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Zeitfragen | Beitrag vom 19.10.2016

Auf der Suche nach RaubkunstViele verdächtige Bücher in deutschen Bibliotheken

Von Günther Wessel

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NS-Raubkunst in der Universitätsbibliothek Bremen  (picture alliance / dpa / Foto: Carmen Jaspersen)
Die Nazis raubten auch Millionen Bücher. Viele von ihnen stehen bis heute in deutschen Bibliotheken wie hier an der Bremer Uni-Bibliothek (picture alliance / dpa / Foto: Carmen Jaspersen)

Gestohlenes Kulturgut findet sich nicht nur in Museen: In vielen Regalen großer deutscher Bibliotheken stehen geraubte Bücher. Doch Provenienzforschung ist aufwändig und teuer - nur in einem Bruchteil der deutschen Bibliotheken findet sie statt.

Damals, 1933, Originalton: "Hier ist der Deutschlandsender. Hier sind alle deutschen Sender mit Ausnahme der süddeutschen Sendergruppe. Wir befinden uns auf dem Opernplatz, Unter den Linden, Berlin."

Wir befinden uns wenige Meter vom Schauplatz der damaligen Bücherverbrennung entfernt: heute, viele Jahrzehnte später. Bücher sind damals nicht nur ins Feuer geworfen worden.

"Es war von Anfang an ziemlich sicher: Wir werden nicht sehr, sehr viel finden", ...

... sagt Barbara Schneider-Kempf, die Direktorin der Staatsbibliothek zu Berlin - Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Sie ist der Frage nachgegangen, was eigentlich damals mit vielen Büchern geschehen ist und welche Wege zahllose Bücher hinter sich haben, die heute in den Bibliotheksregalen stehen.

Originalton: "Gegen Klassenkampf und Materialismus, für Volksgemeinschaft und idealistische Lebensauffassung!"

Bücher wurden nicht nur verbannt und verbrannt – sie verschwanden, aber wohin?

"Das geschah ja hinter den Kulissen und ziemlich gut organisiert. Und das hat gar nichts zu tun mit diesem schrecklichen Verbrennen der Bücher."

Das geschehene Unrecht wiedergutmachen

Raubkunst ist ein Begriff. Spätestens seit der Affäre um Cornelius Gurlitt weiß man, dass sich in Museen und privaten Sammlungen große Mengen an NS-Raubkunst befinden. Über hundert deutsche Museen betreiben inzwischen Provenienzforschung. Doch gestohlenes Kulturgut befindet sich nicht nur in Museen.

"Es wird schwierig sein, die Besitzer zu finden, es geht nicht um große Werte, aber es geht darum, das geschehene Unrecht an dieser Stelle wenigstens in Ansätzen nicht wiedergutzumachen, aber eine deutliche Position zu beziehen."

Es ist ein wenig bekanntes Thema: verschwundene, gestohlene Bücher. In vielen Regalen großer deutscher Bibliotheken steht Raubgut. Welche Bücher stammen woher? Provenienzforschung bedeutet, herauszufinden, woher die Werke einer Sammlung stammen. Wurden sie bei jüdischen Familien oder Oppositionellen des Hitler-Regimes beschlagnahmt? Wurden Sammler gezwungen, sich von ihnen weit unter Preis zu trennen? Weil sie ihren Beruf nicht mehr ausüben konnten oder ins Exil flüchten mussten und deshalb wertvolles Kulturgut veräußern mussten?

"Wir machen das, weil wir eine moralisch-ethische Verpflichtung dazu haben, Menschen gegenüber, die aus politischen und/ oder rassistischen Gründen während des NS-Regimes verfolgt worden sind und denen ja buchstäblich alles genommen wurde."

Mit politischem Auftrag 

Elena Brasiler arbeitet an der Bibliothek der Freien Universität Berlin als wissenschaftliche Angestellte in der Stabsstelle NS-Raub- und Beutegut.

"Zum anderen gibt es einen politischen Auftrag dafür. Die Bundesregierung hat sich im Jahre 1998 mit der Washingtoner Erklärung bereit erklärt, nach geraubten Kulturgütern in öffentlichen Einrichtungen zu suchen, das sind Museen, Archive, auch Bibliotheken, und in den Beständen praktisch Raubgut ausfindig zu machen, in unserem Fall sind es Bücher, und nach Eigentümern zu suchen."

