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Buchkritik

RomanSchuld als Schatten
Der englischsprachige Schriftsteller Joseph Conrad, aufgenommen im Dezember 1915.

Im 19. Jahrhundert erschienen, aber verblüffend aktuell ist der Roman "Lord Jim" von Joseph Conrad über einen Offizier, der seinen Dampfer im Stich lässt - wie der Kapitän der Costa Concordia. Er ist jetzt in neuer, modernisierter Übersetzung erschienen. Mehr

KriegserfahrungenRasend nah am Abgrund
Der französische Schriftsteller Blaise Cendrars (bürgerlich Frederic Sauser) Anfang der 50er-Jahre. Er wurde am 1. September 1887 in La Chaux-de-Fonds geboren und verstarb am 21. Januar 1961 in Paris.

Die Schrecken und Brutalität des Ersten Weltkrieges hat Blaise Cendrars in "Ich tötete - ich blutete" sprachlich so intensiv komprimiert, dass man sich davon so schnell nicht erholt. Es schreibt ein Mensch, der die Bilder von Verstümmelungen und Toten nicht mehr los wurde.Mehr

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Literatur

LyriksommerDas Lied der Globalisierung
Der amerikanische Dichter Ezra Pound ("Pisan Cantos") am 18. April 1958 in Washington D.C.

Die Dichtung durchpflügt Kulturkreise und Historie, in der Monarchien vergingen, Diktatoren siegten und scheiterten, sie feiert Homer, Dante und die altchinesische Philosophie.Mehr

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 28.06.2012

Ausblick auf den Untergang der Welt

Antonia S. Byatt: "Ragnarök. Das Schicksal der Götter", Berlin Verlag, Berlin 2012, 174 Seiten

Eine Parabel für die Selbstzerstörung der Zivilisation
Eine Parabel für die Selbstzerstörung der Zivilisation (picture alliance / dpa / Bernd März)

Die englische Autorin A. S. Byatt hat mit ihrem Buch "Ragnarök" einen altnordischen Mythos neu erzählt. Die finstere, rohe und kompromisslose Untergangs-Geschichte gilt als Gegenstück zum biblischen Armageddon.

In der nordischen Mythologie, überliefert in der altnordischen Edda, bedeutet "Ragnarök" soviel wie Weltuntergang: die letzte Schicksalsschlacht, in der Götter und Riesen einander töten, die Erde im Meer versinkt und die Welt zur Finsternis des Ur-Chaos zurückkehrt. Die englische Autorin A. S. Byatt hat sich für ihre Neuerzählung alter Mythen die finsterste und kompromissloseste Untergangs-Mythe ausgesucht - das nordische Gegenstück zum biblischen Armageddon.



Byatt weiß, dass wir zu unserer Welterklärung Mythen heute nicht mehr benötigen. Sie weiß aber auch, dass unsere größten Wünsche und tiefsten Ängste im Mythos komprimiert sind. Das macht aus "Ragnarök" einen jederzeit gültigen Weltdeutungstext, der immer wieder neu erzählt werden kann und heute vielleicht bedrängender wirkt denn je - als Parabel für die Selbstzerstörung der modernen Zivilisation durch unkontrollierte Gier, Torheit und Kurzsichtigkeit.



Byatt will die nordischen Götter - Odin, Thor, Baldur, Loki als Personifizierungen der Elementarkräfte - weder vermenschlichen und psychologisieren, noch will sie die abrupten und brutalen Vorgänge des Mythos narrativ plausibilisieren. Ihr Kunstgriff, sich dennoch diesem fremden alten Text anzunähern, ist die Einführung einer kindlichen Leserin als Erzählerin: "das dünne Kind in Zeiten des Krieges". Wie die Autorin selbst bekommt das lesesüchtige dünne Kind, das im Weltkrieg mit der Mutter vor den deutschen Bomben ins sichere Hinterland Nordenglands evakuiert wurde, einen Band mit skandinavischen Sagen in die Hand, in dem von der Entstehung und dem Untergang der Welt erzählt wird: "Asgard and the Gods".



Inmitten des paradiesisch blühenden ländlichen England, über dem gleichwohl allnächtlich der Krieg dröhnt, versenkt sich das dünne Kind erstmals in die grausigen Vorgänge des "Ragnarök"-Mythos und in die Welt der Götter, die sehenden Auges ihren Untergang herbeiführen und dem Kind wahrhaftiger erscheinen als die süßlich-frommen Bibelgeschichten, an die es nicht glauben kann. Erstmals erfährt es vom einäugigen Odin, dem unheimlichen, gefährlichen und versehrten Gott; von Loki, dem Gestaltwechsler und Trickster, der gerne Unheil stiftet und mit dem Chaos liebäugelt; von der Weltesche Yggdrasil, dieser grandiosen Metapher für die Vernetztheit alles Lebendigen; von den Untieren Fenrirwolf und Midgardschlange, die zuletzt die Götter töten und die Welt vernichten werden.



Byatt feiert die Schöpfung und imaginiert ihren Untergang in mitreißenden Kaskaden einer unerhört sinnlichen und elaborierten Sprache, die allerdings in ihrem Assoziationsreichtum das Sprachvermögen des dünnen Kindes übersteigt. Hier dringt, exzellent übersetzt von Susanne Röckel, die Stimme der belesenen und sprachmächtigen Autorin durch. Ebenso ist es Byatts eigene pessimistische Weltsicht, die in der Polemik gegen das Artensterben und die globale Verschmutzung des Planeten zu Wort kommt. Auf den akademischen Schlussteil, einen Essay "Gedanken über Mythen", hätte Byatt vielleicht doch lieber verzichten sollen.



Besprochen von Sigrid Löffler



Antonia S. Byatt: Ragnarök. Das Schicksal der Götter

Aus dem Englischen von Susanne Röckel

Berlin Verlag, Berlin 2012

174 Seiten, 19,90 Euro