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Fazit / Archiv | Beitrag vom 03.04.2010

Auf dem Weg zum Kulturhauptslum

Zwischenbilanz der Ruhr 2010

Von Stefan Keim

Inszenierung aus der "Odyssee Europa"-Reihe am Schauspielhaus Bochum, "Der elfte Gesang", v.l. Lena Schwarz, Marco Massafra (Karl-Bernd Karwasz)
Inszenierung aus der "Odyssee Europa"-Reihe am Schauspielhaus Bochum, "Der elfte Gesang", v.l. Lena Schwarz, Marco Massafra (Karl-Bernd Karwasz)

Das erste Quartal ist vorbei, seit drei Monaten ist das Ruhrgebiet Kulturhauptstadt Europas. Die ersten Neubauten sind eröffnet, die ersten Projekte gestartet. Parallel jedoch ist die Region in eine schwere Finanzkrise gestürzt. Fast alle Städte des Ruhrgebietes arbeiten mit Nothaushalten, manche sind sogar überschuldet. Die Kämmerer und Bürgermeister haben harte Sparmaßnahmen angekündigt, die auch die Kultur heftig treffen könnten. Das Ruhrgebiet ist zerrissen zwischen Aufbruch und Abbau.

"Kennst du die Geschichte von Odysseus? Er war 20 Jahre auf der Irrfahrt und konnte nicht zurück."

Sechs Schauspielhäuser des Ruhrgebietes zeigen sechs Uraufführungen an zwei Tagen. Die "Odyssee Europa" ist auch eine gelenkte Irrfahrt durch die Region. Mit Schiffen, Bussen und öffentlichen Verkehrsmitteln reisen die Zuschauer von Theater zu Theater. Bühnenkunst und Ruhrgebietswirklichkeit sollen sich verzahnen, doch das gelingt nur selten.

Trotzdem ist dieses große Theaterprojekt ein großer Auftritt der Kulturhauptstadt. Weil die Schauspielhäuser ihre Kräfte bündeln und zusammen arbeiten an einer vielschichtigen, mosaikartigen Neuerzählung der Odyssee.

"Wenn du in ein fremdes Land gehst und dieses Land ein einäugiger Riese ist und du willst von seinem Honig und seinen Tieren kosten, wirst du auch zu einem Niemand schrumpfen. Ein Niemand besitzt am Ende nur Einsamkeit."

Eine Bündelung der Kräfte strebt die Ruhr 2010 auf vielen Gebieten an. Die Kunstmuseen vereinen sich im Projekt "Mapping the region". Die Opernhäuser, Orchester und viele Kammermusikensembles haben mit einer gewaltigen Serie der Werke Hans Werner Henzes begonnen, der wahrscheinlich größten Hommage an einen lebenden Komponisten bisher.

Wer Höhepunkte sucht im ersten Quartal der Kulturhauptstadt Ruhrgebiet, der findet sie auch. Das neue Ruhrmuseum in der ehemaligen Kohlenwäsche der Zeche Zollverein ist ebenso ein Ereignis wie das Essener Folkwang-Museum. Der an das historische Gebäude angedockte Neubau ist ein Wunder aus Licht, luftig und offen.

Bezahlt hat diese architektonische Meisterleistung allerdings weder die Ruhr 2010 noch die Stadt Essen, sondern die Krupp-Stiftung. Die bankrotte Kommune sah sich sogar außerstande, die Eröffnungsfeier zu bezahlen. Sie musste die Stiftung anbetteln, diese Summe auch noch zu übernehmen. Und von den sechs Schauspielhäusern, die mit der "Odyssee Europa" glänzten, sind drei in ihrer Existenz bedroht.

"Ja, Bäume sind wir und strömen unser Gefühl in Tränen aus. Unsagbares Unrecht wird euch geschehen. Ihr werdet dulden, lange, zu lange, ohne Gräber, ohne Totenmusik."

Das ist die andere Seite des Ruhrgebietes nach drei Monaten Kulturhauptstadt. Die Finanzkrise hält die Region im Würgegriff. Überall droht die Schließung von Bädern, Bibliotheken, Schulen, Kindergärten und Theatern. Vielerorts werden die Winterschäden an den Straßen nicht mehr repariert, stattdessen stellt man Schilder auf: Geschwindigkeitsbegrenzung 30 Stundenkilometer. Die Region ist auf dem Weg zum Kulturhauptslum.

