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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 16.09.2015

Aus den Feuilletons Putins Liebling dirigiert in München

Von Gregor Sander

Der Intendant Valeri Gergijew dirigiert das Orchester des Mariinski-Theaters im russischen St. Petersburg. (picture alliance / dpa / RIA Novosti / Alexei Danichev)
Valeri Gergiev, ehemals Intendant des Mariinski-Theaters im russischen St. Petersburg, startet jetzt in München. (picture alliance / dpa / RIA Novosti / Alexei Danichev)

Wolfgang Beckers neuen Film "Ich und Kaminski" mit Daniel Brühl loben "Taz", "Zeit" und "Welt". Und die "Süddeutsche Zeitung" widmet sich Valeri Gergiev. Der Russe ist der neue Chefdirigent der Münchner Philharmoniker - und ein Putin-Freund.

Da macht einer nach zwölf Jahren wieder einen Kinofilm und das Feuilleton ist vor Freude außer sich:

"Zu Beginn hüpft das Herz höher. Der liebevoll versponnene und kunstfertige Vorspann ist ein einziges Versprechen."

Mit diesen Worten beginnt Anke Leweke ihre Kritik zu Wolfgang Beckers "Ich und Kaminski" in der TAZ. Nach dem Welterfolg "Good by, Lenin" hat Becker sich nun an eine Romanvorlage von Daniel Kehlmann herangewagt. Ein schmieriger Journalist, gespielt von Daniel Brühl, macht sich an einen greisen Großkünstler heran, um dessen Ruhm auszuschlachten. Jens Jessen von der Wochenzeitung DIE ZEIT vergibt die Höchstpunktzahl:

"Im Übrigen ist der Film (vor allem für deutsche Verhältnisse) makellos. Er ist makellos beleuchtet, makellos geschnitten, er hat ein schwindelerregendes Gefühl für Timing und Proportion. Die Pointen sitzen, geraten einander nicht in die Quere, nehmen auch keinen ungebührlichen Platz ein, es wird überhaupt nichts ausgewalzt, die ganze elende deutsche Ausführlichkeit fehlt."

Und Hans Georg Rodek fügt in der Tageszeitung DIE WELT hinzu:

"'Ich und Kaminski': ein großer Solitär im deutschen Kino, und auch international muss man solche Fabulierlust lange suchen – bis einem etwa 'Die fabelhafte Welt der Amélie' einfällt."

Neuer Chefdirigent startet Amtszeit in München

Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG hat die gesamte erste Seite ihres Feuilletons dem neuen Chef der Münchner Philharmoniker gewidmet, Valeri Gergiev, oder wie er in der Überschrift genannt wird, dem:

"Maestro mit Zahnstocher"

Gergiev erklärt sein Arbeitsgerät so:

"Ich dirigiere momentan auch nicht mit einem Zahnstocher, sondern mit einem kurzen Dirigierstab. Ein größerer Stab kann vielleicht helfen, dass man besser gesehen wird. Aber am Ende geht es darum, dass Orchester und Dirigent ein System entwickeln, um miteinander zu atmen."

Diese erste gemeinsame Atemübung wird an der Isar sehnlich erwartet und Reinhard Brembeck kündigt sie in der SZ so an:

"Seine Münchner Amtszeit beginnt Gergiev an diesem Donnerstag mit Gustav Mahlers 'Auferstehungssymphonie', was frech suggeriert, dass die Philharmoniker unter Celibidaches Nachfolgern James Levine, Thielemann und Lorin Maazel auf den Hund gekommen seien. Damit schraubt Gergiev die Erwartungen an sein künftiges Münchner Tun und Lassen gewaltig nach oben."

Gespannt ist das Münchner Publikum auch auf die politischen Äußerungen des neuen Dirigenten, der seinem Förderer Wladimir Putin in den letzten Monaten treu zur Seite stand, wie Brembeck betont:

"Eine seltsame Äußerung über Putins Homosexuellengesetz, das Konzert mit der für den Sieg der Russen über Nazideutschland komponierten Zehnten von Schostakowitsch im russisch besetzten Südossetien, seine Unterstützung von Putins Ukraine-Politik haben im Westen, auch in München zu Irritationen und Protesten geführt. Das kann in Zukunft weiterhin irritieren, aber das hängt weniger von Gergiev als von Putin ab."

Wirbel um Shortlist des Deutschen Buchpreises

Gehofft haben bis zum Mittwoch 20 deutschsprachige Autoren, dass sie von der Longlist des Deutschen Buchpreises auf die Shortlist gewählt werden. Gerrit Bartels vom Berliner TAGESSPIEGEL, der nicht in der Jury saß, fragt hinterlistig:

"Was soll das für ein 'Preis für den besten Roman des Jahres' sein, wenn maßgebliche Autoren wie dieses Jahr zum Beispiel Ralf Rothmann oder Andreas Maier ihren Verlagen untersagen, ihre neuen Bücher für den Preis einzureichen?"

Richard Kämmerlings von der WELT, der auch nicht in der Jury saß, vermisst schmerzlich Clemens Setz' "Die Stunde zwischen Frau und Gitarre":

"Wenn eine Jury nicht in der Lage ist, den herausragenden Charakter eines solchen Buches zu erkennen (und sei es nur als eine zugegeben extreme Möglichkeit zeitgenössischen Schreibens), dann hat sie versagt, ganz egal, welcher der anderen Kandidaten am Ende den Preis bekommt. Der ist nämlich von Vornherein entwertet."

Vielleicht sollten die Leser einfach wieder die Bücher lesen, die sie interessieren, statt sich, von welcher Jury auch immer, eine Liste über kurz oder lang unterjubeln zu lassen.

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