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Auf den Geschmack gekommen

Kulinarisches Kino auf der Berlinale

Von Johannes Kaiser

Beim kulinarischen Kino auf der Berlinale dreht sich alles ums Essen.
Beim kulinarischen Kino auf der Berlinale dreht sich alles ums Essen. (picture alliance / dpa)

Ein Film in Begleitung eines Sterne-Koch-Menüs zum Preis von 85 Euro: Wer es sich leisten kann, der ist auf der Berlinale wieder zum Schmausen eingeladen - im kulinarischen Kino. Dort kann man dem Genuss huldigen - oder ihn sich verderben lassen.

"Wir wissen nicht, wie sich dieses große Experiment auf die Menschheit auswirken wird, wenn sich genetische veränderte Organismen durchsetzen. Wenn wir tatsächlich das sind, was wir essen, dann sollten wir uns sicherlich Gedanken über die Produkte machen, die wir konsumieren, damit wir wissen, was aus uns werden wird."

Der Abgeordnete des US-Repräsentantenhauses Dennis Kucinich. Gut, dass die Dokumentation "GMO OMG" des jungen amerikanischen Regisseurs Jeremy Seifert über Gentechnik in der US-Nahrung erst am späten Abend lief. Da dürften die meisten Kinobesucher bereits gegessen haben - denn der Film konnte einem nachhaltig den Appetit verderben.

Genfood jedenfalls kam in Berlin hundertprozentig nicht auf den Tisch, als fünf Starköche fünf Filme aus der Reihe des kulinarischen Kinos fantasievoll bekochten.

Den Mund wässrig machte nicht nur "L'amour des moules", eine Hommage an die Miesmuschel, sondern auch die englische Komödie "Jadoo" von Amit Gupta über zwei heftig zerstrittene Brüder, die jeweils in der englischen Kleinstadt Leicester ein indisches Restaurant betreiben. Weil aber jeder von ihnen nur die Hälfte des Kochbuchs der Mutter besitzt, gelingen dem einen zwar exzellente Vorspeisen und dem anderen fantastische Hauptgerichte, aber beides zusammen beherrscht keiner. Als die Tochter des einen heiraten will und verlangt, dass die Brüder das Hochzeitsessen gemeinsam kochen, überschlagen sich die Ereignisse. Was da allerdings vor den Augen des Zuschauers alles in den Töpfen schmurgelt, lässt sich eigentlich nur gesättigt ertragen.

Langsam essen statt gedankenlos schlingen

Das gilt auch für die Dokumentation "Slow Food Story" von Stefano Sardo. Die inzwischen weltweite Bewegung, die sich für regionale Produkte und Bioanbau, gegen die geschmackstötende Massenfertigung der Agroindustrie und gegen Massentierhaltung ausspricht, propagiert vor allem den Genuss am Essen und Trinken, wie es im Manifest von 1989 heißt:

"Der Homo sapiens muss seine Weisheit wiedergewinnen und sich von der Geschwindigkeit befreien, die ihn vernichten wird. Wir schlagen als Immunisierung eine anständige Portion sinnlichen Schlemmervergnügens vor und zwar als langsamen und ausgedehnten Genuss."

Was viele - eingeschlossen der Rezensent - allerdings nicht wissen werden: Die Slow Food-Bewegung hat linksradikale Wurzeln. Sie entsprang der antidogmatischen italienischen Linken um die Zeitung "Il manifesto", die sich erdreistete, das Essen auf den Festen der Kommunistischen Partei zu bewerten, einen Restaurant- und Weinführer herauszugeben, sich für regionale Küche und Wein stark zu machen. Das schafft wohl nur Italien: Kommunistische Ideale in Wein und Pastagenuss zu überführen. Schade, dass das anschließende vegetarische Menü sich - zumindest was die Portionen anging – eher minimalistisch gab, denn im Film wurde in Essen oder Trinken geradezu geschwelgt.

Dass Wein zur "Red Obsession", zur roten Besessenheit werden kann, führten die amerikanischen Regisseure Warwick Roos und David Roach anschaulich an Bordeaux-Wein vor.

"Was seine Magie ausmacht, ist offenkundig schwer zu erklären, eben weil er voller Magie steckt."

Paul Pontallier, technischer Direktor des Weinguts Château Margaux. Das klingt sehr schön und geheimnisvoll, entspricht aber nur der Hälfte der Wahrheit. Die andere, die die Dokumentation detailreich enthüllt, ist die fieberhafte Spekulation großer Finanzinvestoren, die Weine berühmter Bordeaux-Weingüter aufkaufen. Anlageobjekt statt Trinkgenuss oder andere Variante: Protzobjekt chinesischer Millionäre - das hat die Preise raketengleich in den Himmel schießen lassen. Das kann einem den Genuss am Bordeaux nachhaltig vergällen. Aber es gibt ja noch genügend andere exzellente Rotweine, die voller Magie stecken und die sich auch ein Normalverbraucher leisten kann.


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