• facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
 
 

Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 26.02.2008

Auf der Suche nach dem Messias

Von Cora Stephan

Barack Obama (AP)
Barack Obama (AP)

Man hat noch nicht davon gehört, dass Wählerinnen beim Anblick von, sagen wir mal: Michael Naumann in Freudentränen ausgebrochen wären, um hernach dekorativ in Ohnmacht zu fallen. Aber das kann ja beim nächsten halbwegs gut aussehenden Kandidaten noch kommen.

Denn wenn wir die Zeichen richtig lesen, dann sehnt sich auch hier manch einer nach dem neuen Messias, wie ihn Barack Obama in den USA zu verkörpern scheint: nach einem Heilsbringer, einem Verführer, einem guten und weisen Herrscher. Einem Führer, genau, der uns mit ebenso edlen wie schlichten Botschaften hinter seinem Banner zu versammeln vermag – mögen die Parolen "Yes, we can" lauten oder als sehnsüchtiger Ruf nach "Change" nachhallen, mögen sie "Gerechtigkeit" versprechen oder das Paradies auf Erden. Ja, langsam sind wir soweit.

Man kann es den Wählern kaum noch verdenken, dass sie auf eine Lichtgestalt hoffen, die Ehre und Gewissen zumindestens glaubwürdig darzustellen vermag. Zuviel Strategie und Taktik wird ihnen just vor den sich häufenden Wahlterminen vorgeführt, die mit Inhalten und Zielen so wenig zu tun haben wie der Mindestlohn mit Gerechtigkeit. Da beflügelt das "Njet" eines Michael Naumann schon eher als das "Warum nicht?" des machtgierigen Kurt Beck, der dem feinsinnigen Kandidaten im Kampf um Hamburg in den Rücken gefallen ist mit taktischen Erwägungen in Hinblick auf die Linkspartei.

Doch die Grenze zwischen Messias und Rattenfänger zerfließt. Oskar Lafontaine etwa ist nicht der Typ, der mit gospelgeschultem Tremolo "I have a dream!" ruft. Und doch versteht der trickreiche Machtmensch sein Geschäft noch immer: wie er in unstillbarem Rachedurst aus einem ziemlich wirren Haufen eine Partei geschmiedet hat, die derzeit von Erfolg zu Erfolg taumelt – das macht ihm keine Heilsfigur nach. Glaubwürdigkeit verkörpert er nicht. Aber sicherlich den Rächer, mit dem sich manch einer identifiziert, der "denen da Oben" auch mal kräftig einschenken möchte.

Die gemütlichen Zeiten sind ohnehin vorbei, als Politik noch per Männerfreundschaft und in Strickjacke erledigt werden konnte. Mit Wladimir Putin und seinem Strohmann ist Kumpanei nicht angesagt. Er ist die stahlharte Variante des Führerprinzips, anders als der Schmuseboy aus den USA. Der Mittelweg zwischen beiden: die Verkörperung von politischer Erfahrung und Pragmatismus. Ja, Hillary Clinton, die ihr Geschäft im Zweifelsfall um Klassen besser versteht als der junge Senator Obama – ihr jedoch sieht man den Willen zur Macht an, es sei denn, sie zwingt sich mal ein Tränchen ab. Treuherzigkeit ist nicht ihr Stil.

Aber ist sie nicht genau darin glaubwürdig? Glaubwürdiger als ein lächelnder Schmusetyp, der für nichts Besonderes steht, außer für einen Wandel, von dem niemand weiß, wohin er führen soll?

Ach, die Glaubwürdigkeit. Jene Tugend, die ein von Skandalen und Lügen gequälter Wähler immer inniger nachfragt. Die bittere Wahrheit indes lautet, dass dieser Wunsch statt glaubwürdiger Politiker nur immer geschicktere Glaubwürdigkeitsdarsteller hervorbringt. Es kann die größte Lüge sein – Hauptsache, sie wird glaubwürdig vorgetragen, im Brustton innerster Überzeugung.

Insofern bekommen wir, was wir nachfragen. Politikdarsteller, die, von einem Wahltermin zum anderen kämpfend, schon längst vergessen haben, dass sie gewählt sind, um etwas zu tun, nicht, um etwas darzustellen.

Das, denkt man manchmal, ist das politische Schicksal Angela Merkels. Sie ist auch deshalb Kanzlerin der Bundesrepublik geworden, weil sie einen neuen Stil mitgebracht hat, der sich wohltuend von den Brüllorgien testosterongesteuerter Primaten unterscheidet. Man wünschte nur, aus diesem Stil würde noch rechtzeitig Politik erwachsen, die uns weiter bringt. Aussichtslos. Denn der Kampf um die nächste Bundestagswahl ist längst eröffnet. Die Rattenfänger und Heilsbringer polieren bereits wieder die Flöten und die Heiligenscheine.

Pragmatischer Vorschlag, nicht neu, aber bewährt: Wahlen beschränken sich künftig auf die Kür des besten Glaubwürdigkeitsdarstellers, der, ohne politischen Einfluss, repräsentiert, während unter seiner wohltätigen Ägide die Administration den Laden am Laufen hält und blühende Landschaften erzeugt.

Statt der Wahl zwischen Messias und Rattenfänger: Die Demonarchie. Ganz die Rolle für Angela Merkel, oder?

Die Frankfurter Publizistin und Buchautorin Cora Stephan, Jahrgang 1951, ist promovierte Politikwissenschaftlerin. Von 1976 bis 1984 war sie Lehrbeauftragte an der Johann Wolfgang von Goethe Universität und Kulturredakteurin beim Hessischen Rundfunk. Von 1985 bis 1987 arbeitete sie im Bonner Büro des "Spiegel". Zuletzt veröffentlichte sie "Der Betroffenheitskult. Eine politische Sittengeschichte", "Die neue Etikette" und "Das Handwerk des Krieges".

Politisches Feuilleton

BürokratieSelbstunwirksamkeit oder die Ohnmacht im Alltag
Wartenummernanzeigen und Wartenummernausgabeautomaten (imago/Cord)

Woher kommt diese Wut, die uns nicht nur in den Internetforen und auf Demonstrationen, sondern auch im Alltag begegnet? Das psychologische Konzept der Selbstwirksamkeit bietet da Erklärungsansätze, sagt die Pädagogin und Psychotherapeutin Astrid von Friesen.Mehr

FrauenrechteEine freie Frau treibt nicht ab
Frauen demonstrieren für das Recht auf Abtreibung in Warschau. (imago/Pacific Press Agency)

Tausende von Frauen gehen für ihre Selbstbestimmung, etwa in Polen, auf die Straße. Radikale Konservative fürchteten, dass sie ohne staatliche oder kirchliche Kontrolle ihre Babys töten würden, sagt Gesine Palmer. Dabei würden wirklich freie Frauen anders entscheiden.Mehr

Debatte um Abtreibung in PolenKampf um den weiblichen Körper
Demonstration gegen eine Verschärfung des Abtreibungsrechts in Polen. (AFP / WOJTEK RADWANSKI )

Polen hat bereits ein sehr restriktives Abtreibungsgesetz, nun will die Regierung es weiter verschärfen. Beifall kommt von der katholischen Kirche - doch die Frauen gehen für ihr Recht auf die Straße. Und das ist auch ganz richtig so, meint die Journalistin Beata Bielecka. Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur