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Kulturpresseschau | Beitrag vom 20.03.2016

Aus den FeuilletonsWarum man Faschisten zuhören sollte

Von Arno Orzessek

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Adolf Hitler (2.v.l.) und der italienische Ministerpräsident und Duce Benito Mussolini (r), aufgenommen am 15.06.1938 in Rom. (picture-alliance/ dpa / LaPresse Archivio Storico)
Adolf Hitler und Benito Mussolini im Jahr 1938 (picture-alliance/ dpa / LaPresse Archivio Storico)

In den Feuilletons geht es um das politisch Extreme: Die "Welt" legt dar, warum man Faschisten zuhören sollte, und die "NZZ" sinniert über eine Hitler-Serie im deutschen Fernsehen.

"Faschisten muss man zuhören", behauptet die Tageszeitung DIE WELT und dekoriert ihre Aufforderung mit einem Foto, das den italienischen Diktator Benito Mussolini in stolzer Pose vor großer Volksmasse zeigt.

Aber bitte! Die Text-Bild-Kombination ist natürlich nicht dahingehend zu interpretieren, dass die WELT plötzlich braune Seiten aufzieht.

Nein, Richard Herzinger erläutert vielmehr, dass die Diktatoren im 20. Jahrhundert so erfolgreich waren, "weil man ihre Absichten nicht ernst nahm", kann seine These am Beispiel Mussolinis aber nur bedingt überzeugend belegen und warnt schlussendlich vor dem Mann, vor dem er immer warnt – dem russischen Präsidenten Vladimir Putin.

"Auch heute tendiert der Westen dazu, die Absichtserklärungen autoritärer Führer zu überhören oder nicht für bare Münze zu nehmen. Putins Ideologiegebräu aus Sowjetautoritarismus und großrussisch-völkischem Nationalismus zeigt aber, wie auch heute patchworkartige ideologische Konstrukte neu entstehen und auf verhängnisvolle Weise wirksam werden können."

"Braucht Deutschland eine Fernsehserie über Hitler?", fragt unterdessen die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG.

Und zwar, weil der Regisseur und Drehbuchautor Hark Bohm an einer solchen Serie für RTL arbeitet.

Laut NZZ-Autor Joachim Riecker ist das Drehbuch bereits fertig – auch erste Castings gab es schon.

Da Riecker das finale Werk naturgemäß noch nicht beurteilen kann, paraphrasiert er die generelle Einschätzung, die prominente Historiker wie Christopher Clark und Moshe Zimmermann jüngst auf einem Symposion in Cambridge gegeben haben:

"Man kann eine Hitler-Serie machen, doch man muss sie gut machen. Sehr gut sogar."

Soviel zu den toten Diktatoren. Nun zu den feuilletonistischen Nachklängen der Leipziger Buchmesse.

"Wege aus dem moralischen Eifer" überschreibt die TAGESZEITUNG ihren Abschluss-Bericht, in dem Fatma Aydemir den österreichischem Schriftsteller Thomas Glavinic und dessen Roman "Der Jonas-Komplex" in den Mittelpunkt rückt.

"Wer sich mit dem Schriftsteller zum Kaffee verabredet, darf damit rechnen, dass er in der Messekantine am Mittag einen Jägermeister und einen Weißwein bestellt. Doch von alldem, was Glavinic nachgesagt wird (von 'schwierig' über 'genial' bis hin zu 'drogenabhängig' oder 'Arschloch'), wirkt vieles maßlos übertrieben. Klar ist jedenfalls: Glavinic nimmt seine Arbeit ernster als sich selbst. Und das ist schon mal einmalig."

Wie es in Leipzig "Abseits der Wasserglaslesung" unter jungen Lyrikern zuging, davon erzählt Philipp Bovermann in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG.

Am Auftreten der Dichterin Uljana Wolf etwa hat der SZ-Autor erkannt, dass Poesie "als 'soziale Praxis' funktionieren kann":

"'Sist zappenduster im gedicht, welche sprache es wohl spricht?' In Zeilen wie diesen wandert Wolf mit der vorgeblich naiven Freude eines Kindes, das sprechen lernt, zwischen den Sprachen hin und her, übersetzt wörtlich und dadurch falsch, bis einem auch die eigene Sprache zur Fremdsprache wird. Jedes ihrer Gedichte ist ein zugleich politischer und analytischer Akt. Ein Sturz ins Unbekannte, in dem sich, nur für einen Moment, der utopische Raum eines gegenseitigen Verstehens öffnet."

Große Worte von SZ-Autor Phillip Bovermann über Uljana Wolf.

In der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG berichtet Tilman Spreckelsen, die Hälfte der Bücher, die für den Jugendliteraturpreis nominiert wurden, habe "mit Flucht, Vertreibung oder daraus resultierenden ethnischen Spannungen zu tun".

"Keines ergreift blind Partei, lobt Spreckelsen, alle stellen dar, was ist oder war, aus der Perspektive derer, die an den Folgen politischer Entscheidungen zu tragen haben, die anderswo fielen."

Übrigens: Wenn Sie sich auch über die aufgeblasene Wahl- und Meinungsforschung ärgern, liebe Hörer, sollten Sie in der SZ "Das Prinzip des Pi-mal-Daumen" lesen… Ein Interview mit dem Soziologen Andreas Dieckmann, der die "Geheimnisse, Irrtümer und die Feigheit" der Branche entlarvt.

Okay. Nun könnten wir uns, wie immer, freundlich verabschieden. Aber heute folgen wir lieber der TAZ. Sie titelt:

 "Nett sein lohnt sich nicht."

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