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Kulturpresseschau | Beitrag vom 07.03.2016

Aus den FeuilletonsDonald Trump tanzt den Mussolini

Von Arno Orzessek

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Donald Trump in South Carolina. Er winkt seinen Anhängern zu. (Richard Ellis, dpa picture-alliance)
Polarisiert und wildert zitatemäßig äußerst unbefangen: Donald Trump. (Richard Ellis, dpa picture-alliance)

"Es ist besser, einen Tag als Löwe zu leben, als hundert Jahre ein Schaf zu sein", hat der US-Präsidentschaftsbewerber Donald Trump kürzlich getwittert. Das Zitat wird aber Benito Mussolini zugeschrieben, schreibt die "taz".

"Ineffizienz kann sehr effizient sein", titelt die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG

Worüber sich diejenigen unter uns freuen werden, die den Wert des Abhängens, Faulenzens, Herumlungerns und Zeit-Totschlagens in der Leistungsgesellschaft unterbewertet finden.

Leerlauf ist wichtig - auch für Behörden

Allerdings münzt die Soziologin Barbara Kuchler ihre These – "Ein gewisser Leerlauf ist sinnvoll" – nicht auf individuelle Entspannungspraktiken, sondern auf das Funktionieren von Behörden und Verwaltungen.

"Staatliche Einrichtungen brauchen ein gewisses Maß an Leerlauf, an Überkapazitäten, an überschüssigen Ressourcen, und wenn sie dies nicht haben, operieren sie hart an der Grenze zu einem Zustand, der dann von Kritikern schnell als 'Versagen' und 'Kaputtsparen des Staates' angeprangert wird. Das kann man aus den Fällen wie der Kölner Silvesternacht und dem Berliner Lageso lernen."

Der englische Fachbegriff für sinnvollen Ressourcen-Überschuss lautet übrigens "Slack" – und wir werden uns dieses Wort merken …

Denn die medienkritische FAZ-Autorin Kuchler hat ja recht:

"Nicht alles, was überschüssig ist, ist auch überflüssig – und nicht alles, was 'slack' ist, muss weg."

Zwischen Hulk Hogan und Backstreet Boys

Ein Überschuss an Aggressivität, Populismus und argumentativem Irresein kennzeichnet den US-Milliardär Donald Trump, der sich bekanntlich ins Weiße Haus hochmotzen möchte… Was einige Promis nicht überflüssig, sondern erfreulich finden, wie der Berliner TAGESSPIEGEL berichtet:

"Zu Trumps Unterstützern gehören der Moderator Jesse James, Ex-Basketballer Dennis Rodman, Ex-Boxer Mike Tyson, die Alt-Wrestler Hulk Hogan und Jesse Ventura, die Rapperin […] Banks sowie Sänger Aaron Carter von den Backstreet Boys."

Erklärlicherweise spottet der TAGESSPIEGEL:

"Der Glanz dieser Phalanx wirkt schon etwas verblichen."

Zitiert aber auch den Rockstar Kid Rock, dessen Statement offenbart, warum einer wie Trump am bitteren Ende Präsident werden könnte:

Seine Kampagne ist einfach scheißunterhaltsam."

Ob unterhaltsam oder nicht - jüngst hat Trump getwittert: "Es ist besser, einen Tag als Löwe zu leben, als hundert Jahre ein Schaf zu sein"…

Ein Zitat, das dem italienischen Diktator Benito Mussolini zugeschrieben wird – weshalb es Ambros Waibel in der TAGESZEITUNG seiner Kritik der Mussolini-Biografien von Hans Woller und Richard J. B. Bosworth voranstellt.

Waibel unterstreicht, dass Mussolinis Faschismus "mindestens eine Million Opfer" gefordert hat, gibt aber mit Blick auf Mussolinis Ende – er wurde erschossen – zu bedenken:

"Der Diktator Mussolini hat keinen einzigen Tag als Löwe gelebt – er war das Schaf, das irgendwann als Sündenbock für alle und alles herhalten musste und am Ende jeden noch so erbärmlichen Ausweg suchte, um sein gehetztes Leben ein paar Stunden zu verlängern, während Italien in Trümmern lag."

Das TAZ-Foto zeigt Mussolini im offenen Auto, auf dem Schoß sein geliebtes Haustier: ein Löwenjunges.

Kunst mit Körperflüssigkeiten

Um ein letztes Mal Trump als Stichwortgeber auszubeuten: Seine Auftritte sind geradezu bürgerlich-gesittet - verglichen mit den Aktionen der Wiener Aktionisten vor 50 Jahren.

Unter dem Titel "Blut, Schweiß und Gerede" bespricht Catrin Lorch in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG drei Ausstellungen, die in München, Wien und Berlin die Geschichte und Bedeutung der Aktionisten untersuchen.

"Kann man die Kunst der Körperflüssigkeiten noch verstehen?", lautet Lorchs Leitfrage.

Eine direkte Antwort können wir nicht finden – wohl aber diese indirekte:  

"Es sind nicht mehr die gleichen Augen, die auf die Blutorgien und Mysterienspiele schauen. Heute stehen die Bilder in Konkurrenz zu anderen, die nicht nur der Fantasie des Zuschauers Gewalt antun: 2016 wird vor Videokameras viel Blut vergossen. Der Besucher, der auf die Video-Monitore der Museen schaut, hat womöglich gerade im Speicher des gebraucht gekauften Smartphones die Bilder ein Enthauptung entdeckt, gefilmt in Echtzeit."

Soll offenbar heißen: In der digitalen Welt sind jegliche Tabus tabu und darum überwältigt uns Heutige der Wiener Aktionismus nur noch bedingt. 

Zum Schluss ein Ernährungs-Tipp. Passend zur Passions- und Fastenzeit titelt die TAZ:

"Schnaps und Schnitzel sind des Teufels."

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