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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 02.01.2016

Aus den FeuilletonsCoolstes Medium? Das Radio!

Von Arno Orzessek

Radiogerät aus dem Jahr 1965 (picture alliance / dpa / Daniel Karmann)
Radiogerät - so angesagt wie lange nicht mehr (picture alliance / dpa / Daniel Karmann)

Ob die "NZZ" oder der "Tagesspiegel" - in diesem Jahr bringen die Feuilletons ihre Jahresresümees am liebsten in Tabellenform, und küren zum Beispiel "Spectre" als "ödesten Bond seit Daniel Craig". Die "SZ" stellt überraschend fest: "Das coolste Medium dieser Tage?" - ist das Radio.

Eigentlich hat in der vergangenen Woche ja nur die vierte Ziffer der Jahreszahl von 5 auf 6 gewechselt. Ein winziger numerischer Sprung in unserem mysteriösen Zeit-Ordner namens Kalender. Trotzdem reagierten die Feuilletons auf den Jahreswechsel auch dieses Mal mit Resümees und Prophezeiungen. 

Weil indessen die Welt groß und der kulturellen Dinge viele sind, wählte die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG unter dem lässigen deutsch-englischen Titel "Best of 2015 – Blick zurück und nach vorn" die ergiebige Tabellen-Form: In der Senkrechten reichten die NZZ-Lemmata von "Deutschsprachige Literatur" über "E-Musik" bis "Person", in der Waagerechten von "Herausragend" über "Überraschend" bis "Das Letzte". Summa summarum: 94 knackige und putzige Siebenzeilen-Statements. An der Kreuzung von "Herausragend" und "Philosophie" zum Beispiel schrieb Uwe-Justus Wenzel:

"Stellen Sie sich vor, ein riesiger Asteroid werde, kurz nach Ihrem eigenen und natürlichen Tod, alles Leben auf der Erde auslöschen? Welche Folgen hätte dieses Vorauswissen für Sie? – Mit diesem Gedankenexperiment beginnt das aufschlussreiche Buch 'Der Tod und das Leben danach' […] des New Yorker Philosophen Samuel Scheffler."

An der Überschneidung von "Person" und "Überraschend" verlautbarte das Kürzel "as":

"Kann das sein? Dass der Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk an vierter Stelle unter den einflussreichsten Meinungsführern der Welt rangiert? Ein von der Online-Plattform The World Post und dem Gottlieb-Duttweiler-Institut erstelltes Ranking will es so haben. Aber für Pamuk ist ein Wermutstropfen drin: Paolo Coelho schaffte es gar auf Platz zwei."

Dieser Einwurf hätte auch zu "Person" und "Witzig" gepasst. Dort aber ging es um die – treffend titulierten – "Präpotentaten Putin und Erdogan": "Zar und Sultan – eine alte Geschichte."

Dominik Graf sieht schwarz für Deutschland

Ebenfalls in der Feuilleton-untypischen Darstellungsform Tabelle resümierte der Berliner TAGESSPIEGEL das Kino-Jahr: Senkrecht die Kritiker, waagerecht die Auszeichnungen "Gold, Silber, Bronze, Blech". Gunda Bartels vergab Blech an "Spectre" von Sam Mendes:

"Außer Spesen nichts gewesen. Der ödeste Bond seit Daniel Craig",

moserte Bartels – völlig zurecht, wenn's nach uns geht. Nadine Lange vergab immerhin Silber an "Carol" von Todd Haynes:

"Der schönste Liebesfilm des Jahres. Mit viel Gefühl für die 50er und die Romanvorlage von Patricia Highsmith inszeniert. Und Cate Blanchett ist einfach spektakulär."

Stimmt! Aber noch besser in "Carol" ist Rooney Mara… Für uns: die neue Audrey Hepburn!

Die Wochenzeitung DIE ZEIT fragte indessen unter dem Titel "Deutschland 2036" diverse Kulturgrößen:

"Wie wird unser Leben in zwanzig Jahren sein?"

