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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 02.08.2011

Auseinandersetzung mit der Vergangenheit

Vor 60 Jahren wurde die Deutsche Forschungsgemeinschaft DFG in Köln wiedergegründet

Von Irene Meichsner

Der Jahresetat der DFG liegt inzwischen bei rund 2,3 Milliarden Euro. (Stock.XCHNG - Eugene Z)
Der Jahresetat der DFG liegt inzwischen bei rund 2,3 Milliarden Euro. (Stock.XCHNG - Eugene Z)

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft DFG dient der Förderung der Wissenschaft und Forschung in Deutschland. Ihre Geschichte beginnt in der Weimarer Zeit. Vor 60 Jahren nach der Gleichschaltung im Nationalsozialismus fusionierte der Verband mit dem Deutschen Forschungsrat.

"Ich muss gestehen, dass ich es als bitter und beklemmend empfinde, dass wir in der DFG kaum eine Spur von Gegenwehr finden, kein Wort gegen die Ausgrenzung jüdischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und ihre Entfernung von den Hochschulen, kein Wort gegen die Dienstbarmachung der Agrar- und Geisteswissenschaften für die verbrecherischen Ziele der Vertreibung im Osten Europas, keine Nachfrage zur Durchführung und zu den Zielen medizinischer Versuche. Stattdessen wurde die Radikalisierung der Wissenschaft im Dienste des Regimes offenbar fraglos mitvollzogen."

Sichtlich erschrocken reagierte Ernst-Ludwig Winnacker, der damalige Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, als 2006 die ersten Ergebnisse eines von ihm selber initiierten Forschungsprojekts zur Verstrickung der DFG in den Nationalsozialismus vorgestellt wurden. Den KZ-Arzt Josef Mengele hatte die Deutsche Forschungsgemeinschaft ebenso gefördert, wie, in noch größerem Umfang, den Agrarwissenschaftler und SS-Oberführer Konrad Meyer, der den "Generalplan Ost" ausarbeitete – ein Projekt, das, wäre es konsequent umgesetzt worden, die Vertreibung und Vernichtung von Millionen Menschen in Osteuropa bedeutet hätte. Im Oktober 1920 als Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft gegründet, um in der Wirtschaftskrise öffentliche und private Gelder für die Hochschulforschung zu akquirieren, sei der Verein von den "Verlusterfahrungen" durch den Ersten Weltkrieg geprägt geblieben, so der Berliner Historiker Rüdiger vom Bruch, einer der beiden Leiter des DFG-Forschungsprojekts:

"Folge war eine Militarisierung der deutschen Wissenschaft, die sich in hohem Maße auf Rüstungsforschung konzentrierte. Zweitens eine durchgängig national-konservative Ausrichtung. Das heißt: Man konnte sich selbstverständlich als Grundlagenforscher empfinden, aber damit stand nicht im Widerspruch, die eigene Arbeit in den Dienst der nationalen Sache zu stellen. Das alles war NS-kompatibel, ohne für die Spezifika wie Judenverfolgung und anderen ideologischen Punkten gleich gehen zu müssen."

An der "Lebenslüge", so vom Bruch, dass "reine Wissenschaft" per se unpolitisch sei, hielt man auch nach dem Zweiten Weltkrieg fest. 1949 wurde eine neue Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft gegründet, die mit dem wissenschaftspolitisch orientierten Deutschen Forschungsrat am 2. August 1951 in Köln zur Deutschen Forschungsgemeinschaft mit Sitz in Bonn-Bad Godesberg fusionierte. Viele frühere Nazi-Sympathisanten setzten mit ihrer Hilfe ihre Karrieren nahtlos fort.

"Das bedeutet, dass im Grunde erst Anfang der 1960er-Jahre mit einem einschneidenden Generationenwechsel, eine neue Situation sich ergab, die sich gleichzeitig damit verband, dass nun internationale Forschungsstile, -methoden, -diskussionen, -themen in Deutschland eindrangen, vor allem aus Westeuropa und den USA, sodass wir während der 60er-Jahre eine grundlegende Neuorientierung der deutschen Wissenschaft beobachten können."

Die DFG entwickelte sich zu Europas größter wissenschaftsgesteuerter Forschungsförderorganisation. Dass sie sich – nach mehreren halbherzigen Anläufen – schließlich auch ihrer NS-Vergangenheit stellte, erhöhte ihre Glaubwürdigkeit. Der Jahresetat liegt inzwischen bei rund 2,3 Milliarden Euro, die zu zwei Dritteln vom Bund, etwa einem Drittel von den Ländern und zu einem geringen Teil auch von Stiftungen aufgebracht und von der DFG an einzelne Forscher, Sonderforschungsbereiche, Graduiertenkollegs und andere Programme verteilt werden. 2010 gingen mehr als 17.000 Anträge auf Forschungsförderung ein – ein Zeichen dafür, wie abhängig die Natur-, Ingenieur-, Geistes- und Sozialwissenschaftler von diesen Drittmitteln geworden sind. Die Gesellschaft ist sich ihrer Macht durchaus bewusst – und meldet sich immer öfter auch in politischen Debatten zu Wort. Sie gab diverse Stellungnahmen ab, etwa zur Grünen Gentechnik, zur Forschung an embryonalen Stammzellen oder zur europäischen Forschungspolitik. Mit Nachdruck engagierte sie sich für die Exzellenzinitiative zur Förderung von Spitzenuniversitäten, in die Bund und Länder bis 2017 insgesamt mehr als viereinhalb Milliarden Euro investieren wollen – für den amtierenden DFG-Präsidenten Matthias Kleiner genau der richtige Schritt in die richtige Richtung:

"Die Deutsche Wissenschaft in Forschung und Lehre auf einen Stand zu bringen, der international wettbewerbsfähig ist, das kostet etwas. Und ich glaube aber, dass in den öffentlichen Kassen dieses Geld da ist – es ist eine Frage der Prioritäten."

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