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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 28.05.2014

Aus den BundesländernHessen - das Magazin

Kleinigkeiten aus einem großen Land

Von Anke Petermann

Das schmalste Fachwerkhaus von Hessen, aufgenommen am 17.01.2014 in Bad Orb (Main-Kinzig-Kreis). Das Gebäude soll künftig als Museum und kulturelle Begegnungsstätte genutzt werden. Helga Schoenewolf-Jahn (74), Schwester des im vergangenen Jahr verstorbenen Künstlers Helmut Jahn will es am 16. März zum ersten Todestag des Malers in der Kirchgasse eröffnen. Foto: Jörn Perske (dpa / Jörn Perske)
Das schmalste hessische Fachwerkhaus in Bad Orb (dpa / Jörn Perske)

Hessen ist ein großes Land mit einer ordentlichen Großstadt, Frankfurt am Main. Aber Hessen bietet auch viele Mini-Formate, zum Beispiel ein extrem schmales Fachwerkhaus und eine Zwergschule mit nur 14 Schülern.

Schwarzenborn am Knüll

Hessens kleinste Stadt freut sich klammheimlich, Dorf geblieben zu sein

Schwarzenborn hat mit 1100 Einwohnern weniger als manches Dorf. Aber der Ort bekam vor 685 Jahren die Stadtrechte verbrieft. Darauf ist man hier im dünn besiedelten Nordhessen stolz. Wir haben Schwarzenborn erkundet - Hessens kleinste Stadt, gelegen am Knüll, wie das umliegende Mittelgebirge heißt.

Dunkelheit kann sehr dunkel sein - im zentralen Hochknüll. An einem Frühlingsabend versinkt Schwarzenborn am Fuß des fast 700 Meter hohen Knüllköpfchens in Düsternis. Kaum ein Licht in den Fenstern der Fachwerkhäuschen. Kein offenes Wirtshaus weit und breit. Ja, wo sind sie denn, die 1.100 Schwarzenbörner? Die so stolz darauf sind, Bürger einer Stadt zu sein?

Immer der Blasmusik nach - hier hocken sie also, an langen Tischreihen in ihrer hell erleuchteten Kulturhalle, und feiern das 100jährige Jubiläum des evangelischen Posaunenchors. Jeder Schwarzenbörner kennt einen, der dabei war oder ist. Auch Cornelia Rösner. Ihr 22jähriger Sohn steht in weißem Hemd und schwarzer Hose mit 34 Schwarzenbörner Blechbläsern und -Bläserinnen vorn auf der Bühne – Cornelia Rösner kennt das Geheimnis der ungebrochenen Tradition:

"Der Posaunenchor ist ganz traditionell hier, und es ist so, dass der älteste 84 Jahre ist und der Jüngste 11. Zu meiner Jugendzeit hat das mein Patenonkel gemacht, der Vater des jetzigen Chorleiters. In jedem Winter hat der drei, vier, fünf Schüler gehabt, die wurden im Winter angelernt und Ostern haben die schon offiziell mitgeblasen."

Winter: blasen lernen, Frühling: blasen können, so ist die Jahreszeitenfolge in Schwarzenborn am Knüll.

"Oh, die stellen sich schon!"

Vorn auf der Bühne bringen sie sich wieder in Position, die 35 mit kompakten Sopran- und Alt-Posaunen, mit ausladenden Tenor- und Bass- Instrumenten.

Bläser aus den Nachbarorten verstärken die Klanggewalt der Schwarzenbörner. Eine Frau im roten Hosenanzug eilt an ihren Platz am Tisch zurück: Marion Schoradt, gebürtige Berlinerin, eingewandert vor mehr als 20 Jahren. Aus der größten Stadt der Republik in die kleinste Hessens zu wechseln – kein Problem.

"Das sind supertolle Leute, ich kenne hier ganz, ganz viele. Also, ich bin wirklich froh, hier in Schwarzenborn jetzt heimisch geworden zu sein. Ich hab' es weiß Gott nicht bereut."