Thomas Geigengack: "Also, das war so, vor drei Jahren bin ich im Internet rumgesurft und habe über eine Restitution von Büchern in Nürnberg gelesen. Und da haben die verwiesen auf eine Webseite Lost Art Internet Database, wo halt Naziraubgut publiziert wird. Und da habe ich dann nachgeguckt, 'Teutonia zur Weisheit' eingetippt und habe eine ganze Menge an Büchern gesehen."

Thomas Geigengack ist "Meister vom Stuhl" – das heißt: Vorsitzender der Freimauerloge "Teutonia zur Weisheit" in Potsdam. Freimaurerlogen wurden in der NS-Zeit verboten. Die Potsdamer Loge hatte, als sie aufgelöst wurde, einen großen Buchbestand. Wo sind die Bücher geblieben?

Die Lost-Art-Internet-Datenbank wird vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg betrieben. Kulturgüter, von denen man weiß, dass sie von den Nationalsozialisten bei Institutionen oder Privatleuten geraubt wurden, sind in ihr aufgeführt. Viele Bilder, viele Bücher. Denn die Nazis hatten im ganzen Land Literatur beschlagnahmt. Bei Privatpersonen, bei denen man Verbotenes vermutete, aber auch ganze Bibliotheken von sozialistischen oder kommunistischen Bildungsvereinen, von Parteien und anderen Organisationen, die sie als ihre Gegner ansahen.

"Teilweise ist es recht ruppig abgegangen. Manche Logenhäuser wurden halt von der SA besetzt oder von der SS, die sind da einmarschiert, teilweise wurde das gesamte Inventar zerschlagen und alles Mögliche raus und verbrannt, wegtragen. Bei manchen lief es halt glimpflich ab. Das ist ja sehr unterschiedlich abgelaufen."

Verbotene Bücher kamen oft in Universitätsbibliotheken

Bei der Potsdamer Loge "Teutonia zur Weisheit" hatte man vorgesorgt: Die Brüder hatten Teile ihres Besitzes, das Haus, bereits vorher abgegeben. So blieb das Material weitgehend zusammen und wurde nicht zerstört. 

Michaela Scheibe: "Es werden ja dann gleich 33 Bibliotheken beschlagnahmt, die SPD-Bibliothek, andere sozialistische Bibliotheken, wo Interesse bestand. Von bibliothekarischer Seite."

Michaela Scheibe, wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung historische Drucke in der Staatsbibliothek zu Berlin – Stiftung Preußischer Kulturbesitz.  

"Weil man wusste, das sind wichtige, große, interessante Sammlungen. Und da hat man sich ins Spiel gebracht und hat dann auch durchgedrückt, die sollen eben nicht irgendwo verschwinden oder gar eingestampft werden. Da hat die Preußische Staatsbibliothek tatsächlich per Erlass das Recht bekommen, dass erst mal beschlagnahmte Bestände abgeliefert werden und die Preußische Staatsbibliothek hat erst einmal geprüft, haben wir es im Bestand, wenn nicht, dann hat man ein Exemplar behalten."

Aber das war seltener der Fall als man zunächst vermuten mag. Die Direktorin der Staatsbibliothek zu Berlin – Stiftung Preußischer Kulturbesitz Barbara Schneider-Kempf:

"Für die Staatsbibliothek möchte ich es besonders deutlich sagen: Wir hatten ja alles. Die Staatsbibliothek war ja eine außerordentlich ausgestattete Bibliothek, so dass sie dann in die besondere Rolle bekam, die Organisation vorzunehmen der Verteilung der geraubten Bücher über die sogenannte Reichstauschstelle."

Waren es vom Regime verbotene Bücher, wurden sie häufig an Universitätsbibliotheken weitergegeben. Denn nur diese konnten garantieren, dass die sogenannte "zersetzende" Literatur in gesonderten Räumen aufgestellt wurde. Sie durfte nur mit besonderer Genehmigung eingesehen werden und war in den Katalogen als "geheim" oder "gesperrt" gekennzeichnet. Die nicht verbotene Literatur – auch die gab es zuhauf in den beschlagnahmten Bibliotheken – ging in den normalen Leihverkehr.