Der finstere Kurz-Beitrag von Regisseur Dominik Graf lautete:

"Deutsche Zukunft? Keinerlei Grund zur Zuversicht. Deutschland hat sämtliche 'Krisen', die ich erlebt habe, nicht geschafft. Die Entnazifizierung nicht, die Auseinandersetzung mit dem Protestpotenzial der sechziger Jahre nicht, die umjubelte 'Wende' nicht – stattdessen Abertausende kaputte Leben im Westen wie im Osten. Dutzende ungeklärte Morde. BND-Verbrechen […] 'Wir müssen jetzt nach vorne schauen.' Jaja. Das Flüchtlingsproblem? Die nächste mentale und reale Katastrophe ist schon programmiert. Zuversicht? Null",

erhob Dominik Grafeine symptomatische Generalanklage…

Bei deren Lektüre wir an den Wiener Autor Thomas Edlinger denken mussten, der sich in der TAGESZEITUNG zum Charaktertypus "Miserabilist" geäußert hat.

"Der Kern dieses Miserabilismus ist, dass die Problemlagen so hochgehängt werden, dass sie bitte schön verlässlich nicht lösbar sind. Der Miserabilist fühlt sich erst richtig wunderbar, wenn er vor Weltekel fast zerplatzt. Je schlimmer, desto besser."

Milo Rau fantasiert sich Isabelle Huppert als Angela-Merkel-Darstellerin

Lustiger, subtiler, anarchistischer als der erwähnte Graf gab sich in der ZEIT Milo Rau. Der Schweizer Theatermacher fingierte, gediegen dekonstruktivistisch, ein Interview mit sich selbst, in dem es um seinen Merkel-Film geht.

Frage von ZEIT[-Autor Milo Rau]:

"Warum haben Sie sich für Isabelle [Huppert] als Angela Merkel entschieden? Wir hatten eher mit Katharina Thalbach gerechnet."

Antwort von Regisseur Milo Rau:

"Die Huppert hat ebenfalls so etwas Introvertiertes, Trockenes. Und: Sie ist eine große Merkel-Verehrerin! Als ich sie angerufen habe, ob sie die Rolle spielen will, hat Isabelle gleich mit einem Merkel-Zitat gekontert: 'Scheitert dieser Film, dann scheitert Europa.'"

So Rau im Gespräch mit sich selbst über ein Projekt, dessen Realitätsgrad jeder für sich einschätzen mag. Aber vielleicht ist ja die Rau'sche Schizoidie die würdige Nachfolgerin der Absurdität, so weit es um die zeitgemäße Bestimmung unseres Weltverhältnisses geht.

Klassisch gab sich derweil die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG. Sie filterte aus der Zeitläufte der vergangenen zwölf Monate "Ideen, die bleiben", heraus. Für Sonja Zekri ist "Soft Germania" ein solche Idee:

"Früher, also: vor Angela Merkel war es ja gar nicht ungewöhnlich, dass dieser oder jener Politiker varoufakisierte. Dass an Kanzleramtspforten gerüttelt, Schmähungen dargeboten oder pariert […] und ganz generell ein durchaus egoshooterhaftes Verhältnis zur Macht zur Schau gestellt wurde. Angela Merkel ist das fremd, vielleicht sogar: zuwider. […] Die Frau, die es in diesem Jahr auf den Titel von 'Time' als wichtigste Person des Jahres 2015 geschafft hat, als erste Frau […], gilt als 'Meisterin der soft power'."

Nun denn.

Einer, dessen Zukunft restlos gesichert ist – der Tod holte sich noch spät im alten Jahr Lemmy Kilmister, den Sänger und Bassgitarristen der britischen Schwermetall-Band Motörhead.

"Der Goethe des Metal ist tot",

trauerte die Tageszeitung DIE WELT und verabschiedete sich mit dem Titel "Tschö mit Ö"… ö, wie in Motörhead. –

Ach ja, übrigens! Die SZ fragte:

"Das coolste Medium dieser Tage?"

Sie, liebe Hörer, hören schon die ganze Zeit die Antwort. Sie lautete: "Radio". 

Mehr zum Thema

Neu im Kino: "Spectre" - Auslaufmodell Geheimagent
(Deutschlandradio Kultur, Frühkritik, 05.11.2015)

Motörhead-Sänger ist tot - "Lemmy machte keine halben Sachen"
(Deutschlandradio Kultur, Aktuell, 29.12.2015)

Zweite Staffel des Podcasts - Warum uns "Serial" so fasziniert
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