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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 15.01.2011

Auf den Pfaden der Altersmilde

John Updike: "Die Tränen meines Vaters", Erzählungen, Rowohlt Verlag, 367 Seiten

John Updike (AP)
John Updike (AP)

Es sind die letzten Erzählungen von John Updike, die jetzt - knapp zwei Jahre nach seinem Tod - auf deutsch erscheinen. "Die Tränen meines Vaters" heißt der Band dieses einschüchternd schöpferischen Autors, der mit 20 Jahren beschlossen haben soll, jedes Jahr ein Buch zu schreiben.

Er starb mit 76 und hat eine beeindruckende Zahl von Publikationen hinterlassen: Romane, Gedichte, Essays, Rezensionen, Erzählungen. Er hat geschrieben bis zuletzt.

Im vorliegenden Band kehrt er zurück zu den Themen, die ihn immer wieder beschäftigten. Sein Aufwachsen in Shillington, Pennsylvania, die kummervolle, verarmte Familie, das verfallende Farmhaus, der hilflose Lehrer-Vater, die wütende, belesene Mutter. Sein eigener Ausbruch aus der Enge der Herkunft, dann aus der früh geschlossenen Ehe. Updike, den man einmal den literarischen Meister des Ehebruchs nannte, schreibt auch hier über die Begierden, die Geliebten, den Verrat, den Verzicht, den schalen Nachgeschmack.

Und doch ist alles anders. Denn es sind Geschichten eines alten Mannes. Der schon lange nicht mehr glüht, sich aber noch gut erinnert an sich, als er noch brannte. Der amüsiert zurückblickt und seine Figuren auf altersmilde Pfade schickt. Auf denen die einen leicht resigniert, die anderen leicht rebellierend sich trollen. Da ist der Witwer, der seine ehemalige Gespielin aufsucht, um sich -von ihr enttäuscht- in die auf einmal tröstlichen Erinnerungen an seine im Leben nicht allzu sehr geliebte Gattin zu flüchten. Die Macht der Gewohnheit obsiegt. Selbst wenn sie nur noch Erinnerung ist. Da ist der angegraute Mann, der beim Stromausfall schon fast im Bett seiner jungen Nachbarin gelandet ist – als zu ihrer beider Schrecken das Licht wieder angeht, der Fernsehapparat läuft, das Telefon jeden Moment klingeln könnte. Es hätte sein können. Wunsch und Wirklichkeit klaffen halt auseinander. Wie so oft im Alter.

Es sind mit wenigen Ausnahmen gewiss nicht Updikes beste Geschichten. Weder wird die Sprache so meisterlich eingesetzt, wie wir es von ihm kennen, noch gibt es fantastische Höhenflüge. Doch es ist ein immens anrührendes Buch. Weil hier jemand mit der Melancholie des Alters die Gegenwart bedenkt, die Vergangenheit erinnert. Sinnend, fragend, verstehend. Der auf einmal begreift, warum sein Vater Tränen in den Augen hatte, als er seinen Sohn, der nun Student sein wird, am Bahnhof verabschiedet. Der Vater bleibt. Der Sohn geht. Ein Leben endet. Das andere beginnt.

Updike war nie ein Autor, in dessen glitzernder Ironie sich gehässige Häme verbarg. Aber viele dieser Geschichten sind so hinreißend sympathisch, so gänzlich unangestrengt, so selbstverständlich geschrieben, dass man beim Lesen meint, diesem sanften alten Herrn lauschend zu Füßen zu sitzen. Der uns in aller Stille vom Abschied erzählt. Von dem Mann zum Beispiel, der die lebensverlängernden Pillen schluckt , dabei einen Toast ausbringt auf die sichtbare Welt und es zugleich verdammt, bald aus ihr verschwinden zu müssen.

Updike hatte Lungenkrebs. Er wusste, was Endlichkeit bedeutet.

Besprochen von Gabriele von Arnim

John Updike: Die Tränen meines Vaters. Erzählungen
Aus dem Englischen von Maria Carlsson
Rowohlt Verlag, Hamburg 2011
367 Seiten, 19,95 Euro

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