Nach 1935 hatte nicht mehr die Preußische Staatsbibliothek den ersten Zugriff auf die beschlagnahmten Bücher, auch nicht die Reichstauschstelle im Innenministerium, sondern mehr und mehr die Zentralbibliothek des Reichssicherheitshauptamtes: 

Michaela Scheibe: "Also, da geht es darum, wir wollen eine Feindbibliothek aufbauen, wo wir eben Marxonica sammeln, wo wir Sozialistica sammeln, und wo wir auch Hebraica, also Jüdische Literatur sammeln, und das tut dann das Reichssicherheitshauptamt."

Lastwagenweise geraubte Bücher 

Teilweise sollten die Bücher in die geplante Führerbibliothek nach Linz kommen. Aber bald schon mussten die Bibliothekare vor der schieren Masse des Materials kapitulieren. 

"Es kommen Lastwagen, die kippen Bücher vor die Tür, und niemand hat das mehr beherrscht. Schon gar nicht bibliothekarisch korrekt. Es geht ja dann auch schon stark auf den Zweiten Weltkrieg zu, wurde es schwieriger, überhaupt Personal zu haben, geschweige denn eben Fachpersonal, was dann eine schwierige Sprache wie Hebräisch beherrschte. Da sind sicher unbearbeitete Bestände in Masse gewesen. Es werden am Ende Millionen Bände gewesen sein, die bewegt worden sind. Aber was dann wo hängen geblieben ist, das ist sehr schwierig festzustellen."

So muss man sich heute auf die Suche machen.

Barbara Schneider-Kempf: "Wir gehen in der Tat systematisch vor, wäre schlimm, wenn wir das nicht tun würden, denn der Bestand der Staatsbibliothek ist ja nun sehr groß. Und wir identifizieren Sachgruppen, wo anzunehmen ist, dass dort beschlagnahmte Bücher zu finden sind."

Mitunter ist es genau so einfach, mitunter nicht. Stehen die Bücher nach Sachgruppen sortiert, haben sie womöglich spezielle, farbige Bibliothekseinbände, wurden sie also von der Vorgängerbibliothek einheitlich eingebunden, sieht man auf den ersten Blick, in welchen Büchern man nach alten Bibliotheksstempeln der Vorbesitzer nachschauen muss. So gab es in der Staatsbibliothek eine spezielle Sachgruppe mit freimaurerischer Literatur, ordentlich aufgestellt in den Regalen. Für die Potsdamer Freimauerloge "Teutonia zur Weisheit" war dies ein Glück: Denn hier standen 384 Bände, die der Loge gehörten und die seit der NS-Zeit verschwunden waren. Im Juni 2016 erhielt die Loge die Bücher von der Staatsbibliothek zurück – sehr zur Freude von Thomas Geigengack, des "Meisters vom Stuhl" der Loge:

"Man kann in den Büchern unsere Geschichte finden. Und das ist für uns sehr wichtig. Da sind einzelne Sachen dabei, die sind noch von 1809 aus unserer Gründungszeit. Lieder, Reden, dann haben wir teilweise Bände, da sind die gesammelten Reden aus ganzen Jahrgängen zusammengefasst, von einzelnen Brüdern, die in der Loge waren. So was haben wir alles nicht mehr, das ist weg. Und das ist für uns ein Riesenfund gewesen."

Beschlagnahmte Literatur galt als Geschenk

Schwierig wird die Suche nach geraubten Büchern, wenn Bibliothekare sie irgendwann in den normalen Bestand einsortiert haben. So nehmen sich Michaela Scheibe und ihre Kollegen in der Staatsbibliothek in Berlin die handschriftlichen Akzessionsjournale, in denen die Zugänge verzeichnet wurden, vor und durchforsten die Jahre 1933 bis 1945.

"Beschlagnahmte Literatur galt als Geschenk, da hat man ja nichts dafür bezahlt, und da hat man die dann beim Geschenkzugang eingetragen, und man hat eben tatsächlich auch eingetragen, wenn man sehr großes Glück hat, den tatsächlichen Vorbesitzer. Und hat zum Teil auch wirklich eingetragen "beschlagnahmt aus der Bibliothek der Gesellschaft zu Beförderung des Judentums" und so weiter. Dann weiß ich, worum es sich handelt, dass es Raubgut ist, und da habe ich dann Titel. Ich habe immer noch nicht die Standortnummer, also die Signatur. Dann geht die Recherche im Katalog los, mit dem Titel, mit der Auflage, um zu gucken welche Signaturen haben wir, weil wir oft mehrere Exemplare haben, und dann muss man noch herausfinden, welches Exemplar hat diese Zugangsnummer."

