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Thema / Archiv | Beitrag vom 17.03.2010

"Armut ist auch immer Energiearmut"

Der Dokumentarfilm "Die 4. Revolution - Energy Autonomy" entwirft eine energiepolitische Vision

Carl A. Fechner im Gespräch mit Jürgen König

Dass zwei Milliarden Menschen auf der Erde keinen Zugang zu Elektrizität haben, findet der Dokumentarfilmer Carl A. Fechner eine Ungerechtigkeit. Diese könnte durch eine dezentrale Energieversorgung aus erneuerbaren Energien beseitigt und so auch Armut bekämpft werden, glaubt der Regisseur des Films "Die 4. Revolution - Energy Autonomy".

Jürgen König: Morgen kommt ein Film in unsere Kinos, der eine Vision entwirft – die Vision einer Welt, die ihren Energiebedarf ganz und gar aus erneuerbaren Energien deckt. "Die 4. Revolution - Energy Autonomy" heißt der Film, ein Dokumentarfilm von Carl A. Fechner. Herr Fechner, schön, dass Sie gekommen sind, obwohl stimmlich etwas angegriffen. Gute Besserung wünsche ich schon mal!

Carl A. Fechner: Ja, Dankeschön!

Jürgen König: "Die 4. Revolution - Energy Autonomy", das ist kein Science-Fiction-Film, nein, Sie wollen die Durchführbarkeit Ihrer These zeigen, haben anhand von zehn beispielhaften Projekten in zehn Ländern auf vier Kontinenten gedreht, 116 Stunden Film entstanden auf diese Weise, von denen jetzt 83 Minuten auf die Leinwand kommen. Wo genau und wie und wie lange haben Sie für den Film recherchiert?

Carl A. Fechner: Also wir haben weltweit recherchiert. Das war auch einfach für uns, weil ich mich seit 20 Jahren mit diesem Thema beschäftige. Es war sozusagen eine Nachrecherche. Erkenntnisleitendes Motiv für uns war, wir wollten einerseits Orte finden, in denen es auf den ersten Blick völlig unmöglich erscheint, 100 Prozent erneuerbare Energien zu erreichen, deshalb ist Los Angeles mit im Film und deshalb ist China mit im Film. Das werden Sie immer wieder hören, was sollen wir hier in Europa machen, in China jede Woche ein neues Kohlekraftwerk, 56 neue Kohlekraftwerke im letzten Jahr. Das war ein Bereich.

Der andere Bereich war der, dass wir die Themen, die Energieautonomie ausmachen, dass die durch Menschen dargestellt werden sollten, also repräsentiert. Das heißt, wir suchten die weltweit stärksten Protagonisten zu diesen einzelnen Themen. Und das war eine Aufgabe, die uns natürlich irgendwo auch um die Welt geführt hat, denn diese Menschen leben nicht nur in Europa.

König: Es klingt ja zu schön, um wahr zu sein, dass die ganze Welt ihren Energiebedarf ausschließlich aus erneuerbaren Energien bezieht. Wie soll das funktionieren?

Fechner: Also, das ist nicht die Vision eines Filmemachers, das ist technisch vom Wissenschaftlichen her völlig unbestritten, dass das möglich ist. Kein ernst zu nehmender Wissenschaftler würde bestreiten, dass wir unsere Energie aus erneuerbaren Energien komplett beziehen können. Die Frage ist also nicht eine technische, sondern die Frage ist eine wirtschaftspolitische und eine gesellschaftspolitische, weil die derzeitige Situation beinhaltet, dass vor allem große zentrale Energieversorgungsunternehmen die Energieversorgung der Menschheit sicherstellen – auf ihre eigene Weise, auch mit ihren eigenen wirtschaftlichen Besonderheiten, zum Beispiel enormen Gewinnen. Wenn ExxonMobil im Jahr 2008 48 Milliarden US-Dollar Gewinn macht, dann muss das ja irgendwoher kommen.

Deshalb ist die These dieses Films überwiegend, dass es darum geht, von zentralen, zentralistischen Energieversorgungssituationen auf eine dezentrale, eine krasse dezentrale Energieversorgung sozusagen umzustellen. Und das beginnt natürlich bei den einzelnen Menschen, es beginnt bei Kommunen, bei Regionen, bei Ländern. Und das ist die eigentliche gesellschaftspolitische Aufgabe, die findet im Kopf statt.

