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Thema / Archiv | Beitrag vom 25.03.2011

"Atomstrom ist substituierbar"

Atomkritiker: Ausstieg in fünf bis acht Jahren möglich

Lutz Mez im Gespräch mit Andreas Müller

Der Atomstrom-Anteil an der Endenergieversorgung ist geringer als gemeinhin angenommen wird. (picture alliance / dpa)
Der Atomstrom-Anteil an der Endenergieversorgung ist geringer als gemeinhin angenommen wird. (picture alliance / dpa)

Der Leiter der Forschungsstelle Umweltpolitik der FU Berlin, Lutz Mez, hält einen Ausstieg aus der Kernenergie in Deutschland innerhalb von fünf bis acht Jahren für möglich. Gas sei tatsächlich die Brückentechnologie, die man als solche bezeichnen könne.

Andreas Müller: Sie kennen die doppelseitige Anzeige vielleicht. In eine idyllische Landschaft gebettet liegt ein AKW, die Sonne scheint auf eine freundlich runde Schutzkuppel, und die Botschaft lautet: Null Prozent CO2-Ausstoß. Die Betreiber der deutschen Atommeiler tun offensichtlich etwas gegen den Klimawandel. Das ist nur ein Argument, das E.ON, RWE, EnBW und Vattenfall in die Debatte um die Existenzberechtigung von Atomkraftwerken in Deutschland werfen.

AKW gewährleisten unsere Versorgung mit Energie, sie halten den Strom billig und machen uns etwas unabhängiger von ausländischen Energieproduzenten. All dies rechtfertige ein gewisses Restrisiko. Darüber will ich jetzt mit Dr. Lutz Mez sprechen. Er leitet die Forschungsstelle für Umweltpolitik an der Freien Universität in Berlin und forscht seit Jahren im Bereich Energie- und Umweltpolitik. Schönen guten Tag, Herr Mez!

Lutz Mez: Guten Tag!

Müller: Seit dem Beginn der Protestbewegung gegen die Atomenergiegewinnung in Deutschland Mitte, Ende der 70er-Jahre heißt es von Seiten der AKW-Betreiber, ohne uns gehen hier die Lichter aus. Erste Werke wurden vom Netz genommen, weitere folgen – geht nun tatsächlich das Licht aus bei uns?

Mez: Nein, natürlich geht das Licht bei uns nicht aus. Seit zehn Jahren ist Deutschland Netto-Exporteur von Strom, das heißt, wir produzieren weitaus mehr, als wir selber verbrauchen, wir exportieren Überschüsse im Strom. Wir machen dasselbe, was die Franzosen und die Tschechen auch machen, nur in die andere Richtung.

Müller: Aber es heißt doch immer von E.ON, RWE, EnBW und Vattenfall, dass derzeit nur mit Atomstrom eine Versorgung gewährleistet ist, also insbesondere jetzt auch vor den Verwerfungen der unruhigen Lage in Nordafrika, Teilen des arabischen Raumes, wo doch vielleicht eine Problematik entstehen könnte in Sachen Energieversorgung. Das klingt doch nicht unvernünftig.

Mez: Ja, das spielt aber da drauf an, dass die Leute nicht wissen, was Energie und was Elektrizität ist. Der Anteil der Elektrizitätsversorgung am Endenergieverbrauch in Deutschland sind nur etwas über 20 Prozent, und davon ist zurzeit 23 Prozent Atomstrom. Also wir reden von vier Prozent unserer Endenergieversorgung. Die ist – das kann sich jeder leicht vorstellen – substituierbar, nur geht es natürlich mit großen Werken nicht von heute auf morgen. Wir haben 17 Anlagen, die betriebsbereit wären – zwei stehen allerdings schon seit geraumer Zeit still, das sind Brunsbüttel und Krümmel –, und jetzt sind noch sechs weitere hinzugekommen, also acht Anlagen fahren zurzeit nicht. Aber wir haben eine installierte Kraftwerkskapazität in Deutschland von 155.000 Megawatt, und die Spitzenlast beträgt 80.000 – das tritt einmal im Jahr auf. Das heißt, da ist eine ziemliche Differenz zwischen installierter Kraftwerksleistung und dem, was dann höchster Strombedarf ist. Außerdem sind wir natürlich europäisch vernetzt, wir können also Strom von unseren Nachbarländern beziehen, und nicht nur aus Frankreich oder aus Tschechien, wo das dann Atomstrom ist, sondern aus Norwegen, aus Dänemark, aus Österreich und den Ländern, die überhaupt keine Atomkraftwerke haben.

