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Fazit / Archiv | Beitrag vom 22.02.2006

"Aufbereitung statt Musealisierung"

Ausstellung über die NS-Zeit in der Münchner Pinakothek der Moderne

Von Katinka Strassberger

Adolf Hitler wird 1933 jubelnd  in München begrüßt (AP Archiv)
Adolf Hitler wird 1933 jubelnd in München begrüßt (AP Archiv)

Kaum eine andere Staat steht so eng mit der Entstehung der NS-Bewegung in Verbindung wie München. Eine Ausstellung des Architekturmuseums in der Pinakothek der Moderne dokumentiert nun den Aufstieg Hitlers und die Geschichte des Nationalsozialismus in der Stadt.

Winfried Nerdinger: "Ich weiß nicht, ob es typische Münchner Mentalität ist, aber es ist doch mit ziemlicher Konstanz von sich gewiesen worden. Es hat ja praktisch 60 Jahre gedauert nach Kriegsende, bis diese Entscheidungen für ein NS-Dokumentationszentrum zustande kamen, und das auch nur unter erheblichem Druck der Bürgerschaft. Das ging immer nur von den Bürgern aus, von Bürgerinitiativen, überhaupt nicht von anderer Seite."

Es dürfe nicht vergessen werden, meint der Architekturhistoriker Winfried Nerdinger, dass es die schöne Stadt an der Isar war, die den Aufstieg des verhinderten Kunststudenten Adolf Hitler erst möglich gemacht hat, wo zahlreiche Bürger, Institutionen und Vereinigungen seine größenwahnsinnigen Ambitionen unterstützten und hoffähig machten.

Hier wurden NSDAP, SA und SS gegründet, begleitet von rassistischen Medien wie dem "Völkischen Beobachter", getragen von einem für nationalistisches Gedankengut überaus empfänglichen Milieu. Schon früh begann Hitler, die "Hauptstadt der Bewegung" auch architektonisch nach seinen Vorstellungen zu formen. Noch heute erinnern zahlreiche Gebäude in der Münchner Innenstadt an diesen Stein gewordenen Machtwillen, so zum Beispiel das "Haus der Kunst" oder auch die Parteibauten nahe dem Königsplatz, um nur die bekanntesten zu nennen. Ein Erbe, mit dem man sich nach dem II. Weltkrieg nur ungern beschäftigen wollte.

Nerdinger: "Nach 1945 hat die Stadt ja auch gezielt versucht, sich ein anderes Bild zu geben, indem sie eben dieses schöne Leitbild vom Millionendorf oder der Weltstadt mit Herz kreiert hat. Da störten natürlich diese braunen Flecken ganz besonders, insofern hat man sich der Vergangenheit natürlich überhaupt nicht gerne gestellt."

Wer weiß heute schon noch, dass seit 1918 im Gebäude des Hotels "Vier Jahreszeiten" an der Maximilianstraße die "Thule-Gesellschaft" residierte, dass Hitler im Salon des Kunstverlegers Hugo Bruckmann am Karolinenplatz in die großbürgerliche Münchener Gesellschaft eingeführt wurde und wie stark bestimmte Firmen, wie zum Beispiel Loden-Frey, Roeckl oder Siemens schon früh von Zwangsarbeitern profitierten? Es ist das große Verdienst dieser Ausstellung, solche strukturellen Zusammenhänge erstmals umfassend zu dokumentieren.

Systematisch hat Winfried Nerdinger mit einem Team von Forschern das Münchner Stadtgebiet nach Spuren aus der NS-Zeit durchsucht und vieles gefunden, das vor dem Vergessen bewahrt werden sollte. In acht thematische Bereiche gegliedert, die vom Aufstieg der Nationalsozialisten über beteiligte Wirtschaftsunternehmen bis hin zu den Orten des Widerstands reichen, ist eine ebenso eindrucksvolle wie vielgestaltige topografische Bestandsaufnahme gelungen. Doch warum passiert das in München erst jetzt?

Nerdinger: "Man hat in der ersten Nachkriegszeit überall in Deutschland auf die Opfer hingewiesen, auf die Täter, die ja alle noch unter der Generation waren, die in Betrieben und Verwaltungen saßen, das hat man weit gehend verdrängt. Eigentlich begann erst in den 80er Jahren das, was man Täterforschung nennt, dass man gezielt untersucht, wie haben sich Verwaltungen verhalten, Betriebe, BMW, Dresdner Bank, das ist ja erst in den letzten Jahrzehnten entstanden, dass man sich intensiver mit den Tätern auseinander setzt, sicher auch eine Frage der Generation, dass da jetzt etwas Abstand ist, die meisten, die direkt involviert waren, sind gestorben und jetzt wird das aufgearbeitet."

Die Ausstellung "Ort und Erinnerung" liefert einen wichtigen Beitrag zur "Verräumlichung" von Geschichte. Der Besucher erfährt einiges darüber, wie bestimmte Ereignisse und Funktionen mit Gebäuden verknüpft waren und wie diese Orte heute aussehen. Ein sorgfältig edierter Begleitband ermöglicht Erkundungsreisen auf eigene Faust. Dieses bemerkenswerte Konvolut an Fakten wird es zukünftigen Generationen sicher leichter machen, die Flächen deckende ideologische Durchdringung Münchens durch die Nationalsozialisten und ihre willigen Helfer besser nachzuvollziehen.

Auf eine Emotionen schürende Dramaturgie wurde sowohl in der Ausstellung als auch im Buch ganz bewusst verzichtet. Und eine solche, im besten Sinne nüchterne Ausstellungskonzeption wünscht sich Winfried Nerdinger auch für das NS-Dokumentationszentrum, das ab 2008 nun endlich in München gebaut werden soll.

Nerdinger: "Mein Anliegen ist es, dass es ein wirkliches Dokumentationszentrum wird. Eine rationale Aufbereitung dieser Geschichte und nicht eine Art von Musealisierung, wo Relikte aus der NS-Zeit ästhetisiert werden, auch nicht eine Personalisierung und Emotionalisierung, wie das heute so gewünscht wird. Dass man versucht, Attraktionen zu schaffen, mit denen man angeblich die Jugend erst wieder dafür interessieren kann, das halte ich nicht für richtig. Ich glaube, das muss über eine rationale Information erfolgen, wo die Strukturen, die Zusammenhänge und auch die Personen klar, eindringlich, evident erläutert werden."

Service:
Die Ausstellung "Ort und Erinnerung - Nationalsozialismus in München" ist im Architekturmuseum in der Pinakothek der Moderne in München vom 22. Februar bis zum 28. Mai 2006 zu sehen. Außerdem wurden zwölf exemplarische Orte zwischen Feldherrnhalle und Königsplatz für die Dauer der Ausstellung mit Info-Tafeln versehen - sozusagen der Outdoor-Bereich der Ausstellung.

Zur Ausstellung ist im Anton Pustet Verlag Salzburg ein Katalog erschienen, der von Winfried Nerdinger herausgegeben wird und 24 Euro kostet.

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Externe Links:

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