Wer in das Büro von Michaela Scheibe in Berlin, Unter den Linden eintritt, dessen Blick fällt unwillkürlich auf einen alten Einkaufswagen. Darin: Körbe mit Büchern – Material aus dem Archiv. Sie sucht unter anderem Bücher aus dem IFS, dem berühmten von Max Horkheimer geleiteten Institut für Sozialforschung in Frankfurt, das 1933 von den Nazis geschlossen wurde.

"Das war jetzt auch eine dieser Riesenbibliotheken oder sehr berühmten Bibliotheken, die gleich '33 ins Visier des Nationalsozialismus gerieten und beschlagnahmt wurden."

Wo könnten die Bücher aus dem IFS stehen? Auf diese Frage gibt es keine einfache Antwort. Denn die Zugangsbücher sind nicht erhalten.

"Das ist dann auch wirklich ein bisschen Stochern im Nebel und ein bisschen - eine gute Theorie entwickelt, wo etwas sein könnte."

Mühsame Kleinarbeit – die Erfolge halten sich in Grenzen.

"Gefunden haben wir 300, aber es hätten eigentlich 10.000 sein müssen."

Immerhin – es gibt Zufallsfunde, vor allem weil die Staatsbibliothek zu Berlin – Stiftung Preußischer Kulturbesitz 40 Jahre lang geteilt war: So tauchten beim Zusammensortieren der Bestände der West- und Ostberliner Teilbibliotheken Bücherkisten auf, von denen man nichts ahnte. Darunter kostbare Bestände: Teile der Bibliothek des Rabbiners Leo Baeck, Papiere aus dem Besitz von Arthur Rubinstein: Sie konnten 2006 an ihre rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben werden.

Die Recherche müsste bis in die 80er Jahre ausgedehnt werden

In welchem Verhältnis stehen die kleinen Erfolge der Provenienzrecherchen zu den Massen von Büchern, die geraubt worden sind und mutmaßlich bis heute unerkannt in irgendwelchen Regalen stehen, obwohl sie eigentlich an rechtmäßige Besitzer zurückgegeben werden müssten? Michaela Scheibe schaut auf die Bestände der Berliner Staatsbibliothek und sagt, dass die Provenienzrecherche viel weiter ausgedehnt werden müsste. Bis hin zu Erwerbungen aus den 1980er Jahren, weil Verluste durch den Krieg und durch die Teilung der Stadt auf problematische Weise ausgeglichen wurden.

"Und dann sind Dinge eingearbeitet worden, die waren noch unbearbeitet im Haus, die wollte man vorher gar nicht unbedingt. Oft sehen wir: Da ist ein Exemplar Kriegsverlust, und dann ist ein Exemplar eingearbeitet worden, das ist heute als Raubgut einzustufen."

Das passierte auch in anderen Bibliotheken. 

Elena Brasiler: "Wir haben Bücher aus dem Rabbiner-Seminar in Berlin gefunden, von verbotenen Freimaurerlogen oder verfolgten Sozialdemokraten. Wir haben selbst jetzt Teile der parlamentarischen Bibliothek aus Lettland gefunden und haben das zurückgegeben."

Elena Brasiler arbeitet in der Bibliothek der Freien Universität Berlin. Die FU wurde erst 1948 gegründet, die Bibliothek sogar erst 1952. Trotzdem landete Raubgut in deren Regalen. Denn es gab nach dem Zweiten Weltkrieg Millionen von konfiszierten Büchern, auch die Alliierten, die den Aufbau der FU-Bibliothek unterstützten, bedienten sich aus diesem Fundus. Niemand fragte danach, woher die Bücher kamen, auch nicht die gekauften.

"Insofern kann man mitnichten behaupten, dass Bibliotheken, die in der Nachkriegszeit gegründet worden sind, frei von Raubgut sind. Ich denke mal, genau diese Bibliotheken haben sehr viel Raubgut."

