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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 06.02.2016

Aus den FeuilletonsZwei Frisuren, eine Meinung

Von Klaus Pokatzky

Beatrix von Storch, stellvertretende AfD-Bundessprecherin, aufgenommen am 24.01.2016 während der ARD-Talksendung "Anne Will" zum Thema "Vorbild Österreich - Braucht auch Deutschland eine nationale Obergrenze?" in den Studios Berlin-Adlershof. Foto: Karlheinz Schindler (picture alliance / dpa / Karlheinz Schindler)
Beatrix von Storch, stellvertretende AfD-Bundessprecherin. (picture alliance / dpa / Karlheinz Schindler)

Die Feuilletons der vergangenen Woche haben Dada gefeiert. Ist es aber noch dada oder schon gaga, wenn empfohlen wird Arabisch als Pflichtfach einzuführen? Und wie gaga ist die "TAZ", wenn sie über Donald Trump und Beatrix von Storch als künftiges Führer-Duo phantasiert?

"Der Kollege sagt: 'Ich gehe kurz Kopierer', die Freundin fragt: 'Wollen wir heute Abend Kino?'" DER SPIEGEL brachte Artikel unter Überschrift "Lass uns kurz reden". "Der Sportreporter berichtet im Fernsehen: 'Der Spieler hat noch Vertrag bis 2018.'" Das schrieb Tobias Becker über die Forschungen der Berliner Soziolinguistin Diana Marossek, wie unsere Sprache immer kürzer wird. "Menschen jedes Alters und jeder Herkunft bilden inzwischen Sätze mit verknappter Grammatik" – so lautet die These von Diana Marossek. Über das Thema hat sie promoviert und nun ein Buch geschrieben.

"Für ihre Doktorarbeit hörte Marossek rund 1400 Acht- und Zehntklässlern in 30 Berliner Schulen aller Schulformen und Bezirke zu, ferner deren Lehrern", so Tobias Becker: "Für ihr neues Buch ergänzte sie die Ergebnisse um Stippvisiten in Hamburg, Köln, München, Potsdam, Ulm und anderen Städten, auch abseits des Schulmilieus." Die Bilanz von Diana Marossek: "Überall habe ich Kurzdeutsch gehört, ob in der Bahn oder auf der Straße, in einer Werbeagentur oder einer Zeitungsredaktion." Aber hier jetzt nicht mehr. Das versprochen.

Dada - die chaotische Sause

"Dann fängt er an, in Zungen zu reden: 'gadji beri bimba glandridi laula lonni cadori'", lesen wir in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN SONNTAGS-ZEITUNG, "ein Lautgedicht, wie es die spätere Etikettierung nennt". Ein Lautgedicht von Hugo Ball, einem der Väter der Dada-Bewegung, die vor 100 Jahren das Licht der Welt erblickte. "Vor 100 Jahren gründeten einige Exilanten und Spaßanarchisten in Zürich das Cabaret Voltaire", hieß es in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG: "Was als chaotische Sause begann, wurde zu einer globalen kulturellen Revolution."

Und deshalb ist das gesamte Wochenendfeuilleton der SÜDDEUTSCHEN Dada gewidmet – so wie die Tageszeitung TAZ am Freitag ihre Überschriften mit einem kunterbunt durcheinandergewürfelten Sammelsurium unterschiedlichster Buchstabentypen und Schriftgrößen gestaltete. Da muss Dada nicht mehr groß erklärt werden. Nur ein Thema zog sich noch breiter durch die Feuilletons: das Thema, das gelegentlich unansehnliche Blüten sprießen lässt – die weniger Dada und mehr Gaga sind.

Arabisch als Pflichtfach?

