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Thema / Archiv | Beitrag vom 08.07.2010

"Aufraffen und weitermachen"

Der Filmemacher Jan Tenhaven über Senioren-Sport

Jan Tenhaven im Gespräch mit Matthias Hanselmann

Jan Tenhaven hat Menschen begleitet, die selbst mit 100 Jahren noch auf dem Sportplatz aktiv sind. Aus Ehrgeiz, sagt der Regisseur des Films "Herbstgold" - und erklärt, warum seine Protagonisten sich auch im Senioren-Alter Höchstleistungen abverlangen.

Matthias Hanselmann: Die Leichtathletik-WM der Senioren, alle zwei Jahre findet sie statt, von der Öffentlichkeit so gut wie nicht beachtet. "Herbstgold" heißt ein Film, der hochbetagte Menschen porträtiert, die an der Senioren-WM teilnehmen. Unser Gast ist der Regisseur des Filmes "Herbstgold", Jan Tenhaven. Schön, dass Sie bei uns sind, guten Tag!

Jan Tenhaven: Hallo, guten Tag!

Hanselmann: Die Dame, die wir eben gehört haben, Ilse Pleuger heißt sie, will die Kugel also noch ein paar Jahre stoßen. Sie ist 84 Jahre alt, und der Zufall will es, dass meine Mutter auch 84 Jahre alt ist. Sie ist allerdings froh, dass sie mithilfe ihres Rollators noch ein paar Meter durch die Wohnung gehen kann. Was hat denn meine Mutter falsch gemacht?

Tenhaven: Ach, wahrscheinlich gar nichts. Da ist ja auch viel Glück bei irgendwo. Also ich sag mal so, wenn ich Frau Pleuger sehe mit ihren 84 Jahren, was die für Yogaübungen macht, die konnte ich mit 20 nicht. Ich bin jetzt 40, und die werde ich mit 80 garantiert nicht können. Also natürlich hat sich Frau Pleuger ein Leben lang bewegt, sie hat ja schon als junges Kind Sport gemacht, immer wieder, und klar, das hilft natürlich. Aber ich glaube, es ist auch eine Menge Glück und Pech dabei.

Hanselmann: Wie sind Sie denn eigentlich auf die Idee gekommen, einen Film über die alten Leistungssportler zu machen?

Tenhaven: Na, ich habe durch Zufall von dieser Senioren-WM gehört und bin einfach neugierig geworden, dachte aber am Anfang, das sei so ein Panoptikum - das wollte ich nicht abbilden -, und war dann auf so einer Weltmeisterschaft damals in Italien und war genau vom Gegenteil dann überzeugt, als ich diese Menschen gesehen habe, die sich das wirklich sehr, sehr ernst nehmen, aber trotzdem auch immer noch so eine Portion Humor dabei haben. Und diese Lebensfreude abzubilden, das war dann mein großer Wunsch, um einfach auch mal einen Film übers Alter zu machen, wo es eben mal ausnahmsweise nicht nur um Belastung geht und Krankheit - was es alles gibt -, aber unsere Helden sind einfach anders.

Hanselmann: Und man auch nicht immer nur zurückschaut in die Vergangenheit der alten Menschen. Der Film geht ja regelrecht nach vorne los im wahrsten Sinne des Wortes. Auf welche Reaktionen sind Sie denn gestoßen, als Sie die alten Leute angesprochen haben mit dem Wunsch, sie zu porträtieren, sie zu begleiten?

Tenhaven: Die waren erst mal alle sehr offen, was natürlich auch daran liegt, dass diejenigen, die auf den Sportplatz, also auf diese Weltmeisterschaften gehen, natürlich eine gewisse Extrovertiertheit haben. Was sie dann doch überrascht hat, dass wir so viel auch eben privat drehen wollten, was mir sehr wichtig war. Es ist ja keine reine Sportdoku, es geht wirklich um diese alten Menschen auch in ihrem Alltag und was der Sport mit ihnen macht und wie die leben. Es geht auch um Gebrechen, aber dann wieder sich aufraffen und weitermachen. Also das hat sie ein bisschen überrascht, glaube ich, dass wir doch so viel Privates drehen wollen. Dann haben sie immer gefragt, na, wen interessiert denn mein Wohnzimmer, lasst uns auf den Sportplatz gehen.