Oft ist man auf Widmungen angewiesen

Deshalb sucht heute ein Team von Wissenschaftlern, Bibliothekaren und Hilfskräften nach Provenienzmerkmalen in Büchern. Und findet sie – eingeklebte Briefe, Widmungen, Signaturen oder auch Ex Libris. Die Merkmale werden fotografiert, in einer Datenbank abgelegt, dann folgen die Recherchen – oft in Opfer-Datenbanken wie Yad Vashem oder auch ganz einfach in Adressbüchern.

"Hier sehen wir zum Beispiel ein schönes Ex Libris, Und hier sehen wir den Namen: Bruno Marwitz. Ex Libris Bruno Marwitz. Das ist praktisch der erste Hinweis. Der uns jetzt hier in diesem Buch zur Verfügung stand. Bruno Marwitz war ein Berliner Anwalt, ein jüdischer Anwalt. Und 1938 erhielt er Berufsverbot. Seine Frau hat versucht zu fliehen und wurde an der Grenze festgenommen, in der Schweiz. Und ist im KZ Riga ermordet worden. Den Kindern gelang die Flucht. Und wir haben den Enkel von Bruno Marwitz gefunden und ihn auch angeschrieben."

Das ist die übliche Routine: Die Bibliothek versucht, die Nachfahren herauszufinden und schreibt sie an, fragt auch, ob diese das Buch zurückbekommen möchten und ob man es vorher einscannen darf. Nicht alle Nachfahren wollen die Bücher zurück – oft reicht ihnen zu wissen, dass man diese gefunden hat und ihren Eigentumsanspruch anerkennt.

Der Enkel von Bruno Marwitz kam aus Israel nach Berlin, nahm das Buch – es war ein Einzelstück – in Empfang und war gleichzeitig auch dabei, als für seine Großmutter in Berlin-Schöneberg ein "Stolperstein "vor ihrem letzten Wohnhaus verlegt wurde.

Die Staatsbibliothek zu Berlin – Stiftung Preußischer Kulturbesitz und die Bibliothek der Freien Universität Berlin sind zwei von etwa 8.000 Bibliotheken in Deutschland. An nur 24 Bibliotheken werden zur Zeit Provenienzrecherchen durchgeführt. 24 von 8.000! Zumeist sind es wissenschaftliche sowie Staats- und Landesbibliotheken. Barbara Schleihagen, die Geschäftsführerin des Deutschen Bibliotheksverbandes, nennt zwei Gründe dafür:

"Ich denke, man kann das nicht nebenbei machen. Man braucht ja wirklich eine Personalstelle mindestens."

Viele geraubte Bücher wurden irgendwann weggeworfen

Und die ist normalerweise nicht vorhanden. Sie müsste finanziert werden. Hinzu kommt: Für viele normale Bibliotheken ist das Problem nicht relevant. Nicht mehr, die Zeit hat es gelöst. Denn viele öffentliche Bibliotheken haben – so Barbara Schleihagen – nicht die Aufgabe, die ganzen Medien, die sie je gekauft haben, aufzuheben. 

"Das ginge gar nicht. Wir haben tatsächlich so einen Standard, wir sagen immer: Nach zehn Jahren muss ein Bestand umgeschlagen sein. Das heißt also, jedes Jahr würden Sie 10 Prozent erneuern und da der Platz ja nicht unendlich ist, müssen Sie auch mindestens 10 Prozent raus setzen."

Nach ungefähr zehn Jahren ist der Bestand komplett erneuert. Zwar bestimmen Ausnahmen die Regel, aber dennoch wird man in kaum einer normalen öffentlichen Bücherei heute noch Bände finden, die älter als 30 Jahre sind.

Dennoch gilt: Jedes Buch, das vor 1945 gedruckt wurde, ist verdächtig. Michaela Scheibe:

"Bis '45 Erscheinungsjahr könnte es sich um Raubgut handeln. Und es kann auch ein Buch aus dem 15., 16. Jahrhundert sein."

Je länger die Nationalsozialisten an der Macht waren, desto ungeplanter und skrupelloser wurde der Umgang mit den beschlagnahmten Wertsachen – nicht nur von Seiten des Staates, sondern auch in der Bevölkerung. Wurden private Bibliotheken anfangs noch ordentlich verpackt zu staatlichen Einrichtungen nach Berlin gesandt, so änderte ich das vor allem in den 1940er Jahren. 

