Island vor New York oder Halifax in Kanada.

Wir sehen uns schon als den Ort, der die deutsche Migrationsgeschichte erzählt, und das ist ja auch etwas, was neu in Deutschland ist, wir reden ja tatsächlich erst in den letzten zehn, fünfzehn Jahren konkret davon, dass wir ein Einwanderungsland sind. Die Geschichte dieses Einwanderungslandes ist Teil unserer nationalen Geschichte, und die möchten wir gerne erzählen.

Brink: Das ist die Geschichte der einzelnen Personen, Sie haben es uns gerade beschrieben – wenn ich ins Museum reinkomme, mich entscheiden kann, etwas über einen syrischen Bürgerkriegsflüchtling und dessen Familie kennenzulernen, aber es gibt ja noch eine übergeordnete Erzählung, also die Erzählung von Einwanderung. Wie ist da Ihre Definition im Museum, was bedeutet Einwanderung für Deutschland?

Eick: Einwanderung – es sind ganz, ganz viele verschiedene Arten, also wir haben die klassische Arbeitsmigration, jemand kommt hierher, möchte vielleicht erst nur ein paar Jahre bleiben, viele, viele bleiben dann für länger, wie wir das zum Beispiel bei den türkischen Gastarbeitern sehen, oder wir haben zum Beispiel Akademiker, die nur für ein paar Jahre hierher kommen, wir haben aber natürlich auch Rückkehrer, wie die Russlanddeutschen, die in das Land zurückkehren, aus dem ihre Vorfahren vor Jahrhunderten aufgebrochen sind.

Wir sind schon immer ein Transitland gewesen, also das heißt, hier sind auch viele Menschen aufgebrochen in die Neue Welt, wie von Bremerhaven über sieben Millionen. Also Migration gehört wirklich hier zu diesem Land.

Binnenmigration ist auch etwas, was stark stattfindet: Jemand zieht von München nach Berlin – diese Geschichte und gleichzeitig diese starke Auswanderungsgeschichte: Deutschland ist seit mehreren Jahrhunderten ein starkes Auswanderungsland, aktuell wandern immer noch fast 100.000 Deutsche jedes Jahr aus, und insofern ist das eine sehr lebendige Geschichte.

Brink: Die Direktorin des Auswanderhauses in Bremerhaven, Simone Eick – danke für das Gespräch!

Eick: Gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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