Auch wenn zwischen der Herbst-Kirmes und den österlichen Posaunen-Konzerten ein langer dunkler Winter auf dem Hochplateau des nordhessischen Knüllgebirges liegt. Schwarzenbörner aber sind kernig. Schließlich hat Hessens kleinste Stadt ihren eigenen ‚Alpenverein', „Knüllgebirgsverein" heißt der. Außerdem: eine Burschenschaft, die nichts, aber auch gar nichts mit einer elitären, rechtslastigen Verbindung zu tun hat.

"Das ist ein Verein von Jugendlichen im Alter von 15 bis 25, und in den letzten zwei Jahren haben wir einen Mädchen-Schwung dazu bekommen, das sind jetzt knapp die Hälfte Mädchen."

Franziska Kaufmann und ihre Mitstreiterinnen wieseln in dunklen Hemden und Blusen durchs Jubiläumsgetümmel in der Kulturhalle, liefern Bier, Limo, Schnitzel und Würstchen. „Klar helfen wir dem Posaunenchor", sagt Kaufmann, schließlich unterstützt der die Burschenschaft musikalisch bei der Oktober-Kirmes. So wäscht in Schwarzenborn eine Hand die andere. Und alles könnte so schön sein, würden nicht die Schwälmer in der fruchtbaren Niederung den Schwarzenbörnern im kargen Hochknüll schildbürgerartige Dummheit andichten. In den „Schwarzenbörner Streichen" stehen die Städter als Deppen da. Bürgermeister Jürgen Kaufmann ordnet das historisch ein:

"Während unten in der Schwalm die reichen Bauern in Dörfern lebten , früher ja noch als Unfreie – obwohl sie die besseren Böden hatten – und die in Schwarzenborn waren Bürger, dass man dort mit nem gewissen Neid-Faktor hingeguckt hat und gesagt hat, denen hängt man was an."

Inzwischen rufen die Bewohner der kleinsten hessischen Stadt selbst dazu auf,  moderne Streiche zusammenzutragen und bauen damit Selbstironie zum Markenzeichen aus. Das eigentliche Markenzeichen aber ist der Zusammenhalt, weiß Cornelia Rösner.

"Die Gemeinschaft. Die Größe hat's ja eher so wie 'n Dorf, darf man ja nit so sagen, das hören die Leute net so gern...",

aber im Grunde ist es das, was die kleinste Stadt Hessens so liebenswert macht: dass sie auch nach 700 Jahren befreiender Stadtluft aus jeder Pore Dorf atmet.

Adresse: 34639 Schwarzenborn, Knüll

 

Die magische 13

Hessens kleinste Schule im Hinteren Odenwald will nach dem 90. auch noch ihr 100. Jubiläum feiern

Ob am Knüll im Norden oder im Odenwald am anderen Ende des Landes – in den ländlichen Gegenden Hessens sinken die Schülerzahlen. Die schwarzgrüne Landesregierung hat versprochen, keine Lehrerstellen zu streichen. Doch wenn Schulen zu klein werden – dann können die kommunalen Träger entscheiden, sie zu schließen. In Hesseneck im Hinteren Odenwald ist das schon geschehen. Anderthalb Stunden täglich fahren die Grundschüler nun im Schulbus nach Beerfelden. Teil von Beerfelden ist Gammelsbach - mit 900 Einwohnern - und einer alten Dorfschule.

"Und wir sind die kleinste Schule von Hessen",

weiß Dzhan. Der 10-Jährige gehört zu den ältesten von 16 Grundschülern. Sie pauken in einem großen, alten Dorfschulhaus mit Fensterläden und massiven Holztüren.

"Es gibt wenige Kinder. Da kann man besser lernen, weil: wenn zu viele Kinder in einer Schule sind, da will man immer spielen, und hier sind wir nicht so abgelenkt, da können wir besser lernen."

