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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 15.07.2009

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Hubert Haddad: "Falastin", Edition Nautilus, Hamburg 2009, 157 Seiten

Gefährlicher Einsatz: Entführungen von israelischen Soldaten kommen im Nahostkonflikt häufig vor. (AP)
Gefährlicher Einsatz: Entführungen von israelischen Soldaten kommen im Nahostkonflikt häufig vor. (AP)

Eigentlich wollte der israelische Soldat Cham Urlaub machen. Doch er wird von Palästinensern entführt und verliert sein Gedächtnis. Fortan lebt er als Araber im Westjordanland und erlebt den Nahostkonflikt von der anderen Seite. Mit "Falastin" gibt der in Tunesien geborene französische Autor Hubert Haddad dem Krieg ein Gesicht.

Endlich nach Tel Aviv, denkt sich der israelische Gefreite Cham. Er hat Urlaub erhalten, will abspannen vom stressigen Dienst im besetzten Westjordanland. Aber er verpasst den Bus und wird von einem Vorgesetzten spontan zu einem Kontrollgang entlang der Grenze mitgenommen. Ein palästinensischer Kommandotrupp überfällt die beiden Soldaten, Chams Vorgesetzter wird erschossen, er selbst entführt.

Mit dieser spektakulären, im israelisch-palästinensischen Konflikt jederzeit möglichen Situation, eröffnet der geborene Tunesier und französische Autor Hubert Haddad seinen neuen Roman "Falastin".

Überraschend, mit bestechender innerer Logik, entwickelt Haddad die Handlung. Der entführte Soldat wird von seiner Einheit nicht vermisst - man glaubt ihn im Urlaub. Seine Kidnapper, Mitglieder einer terroristischen Splittergruppe ohne Strategie, sind uneins, was mit ihm geschehen soll. Bei einem Vergeltungsangriff der Israelis werden sie alle getötet, Cham jedoch überlebt verletzt - ohne Gedächtnis. Da er Arabisch spricht, wird er fortan als Palästinenser angesehen. Ein von den gewalttätigen Auseinandersetzungen traumatisiertes Mädchen, Falastin - arabisch für "Palästina" - pflegt ihn. Eine Liebesgeschichte entspinnt sich, in deren Verlauf der Israeli das Besatzungsregime seiner Landsleute als Araber wahrnimmt.

Die Identität seiner beiden Protagonisten Falastin und Cham beschreibt der Autor als unabhängig von ihrer Herkunft und Volkszugehörigkeit. Sie wird von den jeweiligen Umständen diktiert. Der israelische Soldat wird als Palästinenser behandelt - und reagiert wie einer. Mit fatalen Folgen: Falastin, die Palästinenserin, verliebt sich in ihren Unterdrücker - weil sie ihn für einen Bruder hält.

Hubert Haddad konstruiert seinen Roman so, dass er zur Parabel wird. Er zeigt die Verwandtschaft im Denken und Fühlen der Israelis und Palästinenser, ihre Liebesfähigkeit und Gewaltbereitschaft. Letztere begründet sich als unausweichliche Folge der unheilvollen, gemeinsamen Geschichte.

Stilistisch neigt der Roman - auf Französisch verfasst - der arabischen Erzähltradition zu. Gefühls- und Landschaftsbeschreibungen sind von Pathos und Blumigkeit durchdrungen, die man zunächst wohlwollend als kunstvoll-surreal, schließlich aber als gespreizt wahrnimmt. Für einen Roman wirken die Figuren zu plakativ. Als lehrhafte Dichtung jedoch, die die Absurdität des Kampfes zwischen Israelis und Palästinensern darzustellen sucht, überzeugt "Falastin".

Besprochen von Carsten Hueck

Hubert Haddad: Falastin
Aus dem Französischen von Katja Meintel
Edition Nautilus, Hamburg 2009
157 Seiten, 16 Euro

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