Müller: Gut, es ist klar, wir können Strom exportieren, das passiert auch, also Atomstrom, aber das ist doch sicherlich ein Grund dafür, dass unser Strom so preiswert ist, und das ist ein weiteres Argument: Nur durch Atomstrom sei der niedrige Strompreis zu halten.

Mez: Der Strompreis für die Verbraucher ist seit der Liberalisierung ja fast 50 Prozent teurer geworden, das heißt, das ist ein Märchen, den Leuten zu erzählen, es ist billiger geworden. Er hätte billiger werden sollen nach der Theorie, aber gewachsen sind eigentlich nur die Gewinne der Stromerzeuger und -verteiler. Der wird auch weiter teurer werden, egal was wir machen.

Müller: Warum wird er teurer? Ist das schon eingepreist, dass man ja irgendwann Endlager schaffen muss? Es gibt so ein Beispiel aus Finnland, da gibt es ein Modellprojekt, Onkalo heißt das, da wird für ein AKW ein Endlager geschaffen, das 100.000 Jahre halten muss, man redet da in geologischen Zeitaltern schon, das kostet immens viel Geld. Ist das da schon drin im Strompreis, oder warum ist der Strom für uns privat so teurer geworden?

Mez: Diese sogenannten Rückstellungen, das sind ja unversteuerte Gewinne der Betreiber der Kernkraftwerke. Das bezahlen wir soundso. Das sind so etwa zwei Cent pro Kilowattstunde, das wird schon die ganze Zeit mit bezahlt – und nicht nur bei uns nebenbei. In Italien, die 1987 stillgelegten Atomkraftwerke belasten die italienischen Stromabnehmer mit über 200 Millionen Euro pro Jahr nach wie vor, weil da eben keine Rückstellungen gebildet waren. Hier gibt es welche, aber sie werden ja erst gebraucht, wenn die Anlagen endgültig stillgelegt sind, und nach den Planungen der Industrie ist das dann vor 2030 soundso nicht der Fall. Das heißt, mit diesen Riesen-Kriegskassen kann die deutsche Stromwirtschaft sehr viel machen, das macht sie auch, und das zahlen die Stromkunden mit. Warum der Strom teurer wird, liegt vor allem daran, dass unsere Netze ja nicht so gebaut worden sind für eine Transformation des Energienetzes in mehr dezentrale Anlagen, sondern das bezieht sich nur auf die großen Anlagen, die bisher da sind. Die müssen miteinander kommunizieren können, aber nicht das, was in den letzten zehn Jahren alles an Windkraftwerken, Biomasseheizkraftwerken und Ähnlichem gebaut wurde. Und die Stromnetze sind immer teurer als die Kraftwerke, und deswegen steigt der Preis.

Müller: Vattenfall und die anderen Anbieter weisen immer wieder darauf hin, dass sie mit ihren AKW einen wichtigen Beitrag zur Senkung des CO2-Ausstoßes leisten und damit etwas gegen den Klimawandel tun. Dieses Argument ist ja doch nicht von der Hand zu weisen.

Mez: Ja, aber es ist trotzdem nur eine Halbwahrheit. Man muss auch bei Atomkraftwerken betrachten die Lebenszyklusanalyse, und dann sieht das schon gar nicht mehr so gut aus. Natürlich wird an dem Standort dann kein CO2 ausgestoßen, sondern nur andere Emissionen, die auch nicht ohne Probleme fürs Klima sind, wie zum Beispiel Krypton, aber das gilt ja bisher nicht als Treibhausgas.

Müller: Was macht das?