Im gemeinsamen Sachkundeunterricht mit der Vierten nutzt der Drittklässler die Gelegenheit. Beim Thema „Richtig Radfahren im Straßenverkehr" hat er den Finger ständig oben. Da melden sich manche Älteren deutlich weniger.

Lied: "Eins, zwei drei vier – Ich bin ein kleiner Dackel / und wackel' zickel-zackel ..."

In Musik, Sport und Kunst lernen alle Gammelsbacher Grundschüler von der Ersten bis zur Vierten zusammen. Gemeinsam mit Stephanie Schmitt haben sie das Dackel-Lied mit Xylophon-Begleitung fürs 90jährige Schul-Jubiläum einstudiert. An zwei Tagen in der Woche übernimmt Schmitt die Dritt- und Viertklässler in den Hauptfächern. Gar keine Bedenken hat sie, die Jüngeren zu überfordern und die Älteren zu langweilen.

"Wir haben in Deutsch gerade die Vergangenheitsthemen. Dann ist das für die Dreier ein neues Thema und für die Vierer eine Wiederholung. Und ich hab zum Beispiel diesmal Stationen aufgebaut, wodurch sich die Differenzierung ergibt, so dass die Dreier ins Thema reinkommen. Und die Vierer suchen sich die schwierigern Sachen aus und können das Thema erweitern. Und dann geht das gut nebeneinander her."

Entspanntes Arbeiten ohne die übliche Lärmbelastung in vollen Klassen – das bedeutet für Stephanie Schmitt der Job an Hessens kleinster Schule.

"Bei mir in der Klasse sind ja nur fünf."

Fiona lernt als einzige Erstklässlerin gemeinsam mit vier Mädchen aus der zweiten. Aufmerksam verfolgt sie, was die Großen aus der Fibel lesen. Schulleiterin Christa Stiebitz-Wilcke gibt der Sechsjährigen eine eigene Schreibaufgabe, während sie mit den Älteren die Hausaufgaben durchgeht:

"Du sollst vor allem langsam schreiben und Abstand halten."

Karina und Lina, sieben und acht Jahre alt, kümmern sich mit um die jüngere Fiona. In Hessens kleinster Schule übernimmt der Nachwuchs Verantwortung, beobachtet Christa Stiebitz-Wilcke:

"Automatisch, man muss das nicht predigen, man muss das nicht erzwingen, einüben. Sie unterstützen sich gegenseitig beim Lesen, in Kunst helfen sie sich ohnehin zusammen – das ist eher das Geschwisterprinzip als das Schulprinzip."

Jahrgangsübergreifender Unterricht in kleinen Klassen - ein Erfolgsmodell, meinen die Gammelsbacher. Aber ausgerechnet im kommenden Schuljahr nach dem 90-jährigen Jubiläum sinkt die Schülerzahl auf 14. Damit kommt sie der magischen 13 nahe, die der kommunale Schulträger als Untergrenze vorgibt. Bedrohlich, aber nicht das Aus, hofft die Schulleiterin:

Danach kommen wieder mehr Kinder, also da geraten wir nach und nach aus der Gefahrenzone. So lange die Politik nicht Beschlüsse fasst, dass Schulen unter 50 zugemacht werden, sind wir guter Hoffnung, dass wir's 100-jährige auch noch schaffen.

Peter wechselt im Sommer aufs Gymnasium nach Eberbach. Hessens kleinste Schule hat ihn dafür bestens gerüstet, davon ist der Zehnjährige überzeugt. "Auf jeden Fall", sagt er noch und stürmt dann raus, zum Kicken auf der Wiese vorm Schulhaus.

