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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 01.09.2015

Aufarbeitung in GuatemalaDie Oberschicht sieht das Land als ihre Finca

Von Markus Plate

Graffiti als Anklage: Impunidad und dazu eine Pistole bedeutet Straffreiheit für die Mörder in der Diktatur. (Markus Plate)
Graffiti als Anklage: Impunidad und dazu eine Pistole bedeutet Straffreiheit für die Mörder in der Diktatur. (Markus Plate)

Guatemala wählt am Sonntag, und trotzdem protestieren Hunderttausende für den Rücktritt des Präsidenten. Die Wut auf die Oberschicht riesig – nach Enthüllungen über Korruption und Verstrickungen in Verbrechen während der blutigen Diktatur. Die Aufarbeitung beginnt erst.

Familientreffen bei den Melgars: Im geräumigen Haus von Ada Melgar plaudern Cousins und Cousinen, Tochter Ana Maria hat ihren Freund eingeladen und Adas Mann Fito trinkt Bier mit ein paar Freunden im Garten. Kinder rennen lachend durchs Wohnzimmer und in der großen Küche bereiten Tanten und Töchter Tamales, Hühnchen, Reis, Bohnen und Gemüse zu. Ein ganz normaler, fröhlicher guatemaltekischer Sonntag.

Doch schon beim Mittagessen kommt die Politik auf den für ein Dutzend Verwandte und Freunde gedeckten Tisch. Die Melgars sind nicht nur traditionell progressiv, sie sind eine Familie, deren Geschichte eng mit den Schrecken der guatemaltekischen Militärdiktatur verbunden ist. Vor 35 Jahren streckte eine Todesschwadron Adas Vater nieder, einen engagierten Universitätsprofessor. Auch heute noch wird die Stimme der 52-jährigen Ada brüchig, wenn sie von den Ereignissen Anfang der 80er-Jahre erzählt:

"Hugo Rolando Melgar, mein Vater, war ein liebevoller, humaner, engagierter Mensch. Ich hätte nie gedacht, dass ihm etwas passieren könnte, er hatte doch nur seine Bücher! Aber dann kam der schwarze März, viele Gewerkschafter, Professoren, Künstler, waren schon verhaftet oder ermordet worden. Mein Vater wurde dann auf dem Weg zur Arbeit erschossen. Von zwei Motorrädern aus haben sie sein Auto zersiebt, ein Hubschrauber hatte von oben Regie geführt."

Ein Klima der Angst seit den 80ern

Schon seit 1954 herrschten in Guatemala die Militärs. Aber Anfang der 80er-Jahre wuchs der Widerstand gegen die Junta – auf dem Land erfuhr die oppositionelle Guerilla immer mehr Zulauf, in den Städten demonstrierten die Studenten. Die Militärs gingen mit nie dagewesener Brutalität gegen Andersdenkende vor, ließen sie verhaften, ermorden, verschwinden. Und die Verbrechen sollten in den folgenden Jahren noch viel schlimmere Ausmaße annehmen. So entstand ein Klima der Angst – bei allen, erinnert sich Ada Melgar.

"Meine Mutter hat sich von dem Anschlag nie erholt, mein Bruder musste das Land verlassen. Viele Verwandte und Freunde haben sich von uns entfernt, sie wollten nichts zu tun haben mit Menschen, die vom Regime verfolgt wurden. Das Trauma meiner Familie ist symptomatisch für Guatemala: In den Städten hat die Diktatur eine ganze Generation von engagierten Menschen ermordet, die dem Land eine neue Perspektive hätten geben können. Und auf dem Land gab es Massaker an der Maya-Bevölkerung, an Frauen, Alten, Kindern. Dieses Chaos, das sie angerichtet haben, das sieht man bis heute. Mir tut es sehr weh, dieses Land so zerstört zu sehen."

