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Fazit / Archiv | Beitrag vom 24.05.2009

Auf verlorenem Posten

Ein Geschichtsdrama von Christian Dietrich Grabbe im Theater Osnabrück

Von Bernhard Doppler

Das Hermannsdenkmal im Teutoburger Wald: Christian Dietrich Grabbe zeigte den Cheruskerfürsten von einer anderen Seite. (AP Archiv)
Das Hermannsdenkmal im Teutoburger Wald: Christian Dietrich Grabbe zeigte den Cheruskerfürsten von einer anderen Seite. (AP Archiv)

"Die Hermannsschlacht" des Dramatikers Christian Dietrich Grabbe ist bis zum Varusjahr 2009 lediglich von den Nationalsozialisten gespielt worden, die das Stück als Führer-Drama verstanden. Ein Führer ist Grabbes Hermann in der Inszenierung von Philipp Tiedemann nicht: Der Regisseur zeichnet im Theater Osnabrück das Bild eines resignierten Cheruskerfürsten.

Dass man das letzte Werk Grabbes, seine zwei Jahre nach seinem Tod veröffentlichte "Hermannsschlacht", tatsächlich auf die Bühne bringen kann, ohne dem Text dabei allzu viel Gewalt antun zu müssen, hätte man kaum für möglich gehalten. Das Drama scheint nämlich eher ein Filmskript für einen monumentalen Sandalenfilm abzugeben: Wortkarge Szenen, in denen drei große Legionen durch den germanischen Wald und zur Schlacht geführt und hin und wieder en passant Todesurteile vollstreckt werden, begleitet von gemurmelten sarkastischen Kommentaren von Kriegern und Bevölkerung.

Das Landestheater Detmold hatte im Februar 2009 zwar bereits vor Osnabrück Grabbes Werk auf den Spielplan gesetzt, aber das Drama dabei rigoros beschnitten und dafür mit vielen Texten und Liedern, die das Verhältnis der Deutschen zum Krieg von Gryphius bis zu einer Rede des ehemaligen Verteidigungsministers Peter Struck ("Deutschland wird auch am Hindukusch verteidigt") angereichert. Bis 2009 war Grabbes Schauspiel, 1934 auf der Freilichtbühne Nettelstedt uraufgeführt, lediglich vor den Nationalsozialisten gespielt worden; doch die transformierten es zu einer Art Winnetou-Massen-Spektakel und schrieben es im Sinne eines Führer-Dramas um.

Aber Grabbes Hermann ist kein Führer! Und eine geschichtliche Sendung unterbreitet der geschichtspessimistische Grabbe natürlich auch nicht. Mit den Idealen von Deutschland können zumindest seine Mitstreiter wenig anfangen - sie wissen nicht einmal, wo es liegt. Und Hermann ist schließlich resigniert damit zufrieden. Er lädt am Ende zum Abendessen ein; westfälisch-lippische Küche ist wohl wichtiger als ein utopisches Ideal. Grabbes "Hermannsschlacht" ist vor allem eine Bemühung des todkranken Dichters Grabbe, wieder der alten lippischen Heimat nahe zu kommen.

"Gäb's nur Krieg, das wäre für meine einzige Rettung, selbst Ärzte haben mir Feldzüge verordnet", meinte Grabbe vor seinem Tod. Regisseur Philipp Tiedemann hat in der Osnabrücker "Hermannsschlacht" Grabbes Bezeichnung "Bataillenstück" ganz ernst genommen. Er inszeniert dem Dichter ein "Schlachtenstück". Die Bühne von Etienne Puls sind drei hohe Treppen, oder besser Terrassen, auf denen sich die Truppen bewegen. Als Rückengepäck haben sich die römischen Soldaten jeweils drei lebensgroße Soldatenpuppen angeschnallt; das verstärkt schon ein wenig die Truppe auf der Bühne: Aus vier werden 16. Die Treppen sind auch gleichzeitig Truhen, die sich öffnen und mit lautem Aufschlagen auf- und zuklappen lassen. Das erinnert an blutiges Kaspertheater, denn Tiedemann inszeniert das im 19. Jahrhundert unaufführbare Stück als sarkastisches Grand-Guignol-Spektakel. Das gibt dem Abend eine überzeugende Struktur. Auch Kaiser Augustus im Schlussbild reiht sich mühelos in diese Kasper-Welttheater-Ästhetik ein.

2009, im zum Überdruss gefeierten Varusjahr, überzeugt es, wenn Hermann nicht ein weiteres Mal als Vorwand für eine Geschichtsstunde über nationalen Mythen verwendet, sondern weniger und gleichzeitig mehr unternommen wird, nämlich Grabbes sarkastischen Dramenversuch zu rekonstruieren. Aktuell ist Grabbe ja paradoxerweise gerade darin, dass man im Biedermeier genauso hilflos gegenüber dem Cheruskerfürsten und seinen Vorstellungen gewesen zu sein schien wie heute, und dennoch den Versuch einer Annäherung unternahm.

So bleibt vor allem der biografische Bezug zum Dichter Grabbe interessant, den man in Osnabrück durch Einfügung von Briefen Grabbes an seine mit ihm zerstrittene Gattin Luise unterstrich. Grabbe wollte, als er an der "Hermannsschlacht" schrieb, wieder zurück. Nicht nur in die Heimat, sondern konkret zur Gattin, doch musste er, von Düsseldorf nach Detmold zurückgekehrt, im Gasthaus übernachten, in sein früheres Heim kam er nur mit Polizeihilfe. Die "Hermannsschlacht" kein welthistorischer Umschwung, sondern nur Hintergrund für einen Ehezank?

Kulturpresseschau

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