Was bringt es noch, Ballons über den Schachtanlagen schweben zu lassen und die Autobahn A 40 für ein großes Bürgerfest zu sperren, wenn gleichzeitig die kommunale Kultur am Ende ist? Die Kulturhauptstadt hat sich Nachhaltigkeit auf die Fahnen geschrieben, sie will den Strukturwandel anfeuern. Nun sollte sie eine Vision für die Region entwickeln, wie eine Kulturlandschaft der Zukunft aussehen soll.

Die Landesregierung traut sich nicht dran, im Mai sind Wahlen, außerdem verweisen viele Politiker auf die kommunale Selbstverwaltung. Doch die ist praktisch längst passé, die Aufsichtsbehörden, die Regierungspräsidenten entscheiden inzwischen über die Haushalte. Immerhin hat das Land nun eine Kommission eingerichtet, die Kommunen in besonderen Notlagen helfen soll. Doch was das konkret für die Theater und Orchester bedeutet, ist noch völlig unklar.

Oberhausen und Hagen sind überschuldet, in diesen Städten sind die Theater akut bedroht. Auch freie Bühnen – zum Beispiel in Hamm und Duisburg – stehen auf der Strichliste. Das Schlosstheater Moers steht ebenfalls vor dem Aus. Und Essen, die Zentrale der Kulturhauptstadt, hat so hohe Einsparungen angekündigt, dass wohl entweder das renommierte Musiktheater oder alle anderen drei Sparten – das Schauspiel, das Ballett und die Philharmonie – geschlossen werden müssen.

Das ist die Lage. Das Ruhrgebiet braucht Helden, Menschen die mutig Gedanken für die Zukunft entwickeln. Anregungen kann man sich gerade im LWL-Industriemuseum Henrichshütte in Hattingen holen. Denn dort läuft eine der spannendsten Ausstellungen der Ruhr 2010. "Helden" heißt sie, "Von der Sehnsucht nach dem Besonderen".

"Die Menschen brauchen Orientierungspunkte, brauchen Dinge, an denen sie sich festhalten können, brauchen Vorbilder, die das vor leben, was man selber in der Zeit als gut und richtig empfindet."

Robert Laube ist Leiter des LWL-Industriemuseums und einer der Kuratoren der Ausstellung. Er plädiert für Helden, aber auch für einen kritischen Umgang mit ihnen.

"Wenn man sich dazu bewusst entscheiden kann, dieses Vorbild anzunehmen oder abzulehnen, wenn man diesen emanzipierten Umgang mit dem Vorbild hat, dann ist das völlig in Ordnung. Und ich glaube, dass die Menschen schlicht Helden brauchen, ja."

Die Ausstellung zeigt Herakles und Heilige aus dem Mittelalter, Sporthelden und Soldatengräber. Die Schmuddeljacke des Tatortkommissars Schimanski aus Duisburg hängt nicht weit entfernt vom Helm eines New Yorker Feuerwehrmannes, der beim Versuch, Leben zu retten während des Anschlags auf das World Trade Center, gestorben ist. Es ist eine beeindruckende Schau, mal comichaft verspielt, dann wieder ernst und nachdenklich. Auch die Menschen, die Mitte der achtziger Jahre gegen die Schließung der Henrichshütte in Hattingen protestiert haben, gehören zu den Helden der Ausstellung. Sie haben gekämpft und verloren, heute ist die Henrichshütte ein Industriemuseum.

In zehn Jahren könnten in einer ähnlichen Schau Bilder von Demonstrationen gegen den Kulturabbau hängen. Und die Besucher denken zurück an die Zeit, als ihre Region noch eine Perspektive hatte. Das Jahr der Kulturhauptstadt entscheidet über die Zukunft des Reviers. Wenn es nun nicht gelingt, die Zerstörungskraft der Finanzkrise einzudämmen, verpuffen die vielen Anregungen und Kick-Offs in der Hoffnungslosigkeit.

Die Ruhr 2010 steht vor einer gewaltigen Aufgabe. Sie muss der think tank der Region sein. Bisher allerdings hat man nicht den Eindruck, dass die Macher den Ernst der Lage verstanden haben.

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsBrief aus dem Knast
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