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Religionen / Archiv | Beitrag vom 21.04.2012

Auf der Suche nach König David

Ein biblischer Park in Jerusalem ist ein Politikum

Von Ayala Goldmann

Der archäologische Park "City of David" in Ost-Jerusalem. Im Hintergrund das palästinensische Dorf Silwan (picture alliance / dpa / Jim Hollander)
Der archäologische Park "City of David" in Ost-Jerusalem. Im Hintergrund das palästinensische Dorf Silwan (picture alliance / dpa / Jim Hollander)

Hunderttausende Touristen besichtigen jedes Jahr die "Davidsstadt" in Ost-Jerusalem - eine der faszinierendsten archäologischen Stätten der Welt. Doch der Park wird von jüdischen Siedlern betrieben, die im arabischen Dorf Silwan umstrittene Bauprojekte vorantreiben.

Die "City of David" oder hebräisch "Ir David" liegt nur 200 Meter südlich der Altstadt von Jerusalem. Am Eingangstor des Touristenparks prangt ein Bild von einer Harfe, dem Instrument, auf dem einst König David gespielt haben soll - so erzählen es die beiden biblischen Bücher Samuel. Aus Lautsprechern, im Gras versteckt, erklingen leise Harfentöne.

Ein Bus mit Touristen nach dem anderen hält wenige Meter vor dem Eingang.
Auch viele Israelis wollen ihren Kindern an diesem Freitagvormittag die "City of David" zeigen. Um 11 Uhr startet die hebräischsprachige Tour durch den Ausgrabungspark, der von der jüdischen Siedler-Organisation "Elad" betrieben wird - das hebräische Akronym für "El Ir David", "hin zur Stadt Davids".

Die Tour beginnt mit einem Ausblick auf die Altstadt und auf den Ölberg. Direkt gegenüber liegen die Häuser des palästinensischen Dorfes Silwan - auf Hebräisch Kfar Shiloach. Diesen Namen benutzt die israelische Psychologiestudentin, die die Gruppe führt. Sie trägt eine modisches, buntes Tuch auf dem Kopf, typisch für religiöse, jung-dynamische jüdische Frauen. Der Ort, an dem einst König David lebte, rufe in ihr ganz besondere Gefühle wach, gesteht die angehende Psychologin.Hier habe er einst gesessen, sein Tagebuch geschrieben oder musiziert, sagt die Gruppenführerin. Vielleicht, meint sie versonnen und führt die israelischen Touristen zu einer Treppe, sei er einst auf diesen Steinen gewandelt?

"Wenn man sagt, vielleicht war hier König David ... dann wird das "vielleicht" sehr schnell weggewischt, und was bleibt, ist nur der König,"

sagt der Archäologe Yoni Mizrahi. Er gehört zur israelischen Nichtregierungs-Organisation "Emek Shave". Auch Mizrahi führt Besucher über das Gelände der so genannten Davidsstadt. Viele Grabungsstellen sind derzeit zugänglich für nicht zahlendes Publikum - auch die so genannte "Alte Steinstruktur" an einem kleinen Abhang.

"Was sehen wir hier eigentlich? Wir sehen eine Ansammlung von Steinen, Überreste eines Gebäudes am Hang. Und dann gibt es das zweite Gebäude mit einer sehr großen Wand. Und hier fangen die Fragen an: War es ein Palast? Ein Regierungsgebäude? Eine Festung? Und aus welcher Epoche stammt es?"

Neben den Steinresten ist ein Schild angebracht. Darauf steht: Die israelische Archäologin Eilat Mazar - eine der bekanntesten Ausgräberinnen in der "City of David" - sei davon überzeugt: Hier, an dieser Stelle, lag einst der Palast von König David aus dem 10. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Andere Archäologen bezweifelten diese Ansicht, heißt es weiter im Text. Doch wer sich von "Elad" durch die "City of David" führen lässt, hört kaum etwas über Zweifel. Zu den Programmhäppchen, touristen- und kinderfreundlich aufbereitet, gehört nicht nur die Kaffeepause am Kiosk, sondern auch ein viertelstündiger Film, bei dem in 3-D-Animation der Bau von Davids Palast gezeigt wird - untermalt mit einem Bibelzitat aus dem 2. Buch Samuel:

"Hiram, der König von Tyrus, schickte Zimmerleute und Steinmetze, und sie bauten für David einen Palast."

Unter anderem auf diese Bibelstelle berufe sich Eilat Mazar, erläutert der Archäologe Ronny Reich:

"Sie hat gesagt, ich lese in der Bibel von König David, ich lese, dass er in einem Palast lebte, man hat ihm einen Palast gebaut - ich werde jetzt gehen und den Palast suchen."

Reich, dessen Mutter aus Österreich stammt, ist Professor für Archäologie an der Universität Haifa. Seine Kollegin Eilat Mazar versuche, die Bibel zu beweisen - eine Herangehensweise, die in der modernen Archäologie längst überholt sei, sagt Ronny Reich in seiner Wohnung in West-Jerusalem. Reich war mehr als 17 Jahre an den Ausgrabungen in der "City of David" beteiligt.