"Nicht nur sollten jetzt alle Flüchtlingskinder aus dem Nahen Osten Deutsch lernen, sondern auch alle deutschsprachigen Schüler Arabisch. Bis zum Abitur solle Arabisch verpflichtend werden." Das stand in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG zu einem Vorschlag von Thomas Strothotte, dem Präsidenten der privaten "Kühne Logistics University" in Hamburg, veröffentlicht in der Wochenzeitung Die Zeit. "Der Universitätspräsident will Arabisch ja am liebsten sogar zur Unterrichtssprache machen, es soll gar keine Fremdsprache sein", schrieb Jürgen Kaube: "Sollte Arabisch gleichberechtigte Unterrichtssprache werden, müssten zunächst einmal mehr als 300.000 Lehrer an Gymnasien in dieser Sprache Kenntnisse erlangen, die es ihnen ermöglichten, in ihr Biologie-, Physik- oder Geschichtsstunden zu geben." Fazit von Jürgen Kaube in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN: "Der Mann weiß gar nicht, wovon er redet."

Anzeichen des Irrsinns

Da gibt es aber noch ganz andere. "Ist es nicht so, dass sich bei Parteivorsitzenden, Präsidentschaftsbewerbern, Regierungschefs Anzeichen des Irrsinns allerorten häufen?", fragte DIE ZEIT. "Hoffentlich nominieren die Republikaner Donald Trump – ins Weiße Haus einziehen wird dieser Verrückte dennoch nicht", hieß es in einem anderen Artikel der FRANKFURTER ALLGEMEINEN: "Wirklich problematisch wird es, wenn der nächste Propagandist à la Trump die Bühne betritt und besser aussieht, vernünftiger redet und den guten Eindruck macht, um den Trump sich nicht schert", sorgte sich der amerikanische Schriftsteller Richard Ford.

Im Vorwahlkampf: Der Milliardär Donald Trump. (picture alliance / dpa / Larry W. Smith)Im Vorwahlkampf: Der Milliardär Donald Trump. (picture alliance / dpa / Larry W. Smith)

Infektiöser Irrsinn

"Man stelle sich vor: Beatrix von Storch und Donald Trump", fantasierte düster die TAZ über eine deutsch-amerikanische Freundschaft der rechts-alternativen Art – Donald mit der AfD-Politikerin Beatrix von Storch. "Seite an Seite als Führer der neuen westlichen Welt – zwei Frisuren für ein Halleluja. Gott stehe uns bei. Und Allah bitte auch", schrieb Heiko Werning. "Die AfD erzielt derzeit Terraingewinne in der öffentlichen Diskussion, die weit größer sind, als es ihrer Stärke in den Landesparlamenten entspricht", befand die SÜDDEUTSCHE: "Je länger man sich über einen 'Schießbefehl' zur Grenzsicherung ereifert, desto menschenfreundlicher erscheinen alle Maßnahmen zur Reduzierung der Flüchtlingszahlen, die unterhalb des Erschießens angesiedelt sind", meinte Lothar Müller. Oder, um noch einmal die ZEIT zu zitieren: "Es scheint so zu sein, dass Irrsinn infektiös ist, und dass die Medien, indem sie von ihm berichten, zu seiner Verbreitung beitragen."

Alle Waffen verboten, alle Verkleidungen erlaubt

Und damit zur Normalität dieser Tage. "Alle Verkleidungen sind erlaubt bei der Faschingsparty", klärte uns CHRIST UND WELT auf: "Alle Waffen verboten." Es geht um die Faschingsparty an der Schule, die der achtjährige Sohn von Petra Bahr besucht. Keine Wasserpistolen oder Platzpatronenrevolver also diesmal: "Wegen der Kinder aus der neuen Willkommensklasse. Neun syrische Flüchtlinge gehen seit ein paar Wochen in Deine Schule", schrieb die evangelische Theologin in ihrem wöchentlichen Brief an ihren Sohn in der christlichen Beilage der ZEIT. "Sie bekommen es bei Spielzeugwaffen mit der Angst zu tun, weil sie echte Waffen kennen. Sie sollen nicht auch noch in der Schule an all das Schreckliche erinnert werden, vor dem sie geflohen sind."

Es war schon mal einfacher in unserem Land, ein Kind zu sein.

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