Hanselmann: Ja, da sind wir bei einem Punkt, den Sie schon angedeutet haben. Dokumentar- und Spielfilme über alte Menschen sind ja gerade en vogue. Im Film "Young at Heart" zum Beispiel werden alte Menschen porträtiert, die Rock- und Punk-Songs im Chor singen. Das geschieht auch sehr einfühlsam und humorvoll, so wie in Ihrem Film, also ohne Voyeurismus, ohne dass man das Gefühl hat, da findet eine Freakshow statt, da werden Leute vorgeführt. Wie bekommt man das als Dokumentarfilmer hin, was muss man beachten?

Tenhaven: Also ich kann nur sagen, wie ich es versuche hinzubekommen - indem man, glaube ich, einfach so einen Grundrespekt behält vor den Menschen und einfach ein ehrliches Interesse hat an diesen Menschen, und dann ergibt sich alles andere automatisch. Und das Wunderbare ist ja, dass jetzt die "Herbstgold"-Protagonisten selber schon Humor bringen, das heißt, die lachen auch wirklich über sich selber, und dann ist es okay, dann darf man eben auch mit ihnen lachen, und das ist dann genau die Grenze, dass man eben nicht über sie lacht, sondern mit ihnen lacht.

Hanselmann: Haben Sie denn eigentlich durchweg Verständnis für Ihre Protagonisten, oder haben Sie auch mal gedacht, der oder die übertreibt es aber auch ein wenig. Also ich denke da an eine Szene, wo ein sehr alter Herr im Krankenhaus sich noch einer schweren Knie-OP unterzieht, um überhaupt Wettkampf betreiben zu können.

Tenhaven: Ja, sehr alt ist gut, der ist 100 Jahre alt und hat sich wirklich noch ein paar Monate vor der WM in den Kopf gesetzt, ein neues Kniegelenk zu bekommen, weil er einfach an dieser Weltmeisterschaft teilnehmen will. Ich will das einfach nicht beurteilen. Also wir versuchen das auch im Film nüchtern darzustellen. Ich glaube, für mich wäre das nichts, aber für ihn war das die logische Konsequenz aus einem lebenslangen Sportleben. Also er hat immer schon Sport gemacht, der war schon 1936 bei den Olympischen Spielen in Berlin dabei, hat nie aufgehört, Sport zu machen. Ich habe es versucht, einfach so abzubilden, wie es war. Für ihn war das - er ist dieser Sturkopf, dieser sture, alte Wiener, der wollte noch mal auf dem Platz stehen, auch wenn das bedeutet, sich mit 100 noch mal unters Messer legen zu müssen.

Hanselmann: Ja, wäre er denn nicht der Einzige gewesen, der dann antritt in seiner Altersgruppe?

Tenhaven: Na ja, er war der Einzige. Also diese Altersklasse wurde, glaube ich, extra für ihn eingerichtet, diese Altersklasse 100 plus, und er hätte theoretisch hätte er nur den Diskus fallen lassen müssen und er hätte eine Goldmedaille bekommen. Na ja, aber darum geht es ja nicht. Also die sind ja einsam in diesen Altersklassen, es gibt auch nicht mehr so viele 90-jährige Sprinter. Von daher geht es ihnen nicht nur um die Medaille – da freuen sie sich dann drüber, die nehmen sie mit –, aber sie haben wirklich diesen persönlichen Ehrgeiz.

Hanselmann: Einer Ihrer Protagonisten sagt, "Wenn ich jetzt Schluss mache, dann sterbe ich in einem Monat, ich will euch überleben.", und dann lacht er ganz schelmisch. Jeder der von Ihnen porträtierten Menschen weiß ja, dass er sozusagen auf der Zielgeraden des Lebens ist. Ich kenne allerdings etliche alte Leute, die sagen, ich finde das Altwerden furchtbar, mir bleibt leider nichts anderes übrig, aber ich hasse es. Kann Ihr Film diese Menschen vielleicht auch ein bisschen vom Gegenteil überzeugen?

Tenhaven: Altwerden kann ja auch furchtbar sein. Altwerden ist manchmal ganz schlimm und natürlich habe auch ich Angst davor und auch die Helden aus unserem Film haben Angst davor. Ich glaube, es geht um so eine Grundeinstellung, die hat man oder hat man nicht. Vielleicht kann der Film helfen, dass man manchmal das Glas eher halb voll oder halb leer sieht. Ich würde jetzt überhaupt nicht sagen, so Leute, geht alle raus, macht Sport. Ich glaube, es ist wirklich diese Grundeinstellung, dieser Optimismus, und auch dieses über sich selbst lachen können, ist, glaube ich, so ein Grundmotiv.

Hanselmann: Zwei von Ihren Protagonisten haben gerade ihren Lebenspartner verloren – der Sport hilft ihnen sicherlich auch dabei dann, darüber hinwegzukommen.

Tenhaven: Ja, ja, also Herbert, unser 93-jähriger 100-Meter-Sprinter aus Stockholm, ist in der Tat sehr traurig darüber, und der rennt, der geht raus und rennt einfach. Der rennt, und wenn dann das Adrenalin ins Blut schießt, dann vergisst er dann doch mal seine Trauer. Und bei Frau Pleuger aus Kiel, der 84-jährigen Kugelstoßerin, ist es so, dass sie sich auch ein Stück weit emanzipiert hat, seit der Mann tot ist. Sie war so diese klassische deutsche Hausfrau, die immer ihrem Mann den Rücken freigehalten hat, und jetzt ist sie nur noch da für sich alleine und kann wirklich noch mal durchstarten auf dem Sportplatz.

Hanselmann: Sie haben vorhin erzählt, Sie sind durch diese Senioren-Weltmeisterschaft aufmerksam geworden auf die alten Herrschaften, die findet alle zwei Jahre statt, aber in den Medien doch rein gar nicht.

Tenhaven: Nee, das fand ich ja auch so skurril. Also man geht da hin, und das ist eine richtige Weltmeisterschaft, sieht aus wie Olympia, mit Riesenstadion, mit Schiedsrichtern, alles ganz offiziell, aber die Ränge, die Tribüne ist leer, und die Medien berichten auch kaum drüber. Na ja, ich glaube, das ist einfach so ein typischer Spiegel unserer Gesellschaft, dass Alte nicht so stattfinden oder diese Alten, die passen ja auch nicht so ins Bild, so wie man sich Alte gemeinhin vorstellt. Da leiden die auch drunter. Die leiden auch darunter, dass sie nicht wahrgenommen werden als Sportler. Und wenn, dann wie gesagt tauchen sie mal so im Panoptikum auf, im kuriosen Teil der Zeitung.

Hanselmann: Sie haben die alten Leistungssportler ja über ein Jahr begleitet, sie gefilmt, mit ihnen gesprochen, hat das denn bei manchen irgendetwas Besonderes ausgelöst oder in Gang gesetzt? Welchen Eindruck hatten Sie?

Tenhaven: Ich glaube, die haben es unheimlich genossen, einfach mal so viel Aufmerksamkeit zu bekommen. Viele von denen, die sind einfach auch einsam, und dann, ja, leiden sie darunter, dass ihr Sport nicht ernst genommen wird. Die haben – das ist natürlich immer die Frage beim Dokumentarfilm, man kann sich nicht unsichtbar machen, natürlich gibt es eine Wechselwirkung, und ich kann auch nicht beurteilen, inwieweit unsere Präsenz jetzt dazu geführt hat, dass sie sich vielleicht noch mal besonders aufgerafft haben. Ich glaube, sie waren ehrgeizig und sie wollten natürlich auch eine gute Figur vor der Kamera machen. Und da ist dann auch die… Unsere italienische Dame hat sich natürlich, aber das tut sie sowieso, fast mehr Zeit beim Schminken verbracht als bei den Aufwärmübungen, aber ich finde das toll.

Hanselmann: War ja auch eine tolle Gelegenheit für die alten Menschen, sich zu verewigen, in so einem Film.

Tenhaven: Ich hoffe, dass wir ihnen ein kleines Denkmal gesetzt haben, ja.

Hanselmann: Leben eigentlich alle ihre Helden aus dem Film heute noch?

Tenhaven: Ja, alle leben noch, auch alle machen noch Sport, bis auf der 100-Jährige, der ist in der Tat – das war so sein letzter großer Wurf bei der Weltmeisterschaft, das war uns auch, dem ganzen Drehteam dann klar, der hat noch mal seine ganze Energie zusammengenommen, dieses Diskus geschleudert, und jetzt merkt man so, wie die Luft rausgeht. Er ist mittlerweile 101 und auch so, wie sich ein 101-Jähriger mal fühlen darf, nämlich auch mal müde und schwach.

Hanselmann: Vielen Dank! Jan Tenhaven, Autor und Regisseur des Filmes "Herbstgold", ab heute in unseren Kinos.

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