König: Lassen Sie mich trotzdem noch mal die klassischen Gegenargumente nennen, die vermutlich auch in vielen Hörerköpfen jetzt herumgeistern werden, zum Beispiel die Frage, wie schafft man es, mit erneuerbaren Energien ganze Metropolen mit Strom zu versorgen, die zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt sehr, sehr viel Energie brauchen. Oder die großen Industriegebiete, nehmen wir das Beispiel Los Angeles, weil da trifft es ja sehr schön zusammen. Wie soll es möglich sein, eine solche Stadt mit erneuerbaren Energien zu versorgen?

Fechner: Los Angeles würde wie viele andere Metropolen auf einen Energiemix aus erneuerbaren Energien setzen. Das muss man wohl unterscheiden. Es gibt auch einen Energiemix aus fossilen, nuklearen und in kleinem Teil erneuerbaren Energien. Das ist etwas, was zum Beispiel Shell oder die Internationale Energieagentur sich vornimmt. Wir sprechen von einem Mix von erneuerbaren Energien, die letztendlich 100 Prozent der Energieversorgung übernehmen könnten. In Los Angeles ist die besonders gute Situation, dass Los Angeles von Wüsten umgeben ist, und von daher, mit entsprechender Sonneneinstrahlung, eignen sich dort besonders gut Solarrinnenkollektorkraftwerke, die entsprechend Raum brauchen, die um die Stadt herum aufgebaut sind und die ohne Weiteres die Energieversorgung von Los Angeles sicherstellen können, so wie auch von Kairo.

König: Aber dazu braucht man riesige Solarfelder.

Fechner: Sie brauchen Raum, aber sie haben den Raum.

König: Und was machen Sie mit einer Metropole wie Schanghai, die diese Wüste in der Umgebung nicht hat?.

Fechner: Schanghai hat beträchtlichen Raum auch um sich herum. Schanghai ist eine Stadt, die sehr stark Windenergie hat. Also das wäre eine der Möglichkeiten, Windenergie, auch Solarrinnenkollektorkraftwerke, aber vor allem – das gilt auch für Los Angeles – würden die großen Gebäude, die senkrechten Gebäude, die Hochhäuser komplett mit Photovoltaik bestückt sein. Also Sie erreichen dort schon Flächen, Dachflächen, die Teile, beträchtliche Teile des Energieverbrauchs der Stadt übernehmen könnten. Sie müssen nur diese Energie speichern können. Also dieser zweite Teil ist von großer Bedeutung, deshalb ist er in dem Film auch deutlich dargestellt an mehreren Beispielen.

König: Also die Frage der Speicherkapazitäten?

Fechner: Ja. Die Speicherkapazitäten, das hat die Wirtschaft und Industrie sträflich vernachlässigt. Da ist noch nicht dieser Forschungsbedarf, während zum Beispiel in der Herstellung von Energie eigentlich – bis auf natürlich Optimierungsprozesse – unbestritten ist, dass wir genügend Energie aus erneuerbaren Energien herstellen könnten.

König: Aber es dauert doch Jahrzehnte, bis man das infrastrukturell aufgebaut hat, dass ein solches Modell tatsächlich realisierbar wäre.

Fechner: Ja, ohne Zweifel. Das ist nicht etwas, was man von heute auf morgen macht, das kann man aber entscheiden von heute auf morgen, so wie man ja auch andere große Entscheidungen getroffen hat. Man hat sich auch mal für Atomkraftwerke entschieden.

König: Sie wollen mit Ihrem Film einen Anstoß geben?

Fechner: Es ist eine Einladung, es ist eine Inspiration. Der Film will vielleicht auch ein bisschen verführen, auf jeden Fall über die Bilder. Wir haben uns sehr viel Mühe gemacht, ihn mit einer sehr umfangreichen und ausgefallenen Dramaturgie aufzubauen. Es gehen Geschichten durch den Film durch, es ist nicht so der typische Dokumentarfilm, wie man ihn sonst so kennt, wie ich ihn ja auch mache, also das muss man auch irgendwo sehen. Wir verzichten zum Beispiel auch sehr weitgehend auf Dramenbilder. Wir setzen voraus, dass die Probleme bekannt sind.

