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Religionen / Archiv | Beitrag vom 09.07.2011

Aus Liebe zum Kino und zu Gott

Forschergruppe spürt religiösen Motiven im Film nach

Von Bernd Sobolla

Der Kameramann Michael Ballhaus in einem Kinosaal (AP)
Der Kameramann Michael Ballhaus in einem Kinosaal (AP)

Seit 1989 treffen sich in der Katholischen Akademie Schwerte Theologen und Wissenschaftler, um Filme zu analysieren. Die Forschungsgruppe existiert mittlerweile seit 22 Jahren. In dieser Zeit hat sie Bücher über Weltreligionen im Film, über Vampire oder das Kino von Lars von Trier veröffentlicht. In ihrer neuesten Publikation widmen sich die Autorinnen und Autoren der Wiederkehr religiöser Stoffe und Motive im Film.

Das Buch steckt voller Überraschungen und setzt bei Ignatius von Loyola an. Der Gründer des Jesuitenordens lebte im 16. Jahrhundert. Sein Einfluss auf den Film, der erst 400 Jahre später entstand, sollte eigentlich gering sein. Doch zunächst geht es um Grundsätzliches, wie Herausgeber Peter Hasenberg betont.

"Es ging uns darum zu zeigen, dass es eine Tradition gibt, in der die sinnliche Vorstellung von Bildern, schon vor dem Film verankert ist. Und hier versucht der Autor über die Exerzitien von Ignatius von Loyola zu zeigen, dass dieser auch ganz spezielle Übungen der Imagination vorschreibt, und dass das so zu sagen eine Art Kopfkino ist, bevor es Kino gab."

Der Übergang zu den analysierten Filmen, die zum Teil recht weltlich wirken, gelingt Reinhold Zwick. Denn er weist darauf hin, dass die Allgegenwärtigkeit des Religiösen häufig durch die Identitätssuche von Menschen ausgedrückt wird. Die Autorin Stefanie Knauß widmet sich dann den Filmen der so genannten Berliner Schule. Das ist eine Gruppe von Regisseuren, die in Berlin leben und zumeist Alltagsgeschichten mit wenig Dialogen und langen Kameraeinstellungen zeigen. Dazu gehört auch der Film "Sehnsucht" von Valeska Grisebach. Er erzählt von einem verheirateten Handwerker, dessen Leben nach einer durchzechten Nacht und dem Aufwachen in einem fremden Bett aus den Fugen gerät.

Sprachlich präzise und leicht verständlich zeigt die Autorin, dass durch die langen Kameraeinstellungen genaues Beobachten erst möglich wird, vermeintliche Kleinigkeiten unsere Aufmerksamkeit erlangen, der Zuschauer somit neu sieht, neu entdeckt. Spannung wird in den Werken der Berliner Schule nicht durch das Gezeigte oder Gesagte erzeugt, sondern durch das, was präsent ist, aber weder im Bild noch im Text auftaucht. Zum Beispiel wenn Angela Schanelec in dem Film "Marseille" ihre Protagonistin in die fremde Stadt schickt, wo sie in einer Bar einem Fremden erzählt, dass sie Probleme habe, Dinge zu beenden.

Kurz, sie befindet sich auf der Sinnsuche. Für Peter Hasenberg bieten gerade die Filme der Berliner Schule Raum für neue Erfahrungen.

"Weil sie versuchen durch das Durchbrechen von normalen Sehkonventionen auch den Blick auf die Alltagswelt neu zu justieren, neue Dimensionen zu eröffnen. Und das ist letztlich ja auch das, was in ähnlicher Weise Religion macht. Der religiös bestimmte Mensch sieht die Welt mit anderen Augen. Er liest in dem, was er im Alltag vorfindet, Zeichen der Präsenz Gottes."

Hasenberg selbst widmet sich in seinem Beitrag den Anfängen von Filmen, die für ihn die "Lesart" eines Werks vorgeben und damit eine Art Initiation des Zuschauers darstellen. In dem Film "Wenn die Gondeln Trauer tragen" von Nicolas Roeg zum Beispiel ertrinkt am Anfang ein kleines Mädchen. John, ihr Vater, ein Restaurator, "sieht" das Unglück zuvor durch einen Blutstropfen auf einem Dia kommen, kann seine Tochter aber nicht mehr retten.

Einige Zeit später restauriert John in Venedig eine Kirche.

Der Film fragt, ob es eine Art göttliche Fügung gibt, ob hinter dem, was wir sehen, eine andere Welt existiert und was wir wahrnehmen können. Während einige Texte etwas zu wissenschaftlich wirken, sind andere leicht verständlich, aufschlussreich und machen Lust, Filme unter diesem Aspekt zu sehen oder neu zu entdecken. Der Buchtitel "Zeit, Bild, Theologie" klingt etwas trocken. Denn es geht vor allem darum, wie Menschen mit Lebenskrisen umgehen, wie sie Momente der Transzendenz erleben und welche Bilder Filmemacher wählen, um diese sichtbar zu machen.

Peter Hasenberg: "Es gibt natürlich etwas, was sehr stark mit Transzendenz verbunden wird, das sind Lichtkompositionen. Sehr helle Räume, weiße Räume. Es gibt Filme, in denen beispielsweise eine Weißblende als Zeichen von Auferstehung oder Entrückung gedeutet wird. Wie sich in ihren Gesichtern möglicherweise spiegelt, dass sie in irgendeiner Weise in Bezug stehen zu einer anderen Ebene. Nicht der Realität, die ihnen gegenüber ist, sondern zu einer Ebene der Transzendenz."

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