Indígena-Frauen in Guatemala fordern Wiedergutmachung. (Markus Plate)Indígena-Frauen in Guatemala fordern Wiedergutmachung. (Markus Plate)

Einige der Verantwortlichen für die guatemaltekische Tragödie leben noch, wie der ehemalige Junta-Chef Efraín Ríos Montt. Im Mai 2013 war der Ex-General unter großem Jubel der Überlebenden verurteilt worden. Wegen Völkermordes an der indigenen Maya Bevölkerung und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Im Urteil hieß es 80 Jahre Haft. Doch nur wenige Tage später kassierte das Verfassungsgerichtes des Landes wegen angeblicher Verfahrensfehler den Richterspruch wieder ein. Die junge Radiojournalistin Carol Rivas hat den Prozess verfolgt, bewegende Zeugenaussagen von Überlebenden gehört und dann erfahren müssen, dass die Schatten der Diktaturzeit auch 20 Jahre nach der Rückkehr zu Demokratie und Frieden noch sehr präsent sind.

"Einerseits ist es gut, dass einigen hochrangigen Vertretern der Diktatur der Prozess gemacht wird. Aber es zeigt eben auch, dass die Oligarchie und die Militärs alles tun, um solche Prozesse zu verhindern. Nicht nur die Militärführung, sondern auch die Oberschicht waren direkt in Menschenrechtsverbrechen verstrickt. Es gibt Beweise, dass der heutige Präsident Otto Pérez Molina während der Massaker in den Maya-Dörfern in derselben Region Armeekommandeur war. Und es gibt Beweise, dass Reiche ihre Flugzeuge zur Verfügung stellten, um Gemeinden indigener Einwohner zu bombardieren. Natürlich ist diesen Leuten an einer Fortsetzung der Prozesse nicht gelegen."

Dennoch hat die juristische Aufarbeitung der blutigen Vergangenheit Fortschritte gemacht. Seit 2009, ein Vierteljahrhundert nach dem Höhepunkt der Diktaturverbrechen, wurde ein gutes Dutzend der Verantwortlichen für das Ermorden von Zivilisten verurteilt. Dem mittlerweile greisen Ex-Junta-Chef Rios Montt wird ein neuerlicher Prozess in diesem Jahr möglicherweise erspart bleiben. Aber das Thema Vergangenheitsaufarbeitung ist in der breiten Bevölkerung angekommen.

Im historischen Zentrum von Guatemala-Stadt lebt seit vielen Jahren der Fotograf Daniel Hernández in einem hübsch renovierten Art Deco-Häuschen, errichtet zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts. Gerade genießt der schlanke und elegant ergraute Mittfünfziger mit den funkelnden Augen die Ruhe im kleinen Innenhof, wo der Straßenlärm nicht durchdringt, und stattdessen ein Springbrunnen plätschert.

Erschütternder Abschlussbericht der Wahrheitskommission

In fast 30 Jahren ist Hernández zu einem der wichtigsten Chronisten der Grauen der Diktatur geworden. Er fotografierte Anfang der Neunziger Jahre Indígena-Frauen, die martialischen guatemaltekischen Polizeitruppen gegenüber stehen, außerdem den Aufmarsch der Mördertruppen der Kaibiles, einer Eliteeinheit der Armee, die für die schlimmsten Massaker verantwortlich war, und den Trauerzug eines Indígena-Dorfes für seine massakrierten Angehörigen. Und später – immer wieder – menschliche Überreste aus den nun immer öfter entdeckten Massengräbern. Der Fotograf Daniel Hernández hat auch das Titelfoto für den REHMI-Bericht geschossen. Das ist der erschütternden Abschlussbericht der guatemaltekischen Wahrheitskommission unter dem Vorsitz des katholischen Bischofs Juan Gerardi. Darin heißt es: Mehr als 90 Prozent der Verbrechen habe die Armee verübt und die mit ihr verbundenen Paramilitärs. Am 24. April 1998 wurde der Bericht veröffentlicht, nur zwei Tage später wurde der Vorsitzende Juan Gerardi brutal ermordet. Für Daniel Hernández war dieser Mord mehr als nur eine Racheaktion:

"Es war unvorstellbar, dass nach dem Ende der Diktatur ein Verbrechen dieser Dimension und Tragweite geschehen könnte. Gerardi veröffentlicht diesen Bericht und sie bringen ihn um. Und wie sie seinen Kopf zertrümmern, das war eine Warnung an die ganze Gesellschaft: Vorsicht, denkt nicht zu viel. Vorsicht, fragt nicht zu viel. Denn seht, was Euch dann passieren kann."

