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Fazit / Archiv | Beitrag vom 24.03.2016

Ausstellung "Das Imaginäre Museum"Die Kunst, die Seele und die Zeit

Von Rudolf Schmitz

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Andy Warhols "Campbell's Soup Cans" in der Tate Modern in London; Aufnahme vom Februar 2002 (picture-alliance / dpa)
Andy Warhols "Campbell's Soup Cans" in der Tate Modern in London: Zur Zeit sind sie in Frankfurt in der Ausstellung "Das Imaginäre Museum" zu sehen. (picture-alliance / dpa)

"Die Verwandlung", "Die Vermessung der Welt", "Die Zeitmaschine": Die Ausstellung "Das imaginäre Museum" in Frankfurt ordnet 80 herausragende Werke der Moderne berühmten Buchtiteln zu. Die Schau bricht Sehgewohnheiten.

Eine Soundinstallation von On Kawara, im Treppenhaus. Eine Million Jahre, in die Zukunft gezählt. Ziemlich spooky. Erzeugt eine Atmosphäre von Science Fiction, um die es der  Ausstellung geht. Das "Imaginäre Museum" beginnt mit einem Foto von Paul Almasy. Der  evakuierte Louvre im Jahr 1942. Nur leere Bilderrahmen. Und Allen McCollums kleinformatige Rahmen mit den geschwärzten Bildflächen. Lange nicht gesehen, hier wirken sie überraschend stark, wie Schattenwelt, wie ausgelöschte Malerei.

Ich gehe mit Kurator Peter Gorschlüter durch die Ausstellung:    

"Sind das Werke, die Sie auch als die ganz bedeutenden Werke des Jahrhunderts ansehen?" - "Am Anfang der Ausstellung stand für uns die Frage, was sind die Eigenschaften, die Prozesse, die Qualitäten der Kunst, was würden wir vermissen, wenn es eine Gesellschaft gäbe, in der keine Kunst mehr existieren würde. Also haben wir uns darüber Gedanken gemacht: Was kann die Kunst, was andere Dinge in unserem Leben nicht können?"

Es gibt Ausstellungskapitel. Sie orientieren sich an Buchtiteln: "Die Verwandlung", "Die Vermessung der Welt", "Die Zeitmaschine", "Die andere Seite". Es geht um die Visionen, die positiven oder negativen Utopien, die in Büchern von Kafka bis Kubin freigesetzt werden.

Neue Vorschläge zur Interpreation der Kunst

Jemand, der die Kunstwelt auf visionäre Weise verändert hat, ist Marcel Duchamp. Für sein "Boite en Valise" hat er 68 seiner Werke als Miniaturen hergestellt. Und sie im Koffer herum transportiert. Als reisendes, imaginäres Museum. Genau so gern mag ich die Brillo-Boxes von Andy Warhol. Oder sein Gemälde "100 Campbell's Soup Cans". Alles noch schön von Hand gemalt. Oder die weiche, kollabierende Schreibmaschine von Claes Oldenburg. Lust- und Angsttraum jedes Schreiberlings.  

Peter Gorschlüter: "Hier befinden wir uns im Kapitel 'Die Verwandlung', das ist nach Franz Kafka benannt, nach seiner bekannten Erzählung, und sie zeigt die Eigenschaft der Kunst, Dinge des Alltags, der Realität, der Wirklichkeit zu verfremden, zu verändern, in andere Bereiche vorzudringen, in Bereiche von Traum und Vorstellungswelten."

Eine Ausstellung nach Buchtiteln zu ordnen – das eröffnet einen Assoziationsraum. Macht andere und neue Vorschläge zur Interpretation der Kunst.      

Peter Gorschlüter: "Dies ist mein Lieblingskapitel, es ist betitelt 'Die Zeitmaschine' und bringt Werke zusammen - von Künstlern, die sich mit dem Thema von Reisen durch Raum und Zeit auseinander gesetzt haben. Dazu gehören die zwei bekanntesten Zeitkünstler, einerseits Roman Opalka, der 1965 begann, fortlaufende Zahlenreihen auf grau grundierte Leinwände zu schreiben, die er bis zu seinem Tod fort führte. Und On Kawara, der Zeit seines Lebens seine Date Paintings schuf." 

Saftig Apokalyptisches hätte hier reingepasst

Ich hätte gern mehr Malerei gesehen. Saftig apokalyptische Sachen wie die von Anselm Kiefer. Hätte hier rein gepasst. Aber diese Ausstellung bevorzugt Konzeptkunst. Wie schön, dann plötzlich ein so unerklärliches Werk zu finden wie die drei schwarzen Obsidiansteine von Jimmy Durham. Sie liegen auf einem Stahltisch und werden gespiegelt durch drei goldene Abgüsse.  

Peter Gorschlüter: "Das Kapitel 'Lebendes Universum' handelt von den Möglichkeiten der bildenden Kunst, Dinge zu beseelen, ihnen ein Leben einzuhauchen, das jenseits der Funktionen ist, die den Objekten eigentlich zugeschrieben werden im Alltag." 

Die Kunst, so zeigt die Ausstellung, hat die Fähigkeit, uns mit dem Geheimnis zu konfrontieren, den Alltag zu verfremden, uns die Augen zu öffnen, Raum und Zeit zu transzendieren.

Wenn die Ausstellung Anfang September abgebaut wird, ist noch nicht Schluss mit dem  "Imaginären Museum". Dann soll es in den leeren Räumen noch zwei Tage lang Performances geben. Man wird Menschen begegnen, die von ihrem verschwundenen Lieblingswerk erzählen. Und uns an die Objekte, Skulpturen, Gemälde erinnern, die es hier gerade noch gegeben hat. Eine Hommage an Ray Bradburys Buch "Fahrenheit 451", das von Truffaut so genial verfilmt wurde.

Besucher werden zu "Bildermenschen", verkörpern jetzt kein Buch, sondern eben: ein Kunstwerk. Bin gespannt, ob das funktioniert. Wie erinnern wir uns an die Kunst? Eine sehr persönliche Angelegenheit, finde ich. Das Frankfurter Museum macht daraus jetzt ein originelles kollektives Experiment.

Mehr zur Ausstellung, die bis 4. September im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt zu sehen ist

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