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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 20.08.2015

Aus den FeuilletonsWarum "sex" klein geschrieben wird

Von Arno Orzessek

Buchstabensteine mit dem Wort "Sex" (picture alliance / Romain Fellens)
Buchstabensteine mit dem Wort "Sex" (picture alliance / Romain Fellens)

"Was Sie schon immer über 'sex' wissen wollten", steht in der "Süddeutschen Zeitung". Nicht nur das Wort, sondern auch die technische Verselbständigung des Geschlechtsaktes sei eine amerikanische Errungenschaft, schreibt Autor Thomas Steinfeld.

"Wir sind der Hegemon", posaunt die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG...

Behauptet damit aber nicht ihre eigene Sonderstellung auf dem Meinungsmarkt, wie aus der Unterzeile hervorgeht:

"Wenn Deutschland als Zentralmacht in Europa versagt, gibt es keinen Reservekandidaten. Wir sollten uns rechtzeitig damit auseinandersetzen, was unserem Land bevorsteht."

Damit auch der Letzte die Botschaft kapiert, variiert sie der Politikwissenschaftler Herfried Münkler im Artikel selbst noch einmal:

"Scheitert Deutschland an den Aufgaben der europäischen Zentralmacht, dann scheitert Europa."

Das wiederum klingt merkelhaft-pauschal - aber Münkler weiß, was er sagt:

"Die Formulierung vom Scheitern Deutschlands – und nicht etwa der deutschen Politik – ist bewusst gewählt, denn die Aufgaben einer 'Macht in der Mitte' kann die Politik auf Dauer nicht wahrnehmen, wenn ihr dafür keine nachhaltige Unterstützung durch die Gesellschaft zuteil wird."

Und hier die Erklärung, warum FAZ-Autor Münkler die Deutschen tatsächlich für befähigt hält, die Macht der Mitte auszuüben.

"[Es ist] die keineswegs selbstverständliche Tatsache, dass die deutsche Wahlbevölkerung im Vergleich mit den anderen europäischen Staaten in den letzten Jahren die stärkste Resistenz gegenüber den Versprechungen populistischer Parteien aufgewiesen hat. Das ist die Voraussetzung dafür, die Aufgaben der europäischen Zentralmacht verantwortlich bearbeiten zu können." 

Wo die Imperien bleiben

Von der Macht der Mitte ins Reich der Mitte – genauer: zu dessen künftiger geopolitischer Bedeutung.

Unter der Titelfrage "Wo bleiben die Imperien?" behauptet der französische Politikwissenschaftler Dominique Moisi in der Tageszeitung DIE WELT, dass nur zwei Staaten das Zeug zum globalen Friedensstifter haben.

"Das einzige mit entsprechenden Mitteln und Ambitionen ausgestattete Land, das neben den USA als Führungsmacht agieren könnte, ist China [...]. Gemeinsam könnte es diesen beiden Ländern gelingen, das internationale System zu stärken und so die Flut von Chaos und Gewalt einzudämmen. [...] Die Anerkennung Chinas als echte Weltmacht [würde] die USA dazu zwingen, ihre schwindende hegemoniale Macht zu überwinden und die chinesische Führung müsste ihre internationalen Verpflichtungen anerkennen",

vermutet Dominique Moisi...

Für unseren Geschmack jedoch schießt er in der WELT zu sehr ins Blaue und Geopolitisch-Wunschpunschmäßige hinaus.

Es geht um die Sache, nicht um das Wort

Darum: Scharfer Themenwechsel.

"Was Sie schon immer über 'sex' wissen wollten", liebe Hörer, das erfahren Sie in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG.

Aber Achtung! In der zitierten Überschrift wird 'sex' klein- und in Anführung geschrieben. Es geht also nicht um die Sache, sondern um das Wort ...

Was man bei SZ-Autor Thomas Steinfeld stets voraussetzen darf. Tatsächlich kritisiert Steinfeld mit Stapeln gelehrter Bücher im Rücken die Ungenauigkeit des Englischen in der Wissenschaft.

Hier trotzdem nur der Absatz über Sex:

"Man kann auch hierzulande mittlerweile 'Sex haben' [bemerkt Steinfeld], wenngleich man der Formulierung noch anmerkt, dass sie geliehen ist. Nicht nur das Wort, sondern auch die technische Verselbständigung des Geschlechtsaktes [...] ist eine amerikanische Errungenschaft, für die es außerhalb der englischen Sprache keinen Ausdruck gibt. l'acte sexuel ist ebenso verdreht und kompliziert wie auf andere Weise 'Beischlaf'' oder somlag (die schwedische Entsprechung), und keines der drei Wörter bedeutet dasselbe wie ein anderes, weshalb alle sex sagen."

Wir bleiben bei der Sprache.

Der steile Zahn und der Macker

"Wenn steile Zähne Drüsenschau machen, ist das für Macker eine Zentralschaffe", heißt es in der WELT, in der Matthias Heine die Teenager-Sprache um 1960 untersucht.

"Attraktive Frauen mussten sich damals gefallen lassen [so Heine], als Bombe, Biene, Eule, Ische, dufte Kante, Stoßzahn oder Wuchtbrumme bezeichnet zu werden. Wenn Fahrgestell ‚Beine' und Berliner 'Busen' bei einer Drüsenschau für gut befunden wurden, waren sie als Flamme oder Stammzahn begehrt." 

Das Schlusswort hat eine Frau, die unseres Wissens niemals Ische genannt wurde:

Angela Merkel. In der Rubrik "Gesagt ist gesagt" in der TAGESZEITUNG wird die Kanzlerin mit dem charakteristisch eleganten Satz zitiert:

"'Ich werde sicher auch ein Flüchtlingsheim einmal besuchen.'"

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