Adresse: Reinhart-van-Gülpen-Schule, Schulstraße 5, 64743 Beerfelden-Gammelsbach, Hinterer Odenwald

 

Kirche Marke Eigenbau

Wie Lindenhof ein eigenes Gotteshaus bekam

Eine eigene Schule hat der alter Weiler Lindenhof im hessischen Teil des Rothaargebirges schon seit fünfzig Jahren nicht mehr. Damals eröffnete im drei Kilometer entfernten Hatzfeld die sogenannte Mittelpunktschule. Mit dem Verkauf des Schulgebäudes verloren Lindenhofs Protestanten auch die Räume für ihre Gottesdienste. Nun gut – viele waren es nicht: rund 100 Einwohner hatte die kleine Siedlung an der hessisch-westfälischen Landesgrenze damals – rund 70 hat sie heute. Der kirchenlose Zustand hielt 30 Jahre – dann bekam Lindenhof das eigene Gotteshäuschen. Die kleinste Kirche Hessens – aber dafür eine mit einer großartigen Geschichte.

Vom schindelbedeckten Dachreiter läutet die Glocke.

"Funktioniert elektrisch",

verrät Küsterin Hildegard Irle, die dafür nur auf einen Knopf drücken muss. Die Eckdaten der Kleinsten Kirche Hessens sind schnell genannt:

"Die hat 46 Sitzplätze und ist 25 Quadratmeter groß."

Eine Fachwerk-Kirche mit Jahrhunderte alten dunklen Balken, aber erst gut zwei Jahrzehnte alt – wie verträgt sich das? Lindenhofs Kirchlein hatte ein Vorleben. Als Getreidespeicher im Waldecker Land weiter im Norden, dort unerwünscht und abrissbedroht.

"Die Maße, als ich die hörte, war ich erst mal erschrocken: 3,95 mal 4,95 und sieben Meter in der Höhe – was sollte man damit anfangen?",

fragte sich der damalige Pfarrer Edgar Weigel. Bis dahin hatte er davon geträumt, einer abrissbedrohten Dorfkirche in Lindenhof Asyl zu geben. Aber auf Bitten des Bezirkskonservators einem Getreidespeicher Unterschlupf gewähren?

Der Kirchenvorstand war zunächst mal auch nicht davon zu überzeugen, dass das eine Kirche werden könnte, aber dann hat er in Zusammenarbeit mit dem hiesigen Architekten Entwürfe gemacht. Das dauerte gar nicht lange, und alle waren plötzlich begeistert. Und vor allem hier die Lindenhöfer. Die haben schon angefangen zu sammeln und brachten innerhalb eines halben Jahres 30.000 D-Mark zusammen. Für den Umzug des Getreidespeichers, erzählt die Küsterin:

"Die Studenten haben ihn abgebaut und die Balken nummeriert. Und hier ist er wieder aufgebaut worden. 1992 war die Einweihung."

Die Stadt Hatzfeld gab das Grundstück an der Straßengabelung her und zahlte die Erdarbeiten. Kreis, Denkmalpflege und die Evangelische Kirche gaben Zuschüsse.

"Alles griff ineinander wie ein Räderwerk",

erinnert sich Manfred Schumacher, damals im Kirchenvorstand:

"Es hat einfach gepasst. Es hat einfach gepasst!"

Schumachers Mutter lauscht der Predigt. Das Gehen fällt ihr schwer, doch in der Minikirche muss ihr der Sohn nur über eine Stufe hinweg helfen, schon kann sie Platz nehmen.

"Mit meinen schlechten Knochen komm' ich hier gut rein",

sagt auch Ernst Schmitt:

"Und der Herrgott ist ja hier viel näher bei einem als in der großen Stadtkirche."

Nichts fehlt dem Getreidespeicher a. D., um die perfekte Kirche zu geben. Zwei winzige Fachwerk-Seitenschiffe und ein Dachreiter tarnen ihn. Eingangstür und Fenster knallrot gerahmt. Eines davon mit religiösen Motiven in farbigem Glas, kunstvoll gestaltet und gestiftet von Ernst Peter Rade, überregional bekannter Künstler aus Dresden, später Dortmund, heute Lindenhof. Die Morgensonne lässt die Farben des quadratischen Fensterchens rot und gelb leuchten.

"Lädt ein zum stundenlangen Meditieren",

schwärmt Ex-Dekan Weigel und lobt die optimale Raum-Nutzung im Ex-Schober.

