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Lesart / Archiv | Beitrag vom 02.12.2012

Aus dem Makel wird ein Merkmal

Alice Bota, Khuê Pham, Özlem Topçu: "Wir neuen Deutschen"

Rezensiert von Mandy Schielke

Alice Bota (Mitte) mit ihren Ko-Autorinnen Khuê Pham (links) und Özlem Topçu
Alice Bota (Mitte) mit ihren Ko-Autorinnen Khuê Pham (links) und Özlem Topçu (dpa / picture alliance / Jens Boldt/Rowohlt)

Sie sind Anfang 30 und entweder in Deutschland geboren oder als Kinder hierher gekommen. Sie haben einen deutschen Pass oder auch nicht. Anders als ihre Eltern sprechen sie ohne Akzent. Deutsch ist nicht ihre Muttersprache, aber die Sprache, mit der sie leben, Textaufgaben in der Schule gelöst haben und schließlich erfolgreich geworden sind.

"Die Frage, wer bin ich, wo gehöre ich hin. Das ist eine Frage, die sich einem ganz natürlich stellt. Was wir uns erlaubt haben, ist das publik zu machen und darüber öffentlich zu sprechen."

Alice Bota, eine der drei Autorinnen:

"Wir haben gemerkt, es gibt etwas, das uns eint und das ist eine sehr starke Wut. Das ist eine Wut darüber, wie über Menschen wie unsere Eltern, wie über Einwanderer gesprochen wird."

Khuê Pham ist in Berlin geboren, ihre Eltern kommen aus Vietnam. Sie fühlt sich nicht als Vietnamesin, sondern als Berlinerin. Doch diese Aussage über sich selbst wird nicht akzeptiert, schreibt sie in den persönlichen Passagen des Buches. Menschen, die ihr begegnen, mit ihr flirten, würden sie nach ihren Wurzeln fragen. Immer wieder. Sie sieht eben nicht deutsch aus:

"Nach der Schule zog ich zum Studieren nach London. Ich mochte es, dort Bus zu fahren. Nicht aufzufallen, weil neben mir Asiaten, Schwarze und Weiße saßen. Wenn ich jemandem sagte, ich komme aus Berlin, gab es keine weiteren Fragen. Nie nahm irgendjemand das Wort "Wurzeln" in den Mund – in einer Stadt, in der Menschen so flüchtig leben und wieder gehen, sind Wurzeln ein fremdes Konzept."

Cover Bota/Pham/Topçu: "Wir neuen Deutschen"Cover Bota/Pham/Topçu: "Wir neuen Deutschen" (Rowohlt Verlag)Schnell fliegt man als Leser über diese Zeilen, in denen die jungen Frauen von sich schreiben, von ihren Erlebnissen erzählen, von ihrer Kindheit und dem unbedingten Wunsch, deutsch zu werden. Von ihren Eltern, die damals noch offiziell Ausländer hießen, hart arbeiteten und von ihren Kollegen in gebrochenem Deutsch angesprochen wurden. Die neuen Deutschen, die Kinder derjenigen, die neu in dieses Land kamen, reflektieren nun diese Ankunft, dieses Leben als Fremde in einem Land, zu dessen Elite sie inzwischen gehören.

"Von unserer Ankunft in Westdeutschland gibt es ein Foto, aufgenommen im Hauptbahnhof von Hannover: Mein Vater, der schon Wochen zuvor nach Deutschland gekommen war, trägt die zwei Koffer, mit denen meine Mutter, mein Bruder und ich angereist sind. Meine Mutter blickt auf einen großen Blumenstrauß in ihrer Hand, der in blaue Folie eingeschlagen ist. Sie strahlt und sieht unfassbar glücklich aus. Ich aber stehe ratlos herum. Ich trage eine beige Jacke und eine graue Hose, die Farben des Sozialismus. Ich bin acht Jahre alt und sehe aus wie ein verlorenes Polenkind, dem gerade etwas abhanden gekommen ist."

Aus Alisja wird Alice. Alles Polnische wird weggedrückt. Alice Bota:

"Ich hab sehr viele Jahre gesagt: Ich bin Deutsche. Und das ging aber nur, weil ich einen Teil meines Lebens – acht Jahre, das ist viel – negiert habe. Ich war Deutsche um den Preis der Assimilation. Wir haben uns angepasst. Ich würde sagen: überangepasst. Und zu sagen, ich bin Deutsch-Polin, bedeutet für mich persönlich auch, sich dagegen zu wehren, eindeutig zu sein."

