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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 23.07.2012

Auch ein Hochhaus ist nur ein Dorf

Die Belgrader Familie Zvetkovitc liebt ihr Leben im 12. Stock

Von Karla Engelhard

In einer "Bettenburg" in Belgrad wohnen die Zvetkovitcs - und fühlen sich wohl.
In einer "Bettenburg" in Belgrad wohnen die Zvetkovitcs - und fühlen sich wohl. (Deutschlandradio - Daniela Kurz)

Knapp eine halbe Million wohnen in Novi Beograd, dem Stadtteil Belgrads mit den meisten Hochhäusern. Zu jugoslawischen Zeiten galt die Gegend als Schlafzimmer der Stadt. Inzwischen hat sich ein kleines Dorf herausgebildet.

Das Hochhaus hat die besten Jahre hinter sich. Damals in den 1970er-Jahren zeugte es von jugoslawischer Baukunst und Lebensart. 18 Stockwerke, je acht Wohnungen, mit Balkons, Einbauküche, Kinderzimmer und Wasser, Wärme und Licht rund um die Uhr.

Seit 1976 leben die Zvetkovitcs im zwölften Stock, neben dem Fahrstuhl – links. In der Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung wohnten damals die beiden Großeltern, die zwei Kinder und Zivadin und Branka, die sich seit Jahrzehnten das Schrankbett im Wohnzimmer teilen: Heute stehen überall Häuserblöcke. Der Wald hat sich in die angrenzenden Hügel verzogen:

"Der Balkon ist klein und wir haben keinen Keller, deswegen rümpeln wir eben alles voll. Vor kurzem haben wir hier auch Sauerkraut gemacht."

Am meisten nutzt nun Zivadin den voll gestellten Balkon – zum Rauchen. Der hagere, angehende Pensionär lacht. Mitte der 1990er haben sie die Wohnung gekauft – für rund 2000 D-Mark. Doch gezahlt haben sie dafür schon länger:

"Zivadin`s Vater, Mutter und Großvater wurden schon Dinar vom Gehalt für den Wohnungsbau abgezogen. Aber niemand hat eine Wohnung bekommen. Auch Zivadin und ich zahlten. Damals hatten wir beide rund 25 Jahre Berufserfahrung, also 50 Jahre insgesamt, in denen wir für den Wohnungsbau Geld bezahlt haben."

Branka und Zivadin waren Techniker im gleichen Betrieb. Dort hat Zivadin Branka auch kennen gelernt. Damals sei sie so dünn gewesen, das er sie kaum gesehen habe, erzählt er. 37 Jahre später ist Branka fülliger und sind ihre beiden Kinder erwachsen. Branka und Zivadin teilen sich mit dem Sohn, der auch schon über 30 ist, und der rüstigen Oma Zpaza, die zweieinhalb Zimmer:

"Das Hochhaus ist ein Dschungel."

,meint Branka, viele Ureinwohner sind weggezogen, neue sind gekommen. 156 Wohnungen hat das Hochhaus – 8 auf jeder Etage. In Brankas Dorf, in dem sie geboren wurde, gibt es nur 130 Häuser an einer Straße. Im Dorf versteht man sich so gut oder schlecht, wie im Hochhaus. Doch im Hochhaus müssen sie gemeinsam versuchen, das Haus zu erhalten, das geht nicht problemlos:

"Da wir unten im Erdgeschoss Gemeinschaftsräume haben, 100 qm, haben wir begonnen, sie zu vermieten. Von diesem Geld werden alle laufenden Instandhaltungskosten gedeckt, der gemeinschaftliche Stromverbrauch, die Wasserkosten insgesamt, weil die Wohnungen keine eigenen Wasseruhren haben. Mittlerweile gibt es viele Wohnungen, die vermietet wurden, keiner weiß genau, wie viele angemeldete oder unangemeldete Menschen hier wohnen."

Vor allem nach 1999 sind viele weggezogen. Nachdem die NATO-Truppen Belgrad bombardierten, das Hochhaus schwankte oft, blieb aber stehen:

"Wir haben vom Balkon den letzten Abend der Bombardierung miterlebt. Mein Sohn und ich. Es wurde bereits verkündet, dass es ab morgen keine Bombardierung mehr geben wird. Da flog an uns ein Marschflugkörper in Augenhöhe vorbei. Blieb hier über dem Hof stehen, schwebte in der Luft… und flog langsam in Richtung Pancevo weiter."

In der Stadt Pancevo wurde an diesem Tag die Raffinerie getroffen.Zivadin zeigt auf den Couchtisch, unter der Glasplatte liegen Fotos: Die Kinder, die Enkel:

"Diese schreckliche Zeit können wir nur langsam vergessen - dank der Kinder, die kommen … aber es bleibt eine sehr, sehr unangenehme Erfahrung."

In den letzten zwölf Jahren hat sich verändert, aus der Schlafstadt ist ein lebendiger Stadtteil von Belgrad geworden – eine neue Brücke verbindet beide:

"Ich war schon zehn Jahre nicht mehr im alten Belgrad. Wir fahren manchmal mit dem Auto durch, wenn wir irgendwo hinwollen. Ich würde, glaube ich, die Altstadt nicht wieder erkennen. Im Prinzip haben wir alles was wir brauchen."

Selbst der geräumige Fahrstuhl funktioniert meist - er ist ein Treffpunkt im Hochhaus, wie ein Dorfplatz.