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Lesart / Archiv | Beitrag vom 05.10.2008

Aufstieg und Untergang

Rolf Hosfeld: "Was war die DDR? - Die Geschichte eines anderen Deutschlands"

Rezensiert von Peter Merseburger

Die Berliner Mauer erinnert an die deutsche Teilung (AP)
Die Berliner Mauer erinnert an die deutsche Teilung (AP)

"Was war die DDR?" unterscheidet sich von einem klassischen historischen Werk nicht nur durch Verzicht auf systematische Chronologie, Fußnoten und Quellenverweise. Der Autor Rolf Hosfeld konzentriert sich auf die richtigen Schwerpunkte, er gibt einen Schnellkursus über einen Staat, der von sich behauptete, das bessere Deutschland zu sein.

Wer über den Aufstieg und Untergang jenes kurzlebigen anderen deutschen Staates schreibt, den Stefan Heym einmal als Fußnote der Geschichte bezeichnete, muss nicht nur von Irrwegen und Sackgassen, von Unterdrückung und an Orwellsche Ausmaße gemahnende Überwachung und Bespitzelung handeln. Er muss auch von den Wahnvorstellungen der Regierenden berichten, die seinen Zusammenbruch beförderten und beschleunigten.

Der Staatbankrott wegen hoffnungsloser Überschuldung zeichnete sich längst ab, da behauptete Erich Honecker, die DDR werde demnächst zur mikroelektronischen Weltspitze zählen und nach Japan, den USA und der Bundesrepublik das vierte Land mit einem Ein-Megabit-Rechner sein. Doch der Ein-Megabit-Chip, den er Michail Gorbatschow mit triumphaler Geste überreichte, kam nie über den Status von handgefertigten Mustern hinaus.

Cover. "Rolf Hosfeld: Was war die DDR? - Die Geschichte eines anderen Deutschlands" (Kiepenheuer & Witsch,)Cover. "Rolf Hosfeld: Was war die DDR? - Die Geschichte eines anderen Deutschlands" (Kiepenheuer & Witsch,)Die reale Welt wurde vom SED-Chef einfach nicht mehr zur Kenntnis genommen. Noch im Februar 1989, ein halbes Jahr vor seinem Sturz und der Öffnung der Mauer, entwarf er einem Besucher aus dem Westen, Hamburgs Erstem Bürgermeister Henning Voscherau, das Bild einer kraftstrotzenden, gesunden DDR: Sie befinde sich in einem stabilen, dynamischen Prozess in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur. Er nahm den eigenen Wunsch für die Wirklichkeit und wurde Opfer der Schönfärberei des eigenen Apparats, einer Schönfärberei, die er selbst allerdings als Propagandist in seinen Reden nach Kräften selbst betrieb. Rolf Hosfeld stellt in seinem Buch über die Geschichte des anderen Deutschland solchem Wahn die harten Realitäten gegenüber:

"Statistiken wurden bewusst gefälscht, Melkmaschinen darin als Industrieroboter ausgewiesen, Erfolge frei erfunden, fundamentale Fehlentwicklungen und die rapide wachsende Rückständigkeit verschwiegen und Mängel aller Art verharmlost. Niemand, auch niemand im Westen, konnte das nachprüfen. Die Westverschuldung der DDR nahm 1989 monatlich um fünfhundert Millionen DM zu. Am 16. Mai musste Planungschef Gerhard Schürer dem kleinen Kreis der Wirtschaftsverantwortlichen des Politbüros dann eröffnen, die DDR werde bei einer Fortsetzung ihrer bisherigen Wirtschaftspolitik ohne Kürzungen im Verbraucherbereich 1991 zahlungsunfähig sein."

Hosfeld ist kein Historiker, sondern ein zupackender intellektueller Hans-Dampf-in-allen Gassen, der über Heinrich Heine promovierte, als Journalist, Verlagslektor und Fernsehautor arbeitete und eine Biographie über Hegel schrieb. Was er jetzt als "Die Geschichte eines anderen Deutschlands" veröffentlicht, unterscheidet sich von einem klassischen historischen Werk nicht nur durch Verzicht auf systematische Chronologie, auf alle Fußnoten und Quellenverweise. Er konzentriert sich auf die richtigen Schwerpunkte, er gibt – mit seinem subjektiven, aber oft treffsicherem Urteil – einen Schnellkursus über einen Staat, der von sich behauptete, das bessere Deutschland zu sein, und er zeigt die Gründe auf, warum er so kläglich scheitern musste. Dabei ist seine Darstellung durchaus nuancenreich.

Hans-Ulrich Wehler bezeichnet die DDR im letzten, soeben erschienenen Band seiner Deutschen Gesellschaftsgeschichte schlicht als sowjetische Satrapie, die in letzter Instanz auf den russischen Bajonetten beruhte, als totalitäre Parteidiktatur, die an ihrer verbohrt- ideologischen Lernunfähigkeit letztlich zugrunde ging. Hosfeld dürfte dies vernichtende Urteil letztlich kaum bestreiten, aber wenn er über die Geschichte der anderen deutschen Republik erzählt, wird doch deutlich, dass am Anfang der DDR mehr stand als nur der Oktroi der sowjetischen Besatzungsmacht.