"Dieses Weiterverwerten nimmt dann bösartige Züge an, im Bereich des jüdischen Vermögens. Also gerade dann '41/ '42, wo diese Alterstransporte nach Theresienstadt gehen, da hat man ja dann alles verwertet. Den gesamten Hausrat, auch die Bücher, und da gibt es die Judenauktionen, wo man dann halt dieses billig erwerben konnte. Und auch die Bücher. Und da wird alles zu Geld gemacht."

Da konnte sich der gute Nachbar billig Vermögenswerte der Deportierten unter den Nagel reißen, die eigene wertvolle Bibliothek ergänzen, eine Sammlung alter Grafik oder alter Städteansichten anlegen – all das, was im Antiquariatshandel gut zu verkaufen war und gute Preise erzielte.

"Also im Antiquariatshandel heutzutage kursieren weiterhin natürlich geraubte Bücher. Ganz klar."

Wolfgang Mecklenburg: "Es gehört zur Arbeit ist Antiquars, sich um die Frage zu kümmern, wo kommt etwas her? Das macht der seriöse Handel schon immer, sozusagen. Das Bewusstsein für NS-verfolgungsbedingt abhandengekommene Dinge ist in den letzten Jahren, Jahrzehnten gewachsen."

Die Stempel der Vorbesitzer brutal geschwärzt

Wolfgang Mecklenburg ist Geschäftsführer und Inhaber der Autographenhandlung Stargardt, einem angesehenen, bereits 1830 gegründeten Handels- und Auktionshaus in Berlin.

"Natürlich im Rahmen der wirtschaftlichen Machbarkeit, also ein antiquarisches Buch für 20 Euro wird nicht rechtfertigen, dass man da also tage- und wochenlang versucht herauszubekommen, wem das irgendwann mal gehört hat."

Mitunter ist die Arbeit der Provenienzrechercheure sehr schwierig. Michaela Scheibe kann Dutzende von Büchern vorweisen, in denen die Stempel der Vorbesitzer brutal mit Tinte geschwärzt wurden – so stark, dass man mit bestem Willen und auch unter Infrarotlicht nichts mehr erkennen kann. Vor allem bei Büchern, die aus dem Reichssicherheitshauptamt der SS kamen, ist das der Fall. Zum Teil hat die säurehaltige Tinte auch das alte Papier zerfressen. Wo einst der Eigentumsvermerk war, klafft heute nur noch ein Loch im Vorsatzblatt.

Der Antiquar und Autographenhändler Wolfgang Mecklenburg schaut sich das Buch "Die Robinson Insel" von Otto Bürger an, aus dem auf dem Innentitel unten ein Stück herausgeschnitten wurde. Könnte das Raubgut sein? Er schaut und blättert.

"Die Vermutung liegt nahe, kann sein, muss aber nicht sein. Und damit ist eigentlich schon wieder Ende – Gelände, denn dieser Vermerk hier oben, Nummer 2789, lässt keinen Rückschluss zu darauf, ob das eine private Bibliothek war, ob das eine Leihbibliothek war, ob das irgendetwas Öffentliches war. Warum das da irgendjemand hinein geschrieben hat, es führt zu nichts. Das könnte sein, 1909 erschienen, könnte sein, dass das mit '33 bis '45 zu tun hat. Der Einband ist ein Verlagseinband, das normale, kein Privateinband, wo ist manchmal Signaturen gibt von den Buchbindern, wo man sagen kann, aha, das ist also in Leipzig gebunden von dem und dem, da ist dann irgendwo eine Spur, der man nachgehen kann. Aber hier ist nichts weiter, keine persönlichen Vermerke irgendwelcher Art und Weise."

Manchmal bewahren die Bücher ihr Geheimnis

Sieben Euro hat das abgestoßene Buch 2003 in einem Online-Antiquariat gekostet, Dutzendware im Handel. Aber teurere Exemplare? Im Bestandskatalog 701 der Autographenhandlung Stargardt findet sich unter Nummer 69 ein Brief Rainer Maria Rilkes vom 9. November 1907 an Esther Strömberg-Grossmann, die Frau des Schriftstellers Stefan Großmann. Der Preis: 2.800 Euro.

