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"Aufgeplustertes Zeug" bei Salzburger Festspielen

Giséle Vienne im "Young Directors Project"

Von Michael Laages

Junge Eisläufer während des Young Directors Project "Éternelle Idole" von Gisele Vienne
Junge Eisläufer während des Young Directors Project "Éternelle Idole" von Gisele Vienne (picture alliance / dpa / Barbara Gindl)

Die Choreographin und Regisseurin Giséle Vienne kann mit ihren beiden Produktionen in Salzburg nicht überzeugen. Kinder laufen übers Eis, dazu dröhnt brachiale Technomusik aus den Lautsprechern und Trockeneisnebel wabert. Die Bedeutung der Inszenierung bleibt unklar.

Der Kunst gegenüber hat der Sport ja ein paar nicht zu unterschätzende Vorteile. Er ist zum Beispiel viel definitiver, was die Urteilskraft betrifft - beim Eiskunstlauf zum Beispiel werten Jurorinnen und Juroren nach Pflicht oder Kür unwiderruflich: Neun-komma-fünf, Neun-komma-acht, in ganz seltenen Fällen vergeben sie auch mal die Zehn. Werden aber richtige Einbrüche, Abstürze oder Nullnummern überhaupt gewertet? Und wenn ja: wie?

Angesichts von "Éternelle Idole", des ersten von zwei Beiträgen der Choreographin und Regisseurin Giséle Vienne, kommt ein wenig Sehnsucht auf nach derart klaren Strukturen im Urteil. Denn die Betrachtung von Kunst, gar Theater und Artverwandtem, gibt sich naturgemäß ja viel skrupulöser – könnte das Nichts mit viel Nebel drum herum, was wir da gerade gesehen haben, nicht womöglich doch irgendetwas zu erzählen haben, irgendetwas von künstlerischem Belang? Irgendwie?

Aber der Reihe nach – zu anschwellendem Computerklang putzt zunächst eine Maschine die glatte Fläche der Eisarena im Salzburger Volksgarten, dann erscheint jemand ohne Schlittschuhe und zieht eine Art unsichtbaren Kreis im Eis. Vielleicht ist er ein Trainer, denn er bleibt danach am Rand und schaut zu, als jetzt eine noch jugendliche Läuferin Kreise zu ziehen und Übungen zu zelebrieren beginnt.

Neun-komma-sieben; bis zum (inszenierten) Sturz mit Schluchz-Attacke. Sie geht, und dafür kommen erst zwei, dann 21 kleine Salzburger Eisläuferinnen in dunkler Schülerinnen-Uniform und laufen im Kreis, erst vorwärts, später rückwärts; die Diva lässt sich nicht lumpen und kommt auch wieder dazu. Als die Gruppe fertig ist, folgt ein Dutzend Eishockey-Jungs und übt Toreschießen mit dem Puck. Neun-komma-fünf?

Jetzt wieder die Profi-Gleiterin, nun schon bejubelt aus der Ton-Konserve und von einem Cheer-Leader-Girl; dann beginnt dichter Nebel die Fläche zu füllen – und daraus tapst ein Monstrum hervor; Freund Hein vielleicht, denn die Diva scheint zu sterben in seinen Armen. Aber noch etwas taucht auf aus dem Nebel: ein Raumschiff. Aha. War also doch nicht der Tod, nur ein Außerirdischer. Ende der Übung.

Dazu brachialste Computersounds, die volle Breitseite: unter-, nicht außerirdisch.

Giséle Vienne gehört offenbar zu der Sorte von Theatermenschen, die praktisch den kompletten Bedeutungsapparat dem Publikum überlassen; und die Liste der Koproduzenten zeigt nachdrücklich, wie "in" und "hip" und angesagt derlei aufgeplustertes Zeug bei Festivalmachern nach wie vor ist.

Seitenlang bramarbasiert die Regisseurin im Gespräch mit Sven-Eric Bechtolf, dem neuen Schauspielchef der Festspiele, im üppig gestalteten Programmbuch des "Young Directors Project" über philosophische und sonst welche Assoziationen, die sich an dieses nicht erkennbar strukturierte szenische Gewurschtel anschließen ließen – und natürlich bleibt es jedem und jeder unbenommen, in derart viel Nebel alles und jedes herbei zu phantasieren; irgendwas mit Adoleszenz, mit Lernen und Wachsen … Jaja. Anything goes – muss aber nicht.

Denn vor allem das fehlt dieser zum Glück nur drei Viertelstunden langen Eisläuferei: jeder Wille zur Gestaltung. Jede Zutat für sich - die Diva, die Kinder, die Eishockey-Brigade, die fahle Trainerfigur, meinetwegen sogar die Eisputzmaschine zu Beginn und die höllische Musik - kann für sich genommen eine Art Stellenwert behaupten; zusammen genommen aber ist alles nichts. Nullkommanix.

Auch Giséle Viennes etwas jüngere Produktion "This is how you will disappear", zweiter Teil der Präsentation in Salzburg, gönnt sich übrigens ganz viel Nebel und wieder Brachial-Sound, Trainer und Athletin; aber diesmal im Wald und mit totem Rockstar. Der taucht nach den Übungen in Bodenturnen aus Dickicht und Nebel auf, hat angeblich die eigene Freundin umgebracht und würde nun selber gerne sterben; das erledigt der Trainer. Traurig steht die Turnerin dabei, und schließlich flattert ein Falke durch den Wald.

Der ist eindrucksvoll, der Wald (der Falke auch!); die Bäume werden abenteuerlich beleuchtet und benebelt – und spielen eigentlich die Hauptrollen. Mit lebenden Menschen auf der Bühne kann Giséle Vienne auf der Bühne unübersehbar weit weniger anfangen als mit eher stummen Bildern; und das wenige, was sie mit den Figuren zu erzählen behauptet, ereignet sich in Zeitlupe zur lärmenden Dauerbeschallung. Auch hier kann wieder assoziieren wer will: vom Lernen, Werden und Wachsen bis zu Ruhm und Über-Ruhm; bis nichts mehr geht. Aber zwingend, bezwingend, ist all das nicht – reichlich Stoff zum Ärgern in Salzburg.



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