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Kulturpresseschau | Beitrag vom 21.12.2015

Aus den FeuilletonsEhrenrettung für Pinocchio

Von Tobias Wenzel

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Pinocchio in Florenz (picture alliance / Lars Halbauer)
Pinocchio ist eigentlich eine positive Figur (picture alliance / Lars Halbauer)

Von der AfD werden die etablierten Medien in letzter Zeit gerne "Pinocchio-Presse" tituliert, was besser klingt als "Lügenpresse", aber der Holzfigur Unrecht antut, findet Dirk Schümer in der "Welt". Denn: Die AfD reduziere ihn auf einen holzgewordenen Lügner, dabei sei er eine verkappte Christus-Figur.

"Haben Lügen lange Nasen?", fragt Dirk Schümer in der WELT und verteidigt dann Pinocchio gegen die Vereinnahmung durch die AfD. Mitglieder und Anhänger der Partei würden nämlich neuerdings die etablierten Medien als "Pinocchio-Presse" bezeichnen. "Das klingt irgendwie netter als der Kampfbegriff 'Lügenpresse'", schreibt Schümer. Es sei aber doppelt unschön: Einerseits würden somit "Journalisten quasi kollektiv als Hampelmänner und Marionetten" bloßgestellt.

Andererseits sei die Episode im Pinocchio-Buch von Carlo Collodi, in der Pinocchios Nase bei jeder Lüge länger werde, nur ein Detail. Pinocchio sei eigentlich ein positiver Charakter. Die italienische Literaturgeschichte habe ihn gar als "verkappten Christus"glorifiziert. Und für die AfD sei er nun nur noch ein "fleisch-" bzw. "holzgewordener Lügner".

Manipulationsvorwürfe gegen das ZDF

So absurd der Vorwurf ist, die deutschen Medien hätten sich verschworen, um systematisch die Wahrheit zu vertuschen, umso wichtiger ist es in solchen Zeiten für Journalisten, sauber zu arbeiten.

Schwer wiegt der Vorwurf, den nun das russische Fernsehen, so staatstreu und propagandistisch geschult es auch sein mag, gegen die ZDF-Dokumentation "Machtmensch Putin" erhoben hat, die am vergangenen Dienstag zu sehen war. Elke Windisch berichtet im TAGESSPIEGEL über den Vorwurf, zumindest die in der Dokumentation enthaltene Episode aus dem Donbass, also den Separatistengebieten in der Ostukraine, sei "frei erfunden".

"Aufgehängt ist die Story an einem angeblichen Freiwilligen aus Russland, der angeblich auf Seiten der Separatisten kämpft und angeblich Igor heißt", schreibt Windisch. Reporter des russischen Fernsehens hätten nun den vermeintlichen "Igor" interviewt. In Wirklichkeit heiße er Juri Labyskin. In den Worten von Elke Windisch:

"Er habe, so Igor, in dem ZDF-Film gelogen und ein Drehbuch der Autoren abgearbeitet. Dafür habe ihm der Producer eine Gage von 50.000 Rubel versprochen."

Das ZDF bestreitet die Vorwürfe im TAGESSPIEGEL-Artikel. Der Interviewpartner habe alles aus freien Stücken erzählt. Und das sei genauso wiedergegeben worden. Zitat ZDF:

"Unser Rohmaterial bestätigt das in vollem Umfang."

Vielleicht sollte das ZDF dieses Rohmaterial veröffentlichen. Damit könnte es beweisen, dass der Interviewpartner vielmehr vom russischen Fernsehen gekauft wurde. Sonst steht der Vorwurf, so sehr man dem Urheber auch misstrauen mag, weiter im Raum.

Plagiatsskandal in Südkorea

Einfacher ist es gerade in Südkorea, zwischen Wahrheit und Lüge zu unterscheiden. Und zwar in einem großen und kuriosen Plagiatsskandal. Darüber berichtet Hoo Nam Seelmann in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG. Es geht um 38 Lehrbücher aus naturwissenschaftlich-technischen Fächern, die ein regelrechtes Plagiatssystem offenbart haben. Hoo Nam Seelmann erklärt es so:

"Ein Professor verfasst ein Lehrbuch, das ein Kollege mit Zustimmung oder Duldung des Verfassers, versehen mit einer anderen Umschlagseite, unter dem eigenen Namen neu herausbringt. Hat der Verfasser zugestimmt, erhält er regelmäßig sein Honorar vom Verlag. Dieser profitiert auch davon, da Lehrbücher keine hohen Auflagen haben und nicht zu teuer sein dürfen."

Nun solle gegen 74 Professoren, Plagiatoren und willentlich Plagiierte, Anklage erhoben werden.

Die entkronte Königin

Wäre doch Moderator Steve Harvey eine lange Nase gewachsen, während er in Las Vegas die Kolumbianerin Ariadna Gutiérrez zur "Miss Universe 2015" erklärte! Aber Harvey hatte ja nicht gelogen, sondern sich einfach nur vertan. Zweieinhalb Minuten fühlte sich die Kolumbianerin als Siegerin, hatte schon die Krone im Haar. Bis sich der Moderator entschuldigte, und Pia Alonzo Wurtzbach von den Philippinen zur Siegerin des Schönheitswettbewerbs erklärte.

Die TAZ gibt – böse, böse! – die Gedanken der Kolumbianerin wieder, bis zu dem Moment, in dem ihr die Krone vom Kopf genommen wurde:

"Waaaas? Moment mal! Hey! Was soll das? Haaaaalt! Mein, mein, mümümümümümeine Kroooooneeeee! Neeeeeiiiin!"  

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