Die Erinnerungsarbeit bleibt zentral im Schaffen des Daniel Hernández: Dokumentarisch – mit einem Foto der Trauerfeier für Bischof Gerardi, die sich zur Großkundgebung auswächst. Künstlerisch in Form eines nackten, jungen Mannes, sein Kopf brutal nach hinten gezogen von einem schwarz umhüllten Henker, die Sense über ihm. Oder in Form des "Angel Callejero": Ein Indígena-Junge mit entblößtem Oberkörper, Hände und Mund zu einem unüberhörbaren Ruf geformt, stilisierte Engelsflügel darüber montiert. Immer wieder taucht er auf, dieser Angel Nunca Mas, der "Engel des Niemals Wieder". Auf öffentliche Gebäude in Guatemala-Stadt plakatiert, vor dem Friedensdenkmal in Hiroshima, vor den Toren von Auschwitz. Der stilisierte Engel ist vielleicht die Ikone wider das Vergessen der guatemaltekischen Gräueltaten.

"Meiner Meinung nach sind wir immer noch sehr nah dran an dieser schlimmen Zeit. Allein dass die internationale Gemeinschaft Guatemala immer noch im Blick hat garantiert, dass man in Guatemala nicht mehr alles ungestraft tun kann. Aber das System Guatemala hat sich nicht geändert. Die Oberschicht sieht das ganze Land nach wie vor als ihre Finca, auf der sie machen kann, was sie will. Immerhin haben sich ein paar Räume geöffnet. Räume die wir, die Zivilgesellschaft nutzen müssen. Und wir dürfen nicht zulassen, dass sie sich je wieder schließen. Denn wenn das passiert, werden wir dasselbe Grauen wieder erleben."

Öffentliche Institutionen bis heute korrupt und unterwandert

Denn auch fast 20 Jahre nach dem Abschluss der Friedensabkommen gelten die Institutionen Guatemalas, Ministerien, Militär, Polizei und Justiz als korrupt und unterwandert – durch Seilschaften aus der Zeit der Diktatur, durch das organisierte Verbrechen und als bezahlte Erfüllungsgehilfen der Oberschicht. Und die Gewalt bleibt in Guatemala alltäglich: Mit fast 20 gewaltsamen Todesfällen pro Tag gehört die Mordrate in Guatemala zu den höchsten der Welt.

Im Jahr 2007 gab UNO- Generalsekretär Ban Ki-moon den Startschuss für eine Internationale Kommission gegen die Straffreiheit in Guatemala. Die CICIG unterstützt seither die nationale Justiz und hat schon einiges bewirkt: Dutzende Staatsbedienstete wanderten in den letzten Jahren ins Gefängnis, darunter ehemalige Minister, Polizeichefs und sogar Ex-Präsident Alfonso Portillo. Mal wegen Steuerung einer kriminellen Vereinigung, mal wegen Drogenhandels, Mordes und Entführungen, wegen Geldwäsche und Korruption. Aus Sicht des politischen Analysten und Sicherheitsberaters Enrique Alvarez sind die Verstrickungen von Politik und organisiertem Verbrechen ein direktes Erbe der jahrzehntelangen Militärdiktatur:

"Während der Diktatur hat man geheime Apparate geschaffen, um sich jenseits einer auf dem Papier bestehenden Rechtsstaatlichkeit die angeblichen Feinde des Staates vom zu Hals schaffen. Die Mitglieder dieser geheimen Sicherheitsapparate haben aber nicht nur gefoltert und gemordet, sie haben auch sehr schnell mit illegalen Geschäften Reichtümer angehäuft, sei es durch Schmuggel, Entführungen oder Autodiebstahl. Diese Seilschaften bestehen in Staat und Wirtschaft bis heute. Und es ist sehr schwierig, diese mafiösen Netzwerke aufzudecken, die ja schon seit den 70er-Jahren existieren."