Der Altar hängt an der Wand, eine massive Holzplatte, platzsparend und von bestechender Schlichtheit. Oben eine winzige Empore, auf die das gespendete Harmonium passt.

"Und hat 'nen guten Klang!"

Ehrenamtlich spielt Martin Bäumner, pensionierter Papierfabrikarbeiter, Schuhmacher und Nebenerwerbslandwirt. Ein Gesamtkunstwerk, Hessens kleinste Kirche, für die sich so viele stark machten und immer noch engagieren. Taufen und standesamtliche Trauungen finden hier statt und beleben den Weiler.

Vor drei Jahren kürten die Hessen den Getreidespeicher alias Gotteshaus in einer Umfrage zur zweitschönsten Kirche des Landes, nach dem Limburger, aber vor dem Fuldaer Dom. Seitdem kommen häufiger Wanderer vorbei, zuweilen halten sogar Reisebusse mit Kulturinteressierten. Der pensionierte Pfarrer Edgar Weigel hat schon wieder einen Traum: ein Cafe, eher ambulant als permanent - abgestimmt auf Gottesdienste, Feste und Besucher-Anmeldungen. Klingt unrealistisch. Genauso unrealistisch wie damals die Vision von einer eigenen Kirche für Lindenhof.

Sprecher:

"Hier nicht verweile –
nur lange Bangeweile ...
Endet so das Stück?
Fliehn wir nun –
oder – gehen zurück?"

(Helmut Jahn. Aus: Purzeln die Parzen?*)

Adresse und weitere Informationen: Lindenhof 6, 35116 Hatzfeld.
Evangelischer Gottesdienst jeden letzten Sonntag im Monat, 9.25 Uhr.

* Text aus dem gleichnamigen Katalog "Purzeln die Parzen?", S. 26

 

Das schmalste Haus in Bad Orb

Hessens großformatigster Künstler lebte im landesweit schmalsten Fachwerkhaus

Warum eigentlich lebte und arbeitete Hessens mutmaßlich produktivster Künstler im schmalsten Fachwerkhaus des Landes? Oder umgekehrt: Warum malte ausgerechnet der Bewohner des "Kleinsten Hauses" in ganz Hessen die großformatigsten Bilder im Land? Man kann ihn nicht mehr fragen. Helmut Jahn, alias Franz von Budapest, wie er sich als Schriftsteller nach seiner Geburtsstadt nannte, starb vor rund einem Jahr, Mitte siebzig war er da. Fünfzehn Jahre lang hatte der Maler und Dichter bis dahin in Bad Orb im Spessart gewohnt. Mit Hilfe der Stadt baute Jahns Schwester das kleinformatige Wohnhaus des großformatigen Künstlers zum Museum um. Jeden Sonntag fährt die Mainzerin nach Bad Orb, um die Gedenkstätte nachmittags zu öffnen. Ein Blick hinter die 1.58 Meter "breite" Fassade.

Im Korridor des Fachwerkhäuschens biegt sich ein Tisch unter Skizzenbüchern und Heften. Helga Schönewolf-Jahn zieht da einen witzigen Cartoon hervor, hier einen seitenlangen Exkurs über Picasso. Darunter liegen Bleistift-Skizzen, weiter hinten ein paar Blätter mit erotischen Geschichten.

"Egal, was, ich anfasse, ich blättere auf – nur Kunstwerke. Er hatte ja Kunst studiert, Malerei studiert, Grafik studiert."

Ihr Bruder war vom Fach. Helmut Jahn war kunstbesessen und arbeitete wie besessen - der wuchtige Mann mit dem silberfarbenen Rauschebart.

"Opulent auch in Farben und gigantischen Maßen. Frankfurter Bahnhof, sehr bekannt von ihm gewesen."