"Ich wurde noch nicht überzeugt von den Resten, die mir Eilat Mazar gezeigt hat. Die können auch sein viel früher als das zehnte Jahrhundert vor Christus, Zeit des König David. Palast? Also, ich selber habe ihn dort noch nicht gesehen."

Trotz seiner Zurückhaltung in diesem Punkt und trotz seines Renommees ist Ronny Reich in die Kritik geraten: Sein Archäologenkollege Yoni Mizrahi wirft ihm vor, zu eng mit den Siedlern von "Elad" zusammenzuarbeiten. Reich weist diese Vorwürfe zurück:

"Ich bin Wissenschaftler, ich habe da keine politischen Weltanschauungen. Ist mir egal, wer gefunden wird in der Ausgrabung, ob König David oder islamische Archäologie."

Aber eines räumt Reich ein: Finanziell seien die Archäologen in der Davidsstadt abhängig von den Geldern, die "Elad" reichlich für die Ausgrabungen zur Verfügung stellt - weitaus großzügiger als die israelische Antiquitätenbehörde.

"Sehr viel Geld. Ich bin dankbar, denn so konnten wir machen richtig gute Wissenschaft."

Yoni Mizrahi dagegen warnt vor dem Missbrauch genau dieser Wissenschaft:

"Die Archäologie hat weder die Existenz von König David, König Salomon, Moses, Abraham, Jesus oder Mohammed nachgewiesen. Das bedeutet nicht, dass diese Personen nicht existiert oder Geschichte geschrieben haben. Aber die Aufgabe der Archäologie ist es, Kultur zu verstehen, auch die der Kanaanäer, Römer, Byzantiner. Wenn die israelischen Behörden, die Siedler von Elad oder Eilat Mazar über König David, König Salomon oder König Hiskija sprechen, dann sind die Geschichten für Israelis und für Touristen aus dem Ausland sehr eingängig. Und das ist sehr gefährlich, denn es erzeugt ein Narrativ, das Jahrtausende in der Geschichte ebenso ignoriert wie die Realität von heute."

Ignoriert fühlen sich vor allem die Einwohner des Dorfes Silwan, die seit Jahren mit den Grabungen und den Siedlern konfrontiert sind. Jawad Siyyam lebt in Silwan, das zu Ost-Jerusalem gehört, und ist dort einer der bekanntesten palästinensischen Aktivisten. Er beklagt:

"Heute, die Touristen kommen überhaupt nicht zu uns. Heute, wenn sie einkaufen gehen wollen, sie haben den Kiosk bei den Siedlern. Die Touristen wissen überhaupt nicht, dass die Palästinenser hier existieren."

55.000 Palästinenser leben in Silwan - und inzwischen mehr als 300 jüdische Siedler. In der Vergangenheit ist es bereits zu gewaltsamen Auseinandersetzungen gekommen. Nun droht neuer Streit: Die Jerusalemer Stadtverwaltung hat Mitte Februar den Bau eines dreistöckigen Gebäudes genehmigt, das die Ausgrabungen der "City of David" überdachen soll. Ein riesiges Projekt mit Cafés, Läden, einem Museum und einem Besucherzentrum. Und in der Pipeline ist ein weiteres, 2010 auf Druck von US-Außenministerin Hillary Clinton auf Eis gelegtes Bauvorhaben weiter unten im Kidron-Tal, genannt "Al Bustan" oder "King´s Garden", für das 88 Häuser in Silwan abgerissen werden sollen. Doch schon der jetzt genehmigte Bau dürfte für Auseinandersetzungen sorgen, denn die direkte Straße vom Dorf zur Altstadt würde versperrt. Jawad Siyyam:

"Wir versuchen, Druck zu machen, auch auf der internationalen Ebene, weil das Gebäude, was sie machen wollen, das hat mit uns nichts zu tun. Das ist 16.000 Quadratmeter, was nur den Siedlern und dem Siedlungstourismus dient."

Ronny Reich dagegen findet den Neubau aus archäologischer Sicht sinnvoll: So würden die Ausgrabungen wirkungsvoll geschützt. Reichs Kollege Yoni Mizrahi ist genau der entgegengesetzten Ansicht. Dass eine Stätte wie die "City of David" nicht von der Jerusalemer Stadtverwaltung oder der Antiquitätenbehörde, sondern von "Elad" betrieben wird, ist in den Augen des streitbaren Archäologen ein Skandal. Mizrahi will erreichen, dass die Ausgrabungen für alle unter freiem Himmel bleiben sollen - ohne Deutungshoheit für die Siedler.

"Es gibt archäologische Ausgrabungen, die vor den Augen der Besucher offenliegen. Sie sind nicht durch Mauern oder Gebäude eingeschlossen. Und wir finden, dass das auch so bleiben soll."

Der archäologische Park "City of David" in Ost-Jerusalem

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