Inzwischen habe sie gelernt, die Polenkarte nach Bedarf zu spielen, je nach Situation und Befinden in die andere Herkunft zu schlüpfen. Zwei Heimatländer, zwei Identitäten zu haben, wird zum Schatz, der die junge Frau nicht zuletzt für ihren Arbeitgeber interessant macht – auch so ein Merkmal dieser neuen Deutschen. Sie profitieren von ihren Wurzeln anderswo. "Vom Makel zum Merkmal" heißt es an einer Stelle des Buches.

Alice Bota: "Wir haben versucht, ein Gefühl zu beschreiben, um zu sehen, wer sich davon angesprochen fühlt."

Ein Gefühl von Identität dazwischen. An ein Deutschland der Zukunft stellen sie Ansprüche:

"Darin gibt es keine Parallelwelten, sondern nur eine Gesellschaft. Das Wort Migrationshintergrund ist aus dem Wortschatz gestrichen, denn die Kinder von Einwanderern werden einfach Deutsche genannt. Manche machen Probleme, andere haben Erfolg. Manche sind Straftäter, andere Geschäftsleute, aber niemand würde auf die Idee kommen, die Statistik danach aufzudröseln, wer deutsche Eltern hat und wer ein Kind von Iranern, Vietnamesen, Türken, Polen, Russen oder Arabern ist. Wir finden, dass es nach einer ziemlich konkreten Utopie klingt. Mit weniger wollen wir uns nicht zufrieden geben."

Beim Schreiben über die "neuen Deutschen" wechseln die Autorinnen von kämpferischen gesellschaftspolitischen Gedanken zu persönlichen Eindrücken und Erzählungen. Diese Seiten sind es, die das Buch wertvoll machen und den Leser noch Tage begleiten – wie ein Stein im Schuh. So eine Passage, geschrieben von Özlem Topçu:

"Da stand ich nun vor dem Chef des Lokalressorts, einem Mann Ende 50, mit ausgebeulten Hosen und Raucherstimme. Er lächelt mich gutmütig an. In Hamburg, sagte ich, leben 60.000 Türken, die in Ihrer Zeitung nicht vorkommen. Eine gute Lokalzeitung braucht doch jemanden, der sich um das Thema Integration und Identität kümmert. Er schaute mich an und sagte, ich will hier keine Quotentürkin. Was er brauche, sei eine Lokalreporterin … Von nun an war ich Lokalreporterin und berichtete oft davon, wie Türken andere Türken oder Deutsche abstachen. Wenn es nicht um Messerstechereien oder Familiendramen ging, interessierte sich mein neuer Chef nämlich nicht für Türken."

Alice Bota, Khuê Pham und Özlem Topçu schreiben auch über ihre Eltern, über Konflikte in der Familie, über Diskriminierung. Und sie kritisieren deren Unterwürfigkeit.

Alice Bota: "Wir haben alle drei mit unseren Eltern sehr viel gesprochen für dieses Buch. Das waren sehr lange, interessante Gespräche aber auch sehr schmerzhafte Gespräche. Sie verklären das, was war. Aber ich erinnere mich genau an die Verzweiflung, als meine Mutter nicht wusste, wie es weitergeht. Ich hab ihr dann bestimmte Kapitel vorher zum Lesen gegeben, die mich betrafen, und sie hat auch einmal geweint. Sie sagte: Genauso habe ich es empfunden, aber ich konnte nie die Worte dafür finden. Und ich wiederum fühlte Beklommenheit, über meine Eltern so klar zu reden und sie beispielsweise auch als Ausländer zu bezeichnen."

Aber auch der Begriff "Menschen mit Migrationshintergrund" taugt nicht als Ersatz, vermag Zuwanderern aus der ganzen Welt kein gemeinsames Merkmal zu geben. Die Sprache kann die gesellschaftliche Wirklichkeit nicht eindeutig fassen.

Was haben Özlem, Alice und Khuê schon mit einem Gemüsehändler in Altona gemeinsam, oder was mit einem Luxus-Migranten aus Frankreich oder den USA, der sich für ein paar Monate in Berlin mit einem Kunstprojekt beschäftigt?

"Neue Deutsche" könnten Einwanderer vielleicht stattdessen heißen, wie der Titel des Buches nahelegt. Nur, ob sich die Betroffenen auch selbst so nennen wollen? Und auch diese Frage beantworten die Autorinnen nicht: Wer sind eigentlich die alten Deutschen?

Alice Bota, Khuê Pham, Özlem Topçu: Wir neuen Deutschen. Warum das Land Menschen wie uns braucht, aber nicht immer will
Rowohlt Verlag, Reinbek 2012