Den "Augengarten" meint Schönewolf-Jahn, das sieben mal 32 Meter große Monumentalbild. Eine Farbexplosion, angefertigt für den Maximilianpark im westfälischen Hamm, 2003 zu sehen im Frankfurter Hauptbahnhof. Davor als Kunst-Bauzaun in Hanau vor der historischen Stadthalle. Im Bad Orber Mini-Fachwerkbau aus dem 17. Jahrhundert hatte Helmut Jahn ein winziges Atelier auf dem Dachboden. Seine bunten Monumentalbilder malte er auf Leitern und Gerüsten stehend im nahen Wilhelminenhaus, einem leer stehenden Klinikbau aus der Zeit um 1900.

"Er hatte Deutschlands größtes Atelier",

hält seine Schwester fest. Und nun eine lebendige Gedenkstätte in Hessens "kleinstem Haus".

"Guten Tag! Hallo! Kommen Sie gern herein!"

Ein Kurgast steckt vorsichtig den Kopf durch die Tür, Helga Schönewolf-Jahn bittet ihn samt Familie herein. Die vier wissen gar nicht, wohin sie zuerst schauen sollen: der zur Straßenecke eigenartig schmal zulaufende Raum mit der legendären "Breiseite" von 1,58 Meter, die intensiven Farbkompositionen an den Wänden – beides Hingucker:

"Guck, da kannst du ein Bett hinstellen.-  Ah ja, das ist toll. - Hier grad so rein - schön.."

Das "kleinste Haus" regt Wohnfantasien an. Auf zwei Etagen gibt es Nischen und Merkwürdigkeiten zu entdecken, Jahns "Denkmal für einen einsamen Pinsel" neben anderen Objekten in einer Glasvitrine. Selbstironische Seitenhiebe des Künstlers

"Ganz lustig, dann die Texte, der 'Selbstmord eines schwarzen Pinsels', und so etwas. Und warum der jetzt nun Selbstmord machte, der arme schwarze Pinsel. Da gibt's halt so Nonsens. Nonsens-Gedichte und Nonsens-Kunstwerke."

Einiges stellt derzeit das Brüder Grimm-Haus im benachbarten Steinau an der Straße aus. Dieses Museum hilft auch, den riesigen Jahn-Nachlass zu katalogisieren. Im Bad Orber Jahn-Museum verabschieden sich an diesem Sonntagabend die letzten Besucher. Helga Schönewolf-Jahn liest sich in einem kunstgeschichtlichen Vortrag ihres Bruders fest. Sein Riesen-Kunst-Vermächtnis und das „Kleinste Haus" haben der Mainzer Ballettmeisterin mit Mitte siebzig eine neue Lebensaufgabe beschert.

Adresse und weitere Informationen: "Kleinstes Haus", Kirchgasse 23, 63619 Bad Orb, Besichtigung sonntags 13 – 18 Uhr
Helmut Jahn - Eine Werkschau – Bilder, Objekte Texte. Bis 15. Juni 2012 im "Brüder Grimm"-Haus und -Museum in Steinau an der Straße (Main-Kinzig-Kreis)

Dörflicher Zusammenhalt in Hessens kleinster Stadt. Soziales Lernen ohne Stress an Hessens kleinster Schule. Gemeinschaftlicher Einsatz für Hessens kleinste Kirche. Das Museum im „Kleinsten Haus" als private Lebensaufgabe. Ein Länderreport über hessische Kleinigkeiten. Oder: die große Leistung, dem Bevölkerungsschwund in der Provinz zu trotzen.

 

Länderreport

Lothar MalskatDie originale Fälschung von Lübeck
Der Kunstmaler Lothar Malskat zündet sich während einer Ausstellung eine Zigarette an (undatierte Aufnahme). Bekannt wurde Malskat durch seine genialen Fälschungen Anfang der 50-er Jahre in der Marienkirche in Lübeck. (picture alliance / Noecker)

Der Maler Lothar Malskat hatte mindestens zwei Leben: eines als erfolgreicher Künstler und eines als Fälscher. In den 50er-Jahren malte er im Auftrag einer Restaurierungsfirma die Basilika Sankt Marien zu Lübeck aus. Dann zeigte er sich selbst als Fälscher an.Mehr

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