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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 26.01.2016

Aus den Feuilletons"Sterbenslangweilig und ekelerregend"

Von Arno Orzessek

Regisseur Quentin Tarantino bei der Deutschlandpremiere "The Hateful Eight" in Berlin (imago / pixelpress)
Regisseur Quentin Tarantino bei der Deutschlandpremiere "The Hateful Eight" in Berlin (imago / pixelpress)

Mit "The Hateful Eight" gilt Quentin Tarantino nicht mehr als der absolute Liebling der Feuilletons. Während die "Welt" ihn noch als "wichtigsten Vertreter des amerikanischen Gegenwartskinos" feiert, verreißen "Berliner Zeitung" und "FAZ" seinen neuen Film.

"Sie reden und reden und reden",

klagt die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG.

Bezieht sich dabei aber nicht auf wortreiche Radio-Programme wie dasjenige, das Sie eingeschaltet haben, liebe Hörer, sondern auf "The Hateful Eight" – die hasserfüllten oder verhassten oder hassenswerten Acht – aus dem gleichnamigen neuen Film von Quentin Tarantino, einem Western, der in der Frontier-Zeit spielt. Wie jeder weiß, der jemals einen Tarantino sah, kann es beim Reden natürlich nicht bleiben. Folglich suhlt sich auch der neue Streifen in Gewalt, und zwar derart, dass die FAZ-Autorin Verena Lueken abwinkt.

"Tarantinos neuer Film feiert seine blutigen Orgien im Reich der Affekte, der Horrors und Splatters, während der Regisseur behauptet, etwas Substantielles zur Frage der Rassenbeziehungen beizutragen. Dagegen lässt sich dann doch die Frage einwenden, ob seine Blutbäder den Zuschauer emotional und intellektuell an einen Ort führen, an dem sich ein Aufenthalt lohnen würde. Nun, beim achten Film, heißt die Antwort: nein."

Verena Lueken spricht uns aus der Seele. Wir verstehen schon länger nicht mehr, warum Tarantino Feuilletons gefeierter Liebling ist. Denn in der Tat: Seine ästhetisch zwar erlesen vorgetragene, inhaltlich aber oft schmerzhaft indolente Blutrausch-Lust führt allzu oft an Orte, an denen der innere Aufenthalt nicht lohnt. Eingestandenermaßen wären wir unseres Urteils noch sicherer, wenn wir "The Hateful Eight" bereits selbst gesehen hätten ...

Und lassen aufgrund dieser Verlegenheit Frank Olbert zu Wort kommen, der Tarantinos Film in der BERLINER ZEITUNG "Sterbenslangweilig und ekelerregend" nennt.

"Man sitzt ermattet und deprimiert davor und sucht nach einem tieferen Sinn für das Gemetzel. Vermutlich gibt es keinen – außer der Tatsache, dass Tarantino irre viel Spaß bei der Sache hatte, wie in all den Splattermovies, die er sich während seiner Sozialisierung in den Videoläden von Los Angeles reingezogen hat."

Bevor nun Tarantino-Fans ihre Pumpguns durchladen, hier noch die Meinung von Hans-Georg Rodek.

Der Autor der Tageszeitung DIE WELT nobilitiert Tarantino "zum wichtigsten Vertreter des amerikanischen Gegenwartskinos" und widmet dem Kopfgeldjäger, den Samuel L. Jackson spielt, Aufmerksamkeit.

"[Diese] Figur ist die Verkörperung der Einsicht, dass – wer in einer auf Gewalt beruhenden Gesellschaft überleben will – selbst Gewalt ausüben muss und genauso von ihr korrumpiert wird. Das ist für Tarantino-Figuren keine neue Einsicht, doch wer bei ihm die Gewalt am cleversten anwendete, konnte bisher sicher sein, am Ende mit heiler Haut davonzukommen. Das ist in "The Hateful Eight" nicht mehr der Fall. An die Stelle fröhlichen Zynismus ist der blanke Nihilismus getreten. Eine Versöhnung der Rassen ist nur über ein zusammenschweißendes Blutbad möglich."

Wir merken uns: Rodek hält 'Rasse' für einen zielführenden Begriff und Tarantino offenbar für einen Rassen-Theoretiker ...

"Kunst aus dem Holocaust" - Ausstellung im DHM

Wenden wir uns nun aber den "Landschaften des Grauens" zu, die in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG Überschrift wurden.

Stephan Speicher bespricht "Kunst aus dem Holocaust" im Deutschen Historischen Museum Berlin, eine Ausstellung von Werken, die jüdische Gefangene in den NS-Konzentrationslagern geschaffen haben.

"Es fällt auf, wie zurückhaltend die künstlerischen Mittel der Arbeiten sind. Nicht der Schrei dominiert, sondern eine ruhige Fassungslosigkeit, der Versuch, sich der Situation erst einmal zu vergewissern. [ ... ] Und das ist der vielleicht stärkste Eindruck, den die Ausstellung erregt: Der aus fast allen Werken hervorscheinende Wille zum Positiven, der Glaube an das Gute und zuletzt die Sehnsucht nach Normalität."

Um im KZ zu bleiben:

Die WELT berichtet über Luigi Toscano, der Auschwitz-Überlebende fotografiert hat. Einige, so Christin Listing, erzählten ihm dabei Erschütterndes:

"Wie Gertrut Roche, deren Mutter ihr trotz der nächtlichen Schreie, die sie in Birkenau hörte, einschärfte: 'Wenn sie fragen, sag, in den Öfen wird Brot gebacken'. Sie rettete ihr damit das Leben, denn als die SS die Kinder befragte, verschwanden all jene, die antworteten, dort würden Menschen verbrannt."

Heute, liebe Hörer, verzichten wir auf die Schlusspointe.

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