Da waren deutsche Kommunisten am Werk, die mit sowjetischer Hilfe versuchten, einen Staat zu bauen und eine Gesellschaft zu formieren, die sie nach zwei großen Kriegen bewusst als Alternative zu den herkömmlichen kapitalistischen Verhältnissen verstanden wissen wollten. Am Anfang schwang da viel Idealismus mit, wie Hosfeld am Beispiel jener Aufbruchs- und Gründerzeit belegt, die Karl Krauss, Ernst Bloch und Hans Maier nach Leipzig führte, das mit diesem Zuzug aus dem Westen zur Hochburg der Edelmarxisten wurde. Felsenstein arbeitete an der Komischen Oper, Brecht kehrte nach Berlin zurück und Heiner Müller schrieb später: "Weil Brecht da war, musste man dableiben". Der Schweizer Regisseur Benno Besson meinte gar, damals sei durch Brecht, Anna Seghers, Johannes R. Becher und John Heartfield etwas von der kulturellen Explosion der zwanziger Jahre in die DDR weitergetragen worden.

Nuanciert und kenntnisreich lesen sich auch die Passagen über Walter Ulbricht und Erich Honecker, der zunächst als eine Art Ziehsohn den vollen Respekt des Älteren genießt. Für Hosfeld ist Honecker das typische Produkt einer proletarischen Wertewelt der 20er-Jahre, über die er nie hinausgekommen ist. Deshalb sieht Ulbricht, der Altkommunist, der Stalins Säuberungen im Moskauer Exil unbeschadet überstand, im FDJ-Chef Honecker der späten sechziger Jahre auch einen alt gewordenen Berufsjugendlichen, der nicht mehr auf der Höhe der Zeit ist. Honecker sei als Dachdecker einmal auf den Kopf gefallen und habe davon einen bleibenden Schaden, soll Ulbricht – so seine Adoptivtochter Beate - einmal bei Tisch zu Hause gesagt haben.

Sicher ist: Beider Weltbilder stimmen Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre nicht mehr überein. Ulbricht erkennt mehr und mehr die Mängel des für die DDR unvorteilhaften Niveaus des begrenzten sozialistischen Wirtschaftsraums und möchte sich mehr am Westen und am Weltmarkt orientieren. Nach dem Mauerbau ganz Technokrat, setzt auf Wissenschaft, auf Kybernetik, will ein Programm der Begabtenförderung und geht politisch von Moskau nicht genehmigte eigene Wege.

Da er die Unzulänglichkeiten der sowjetischen Wirtschaft aus eigener Anschauung kennt und die DDR im Ostblock immer noch über die erfolgreichste Wirtschaft verfügt, predigt er dem sowjetischen Parteichef Breschnjew 1964 am Döllnsee, was in der Sowjetunion alles falsch und in der DDR dagegen vorbildlich laufe. Honecker dagegen zeigt sich zutiefst moskautreu, will sich nicht am Westniveau orientieren und erklärt im Politbüro, dass die enge Zusammenarbeit mit der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken "für eine gesicherte Perspektive" entscheidend bleibe.

Im Westen, so Hosfeld, habe Ulbricht damals als Blockierer gegolten, aber neuere Forschungen hätten diese Sicht gründlich revidiert. In der Tat scheint Ulbricht nach Regierungsantritt der sozialliberalen Koalition Willy Brandts 1969 für eine neue Westpolitik und eine vorsichtige Öffnung zum Westen eingetreten zu sein, konnte sich aber im Politbüro damit nicht durchsetzen. Sieger der Auseinandersetzung war schließlich Honecker, der in Absprache mit Moskau handelte und behauptete, die neue Regierung Brandt lasse kaum neue Akzente erkennen. Das jedenfalls war seine Position, bis Moskau ihm befahl, gegenüber der Bundesrepublik einzulenken.

Der eine – der ältere – erkannte die Schwächen der Planwirtschaften des Ostblocks, hielt sich eine Braintrust von 130 Experten, suchte nach marktwirtschaftlichen Reformen innerhalb seines Systems und setzte ganz auf moderne Techniken. Der andere, der Jüngere, wollte keine Experimente mehr, versprach Ruhe und so etwas wie soziale Geborgenheit, startete ein riesiges Wohnungsbauprogramm und nahm mehr Rücksicht auf die Konsumwünsche der Bevölkerung. Beide ruinierten die DDR-Wirtschaft – der Ältere, weil er oft auf fragwürdige Investitionen in Zukunftstechnologien setzte, was am Ende seiner Herrschaft zu dramatischen Versorgungsengpässen führte. Sein Nachfolger, weil er, vom Trauma eines neuen 17. Juni geplagt, den Lebensstandard der Bevölkerung erhöhen wollte, um sie ruhig zu stellen, sich hoffnungslos verschuldete und damit die DDR-Wirtschaft in den Bankrott trieb.

Gewiss nicht die ultimative Geschichte der DDR – aber ein engagiert geschriebener, gut lesbarer, kritisch erzählter Bericht über eine so genannte Fußnote zur deutschen Geschichte, die immerhin vier Jahrzehnte währte und Millionen Landsleute in der zweiten deutschen Diktatur gefangen hielt.


Rolf Hosfeld: Was war die DDR? - Die Geschichte eines anderen Deutschlands
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008

Lesart

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