Dieses Jahr hat die internationale Kommission gegen die Straffreiheit einen Coup mit Folgen gelandet. Ende April deckte die CICIG einen großangelegten Zollbetrugsskandal auf, wieder mit Verbindungen in höchste Regierungskreise. Neben dem Chef der nationalen Steuerbehörde wurde gegen dutzende Funktionäre und Geschäftsleute Haftbefehl erlassen, Guatemalas Vizepräsidentin Roxana Baldetti stürzte über den Skandal und wurde am 21. August sogar verhaftet – ein bislang einmaliger Vorgang. Präsident Otto Pérez Molina, der mit einer Politik der harten Hand Korruption und Gewalt einzudämmen versprach, wird die letzten Monate seiner Amtszeit nur mit Glück überstehen. Die Regierung des einstigen Saubermanns Pérez Molina gilt als derart korrupt, dass selbst der an vieles gewöhnten guatemaltekischen Zivilgesellschaft der Kragen geplatzt ist.

Demonstranten fordern den Rücktritt von Guatemalas Präsident Otto Perez (picture-alliance / dpa / Esteban Biba)Proteste in Guatemala - hier auf der Plaza de la Constitucion (picture-alliance / dpa / Esteban Biba)

Zehntausende Menschen sind an den Samstagen seit Mai mitten in Guatemala-Stadt gegen die Korruption und für den Rücktritt des Präsidenten sowie weitreichende Reformen des politischen Systems auf die Straße gegangen. Es sind die größten Demonstrationen, die Guatemala seit den Friedensabkommen in den 90er-Jahren gesehen hat. Der riesige Platz zwischen der Kathedrale und dem ehemaligen Regierungspalast ist an einem dieser Samstage prall gefüllt, auch ein Unwetter kann die Menschen nicht vertreiben. Die halten sich mit dem Singen der Nationalhymne bei Laune. Keine Reden, keine parteipolitischen Parolen, dafür ganze Familien, Alte und Studenten, die friedlich aber bestimmt der politischen Klasse klar machen: Es reicht! Warum es jetzt, zwei Jahrzehnte nach der Rückkehr zur Demokratie reicht, dafür hat Carol Rivas, die junge Journalistin, ihre eigene Erklärung.

"Die Guatemalteken sind seit der Diktatur daran gewöhnt, alles zu ertragen, solange sie nur überleben. Du mischst Dich besser nicht ein, weil sie Dich dann einfach umbringen. Für uns war bei 16 Morden pro Tag die Unsicherheit das größte Problem. Aber diese Regierung hat nicht nur die Sicherheitslage nicht verbessert, sie hat so sehr geklaut, dass nicht einmal mehr die Krankenhäuser funktionieren. Den Menschen ist klar geworden: Auch die Korruption tötet! Ein Plakat auf den Demonstrationen fasste die Stimmung sehr schön zusammen. Auf dem stand: Diese Regierung hat uns alles geraubt, sogar die Angst!"

"Die selben wie immer" - stehen zur Wahl

Am 6. September sind also wieder Wahlen in Guatemala. Wieder führt mit Manuel Baldizón ein Populist und Rechtsaußen mit vermuteten Verbindungen in die Unterwelt die Umfragen an, als Alternative kommen mit Sandra Torres noch die ehemalige First Lady des letzten Präsidenten in Frage – und Jimmy Morales, ein zotiger Komödiant, dessen Witze gerne mal ins frauenfeindliche und rassistische abgleiten. Los mismos de siempre, die selben wie immer. Noch scheint dieses politische System zu halten, in dem ein ums andere Mal Regierungen an die Macht kommen, die vier Jahre später als die korruptesten den Geschichte wieder zum Teufel gejagt werden – trotz der internationalen CICIG-Kommission, trotz der langen Proteste. Ada Melgar hofft dennoch.

"Ich glaube nicht, dass die Wahlen etwas ändern werden, aber diese gleichen Typen wie immer werden hoffentlich einer Zivilgesellschaft gegenüberstehen, die wachsamer ist und ihnen auf die Finger schaut. Es ist ein Schritt, aber es fehlt noch sehr viel."

Die Melgars bleiben engagiert für ein besseres Guatemala, in dem sich die Zivilgesellschaft weitere Räume öffnet und den Mächtigen auf die Finger schaut. Im Gedenken an Adas Vater, den Universitätsprofessor, der für sein Engagement vor 35 Jahren mit dem Leben bezahlte.

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