Mez: Das verändert die Ionisierung, die Leitfähigkeit der Luft und trägt zu Extremwetterlagen bei. Das ist, worunter wir hier besonders stark leiden, das hat sehr stark zugenommen. Das ist zum Beispiel ein Problem, aber bei CO2 sind die erneuerbaren Energien in der Regel alle besser in ihrer Lebenszyklusanalyse als Atomstrom, weil da kommt es darauf an, wo kommt das Uran her. Das Öko-Institut hat das für den deutschen Schnitt gerechnet, da sind es 32 Gramm CO2 pro erzeugte Kilowattstunde, das sind dann bei den 140 Terawattstunden, die bisher aus Atomstrom erzeugt wurden, dann doch fünf, sechs Millionen Tonnen CO2, die allein durch diese Anlagen verursacht werden. Dann kann man natürlich nicht sich hinstellen und sagen, wir sind CO2-frei, denn das ist man nicht. Wesentlich besser schneiden ab Biomasse-gefeuerte Blockheizkraftwerke, die haben nämlich negative Emissionen.

Müller: Darüber sprechen wir gleich vielleicht noch. Im Deutschlandradio Kultur ist zu Gast Lutz Mez, er leitet die Forschungsstelle für Umweltpolitik an der Freien Universität in Berlin, und wir reden über die Argumente der deutschen AKW-Betreiber, ihre Meiler weiter am Netz zu lassen. Am kommenden Wochenende werden viele, viele Menschen gegen die weitere Nutzung von AKW protestieren – was ist denn von der Forderung "Abschalten sofort!" zu halten? Geht das überhaupt?

Mez: Na ja, wir sehen ja, dass ohne Probleme acht Anlagen sofort abgeschaltet werden können, weil eben die freie Leistung in Deutschland wesentlich höher ist, als sich das der Normalbürger vorstellen kann, zumal im Sommer dann auch weniger Strom verbraucht wird als im Winter. Das heißt, von der Jahreszeit her ist das auch nicht das Problem. Aber wenn man den gesamten Kraftwerkspark ändern will und alle 17 Anlagen jetzt auf einen Schlag abstellen will, dann wäre das natürlich nur mit sehr großem Aufwand möglich. Realistisch wäre das im Zeitraum von fünf bis acht Jahren.

Müller: Was für ein Ausstiegsszenario würden Sie schreiben, wie würde das aussehen?

Mez: Ja, ich würde eine Kombination machen aus dem verstärkten Einsatz von gasgefeuerten Heizkraftwerken und erneuerbaren Energien.

Müller: Aber Gas heißt doch schon wieder Abhängigkeit, denn bei uns wird sehr wenig Gas gefördert, und auch das ist ja eine endliche Energiequelle.

Mez: Das ist tatsächlich die Brückentechnologie, die man als solche bezeichnen kann, weil das für die nächsten 20, 30 Jahre noch erforderlich sein wird, es sei denn, dass große Innovationssprünge bei Photovoltaik, photothermischen Kraftwerken, solarthermischen Kraftwerken und Ähnlichem passieren, und dann sieht das schon ganz anders aus. Wir müssen sehen, auch vor allem aus Klimaschutzgründen, dass die Energiewende geschafft ist bis 2025, und zwar nicht nur in Deutschland, sondern global. Da müssen die CO2-Emissionen runtergehen, und das heißt eben auch in China, auch in Indien. Das ist die große Herausforderung. Und wir haben nur den Vorteil, dass wir bei erneuerbaren Energien einen Technologievorsprung haben, der volkswirtschaftlich ein großer Gewinn ist. Er sichert Arbeitsplätze hier in Deutschland und verringert eben auch die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern. Gas nebenbei ist von den fossilen Energieträgern wirklich das, was noch am wenigsten die Umwelt belastet, und auch von den Wirkungsgraden her, wenn das in Kraftwerken eingesetzt wird, wie hier zum Beispiel in Berlin, im Mittel 90 Prozent erreichen kann. Das schaffe ich mit einem Kohlekraftwerk überhaupt nicht, und erst recht nicht mit einem Atomkraftwerk, das hat einen Wirkungsgrad von 33 Prozent. Das zeigt eben auch, dass bei der Techniksubstitution es Alternativen gibt. Und im Übrigen braucht man nur in die USA zu gucken, da werden seit Jahrzehnten Gaskraftwerke gebaut, und das ist auch die Zukunft in den USA – neben den Erneuerbaren, weil das soll mittel- und langfristig dann soundso die tragende Säule der Energieversorgung werden.

Müller: Sagt Lutz Mez, Leiter der Forschungsstelle für Umweltpolitik an der Freien Universität in Berlin. Haben Sie vielen Dank!

Mez: Bitte schön!

Linktipps:
Sammelportal - Atomkraft
Sammelportal - Katastrophen in Japan

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