Großmann, heute weitgehend vergessen, war ein österreichischer Schriftsteller und ein kritischer Journalist. Er war Begründer und Herausgeber der politischen Wochenschrift "Das Tage-Buch", einer radikaldemokratischen Zeitung. Von 1913 bis 1933 lebte Großmann in Berlin, er sollte im März 1933 verhaftet werden. Wegen seines schlechten Gesundheitszustands wurde der Haftbefehl nicht vollstreckt. Stattdessen musste Großmann Deutschland verlassen. Er zog nach Wien zurück, wo er am 3. Januar 1935 starb. Seine aus Schweden stammende Frau exilierte später in die USA. Sie starb 1944 in Santa Fe.

Frage an Wolfgang Mecklenburg: Wie kommt der Brief in seinen Besitz?

"Ich versuche schon zu prüfen, wie ist die Geschichte gewesen, der Adressatin in dem Fall. Ich meine, ein Rilke-Brief, da reden wir von zwei-, dreitausend Euro, da kann man sich schon mal ein bisschen reinhängen und Mühe geben. Es spielt bei den Autographen tatsächlich eine Rolle, dass sie so verhältnismäßig wenig Platz wegnehmen. In den dreißiger, vierziger Jahren sind große Sammlungen, große Sammlung in Anführungsstrichen, eben nicht volumenmäßig, große Sammlung tatsächlich mitgenommen worden. In die Schweiz, vor allem nach Amerika, nach Nordamerika, auch Südamerika. In der Geschichte unserer Firma kann ich belegen, wie viele Auswanderer und Erben von Auswanderern in den fünfziger und sechziger Jahren europäische Autographen aus Amerika bei uns eingeliefert haben. Dinge, die mitgenommen worden waren. Bei so einem Rilke-Brief kann das durchaus sein, dass das so ein Fall war. Ein paar Briefe eben mitgenommen wurden, es kann auch ganz anders gewesen sein: Sie kann noch in Wien den Brief verschenkt haben, verkauft haben, es wird verhältnismäßig schwierig werden, da Nachweise zu finden."

Das ist das Problem der Provenienzrecherche. Mitunter lässt sich einfach nichts finden. Manchmal bewahren die Bücher ihr Geheimnis. Und das hinterlässt ein ungutes Gefühl. Michaela Scheibe:

"Wenn Sie aber gar nichts in dem Exemplar finden, dann war's das. Wenn in einem Exemplar nichts, gar nichts über eine Provenienz festzustellen ist, dann können wir zwar manchmal sogar feststellen anhand der Zugangsbücher, es ist über ein Polizeipräsidium gekommen, ist es klar beschlagnahmt worden, aber wir können nicht sagen woher. Und das ist dann das Ende der Recherche."

Gesucht wird bis heute zu wenig

Dann weiß man zwar: das Buch ist Raubgut, es verbleibt aber im Regal der Staatsbibliothek. Oder der FU-Bibliothek. Oder im Katalog des Antiquars. Wenn es nicht noch einen Käufer findet. Die Stempel der Potsdamer Freimaurerloge "Teutonia zur Weisheit" wurden haltbar in die Bücher hineingedruckt. Nie herausgeschnitten, nie übermalt oder überklebt. In solchen Fällen ist klar: Sie werden gefunden, wenn man nur nach ihnen sucht. Was immer noch viel zu wenig geschieht.

Thomas Geigengack: "Wir wissen, dass in der Nationalbibliothek von Wien noch Bücher sind von uns. Da wurde ich auch vor ein paar Jahren angeschrieben von einem Provenienzforscher. Der hat ein Buch entdeckt, wo diverse Stempelungen drin sind; 'Standhaftigkeit', 'Teutonia zur Weisheit', und sowas alles, die 'Standhaftigkeit' war die Vorgängerloge. Von denen haben wir die Bibliothek übernommen."

Thomas Geigengack, der Meister vom Stuhl der Potsdamer Freimaurerloge, ist optimistisch, dass seine Loge auch aus Wien noch Bücher zurückbekommt.

"Das haben wir noch gar nicht in Angriff genommen, das ist noch in Vorbereitung. Wir wollten uns erst einmal die Bücher auf uns zukommen lassen, das ist ja ein Batzen, wir haben unsere Bibliothek erweitert, die Regale mussten aufgestockt werden. Für den Anfang ist es doch schon mal was Schönes."

Aufs Ganze gesehen aber eher die Ausnahme beim Raubgut Buch.

 

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