König: Die Nachrichtenagentur AP warf Ihnen in einem Kommentar vor, den SPD-Politiker Hermann Scheer zu sehr in den Mittelpunkt zu stellen, der "statt zu argumentieren im Agitprop-Vokabular predigt. Der SPD-Bundestagsabgeordnete, Präsident des Vereins EUROSOLAR, hat unter anderem das Erneuerbare-Energien-Gesetz mit entwickelt und Parteikarriere als Solar- und Energieexperte gemacht. In verantwortlicher Regierungsposition konnte der Buchautor seine Vision jedoch nie in die Praxis umsetzen, was der Film aber unterschlägt." Was entgegen Sie?

Fechner: Wir haben selbstverständlich Hermann Scheer zentral in dem Film eingebaut. Hermann Scheer ist seit vielen Jahrzehnten der geistige Vater dessen, was hier in diesem Land als Solarbewegung gilt. Also Millionen von Menschen – und es werden immer mehr – machen sich sozusagen die Umstellung auf Solarenergie zu eigen, und da hat Hermann Scheer mit seiner Arbeit, seiner politischen Arbeit, aber auch seiner Arbeit als Autor einen ganz wesentlichen Einfluss. Und es ist völlig selbstverständlich, dass man so eine Persönlichkeit mit in den Film einbezieht. Hermann Scheer kann man mögen oder nicht mögen, viele mögen ihn nicht, weil er so knorrig ist, aber es ist jemand, der diese Thematik bis ins Letzte durchdacht hat.

König: Es treten viele Prominente auf in Ihrem Film, Hermann Scheer haben wir erwähnt – die Umweltaktivistin, die jetzige, Bianca Jagger, bis zu Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus aus Bangladesch, der eine Bank gründete, die Kleinkredite vergibt an Arme, damit die in ihrer unmittelbaren Umgebung etwas aufbauen können. Ist das schon so eine Art Bewegung, die sich da formiert, denn das ist ja auch ausdrücklich Ziel. Es geht ja hier nicht nur um einen Film, sondern um ein Medienprojekt sozusagen, aus dem ja dann eine globale Bewegung werden soll, wenn ich es richtig gelesen habe.

Fechner: Also man muss grundsätzlich, wenn man sich mit diesem Thema beschäftigt, unterscheiden zwischen Regionen der Industriegesellschaft und Regionen der sogenannten Dritten Welt. Das zentrale System, von dem ich vorher gesprochen habe, das zentrale Energieversorgungssystem, bewirkt konkret, dass zwei Milliarden Menschen auf dieser Erde überhaupt gar keinen Zugang zu Strom haben. Und das ist für mich ein Anlass zu sagen: Das können wir nicht akzeptieren!

Wir haben über eine Milliarde Menschen, die Hunger leidet. Es gibt eine direkte Verbindung zwischen dieser einen Milliarde Menschen, die Hunger leiden, den zwei Milliarden Menschen, die keinen Zugang zu Strom haben. Armut ist auch immer Energiearmut.

Und Professor Yunus in Bangladesch hat mit seiner Arbeit mit Mikrofinanzierungssystemen es fertiggebracht, dass in diesem Land abends um 18 Uhr einfach nicht die Sonne ausgeht – sie geht unter, aber die Menschen haben weiter Zugang zu Licht, über kleine Solaranlagen, die auf Dächern sind. Und die sind finanziert über Kleinstkredite, die er mit seiner Bank finanziert. Und das ist sensationell, denn das bedeutet, dass wir einfach nicht mal ein Drittel der Menschheit einfach stehen lassen und sagen, das interessiert uns nicht, das sind die Armen, die nehmen gar nicht teil an dem sozusagen auch industrialisierten Leben oder an Kommunikation oder auch an Bildung.

Wenn ich abends kein Licht habe, dann können die Kinder, die am Tag auf dem Feld arbeiten, abends keine Hausaufgaben machen, das ist ganz konkret. Das ist für mich ein wesentlicher Teil dieser Revolution, von der wir sprechen.

Das ist auch eine Verbindung, und diese Verbindung stellt ja Bianca Jagger eben auch her, dass sie sagt, also wir können nicht einfach so tun, als wäre hier eine Welt und dort eine Welt, wir stehen in gegenseitigen Abhängigkeiten voneinander. Und es gibt nur eine einzige Möglichkeit, dieser Ungerechtigkeit zu begegnen, nämlich dass zwei Milliarden Menschen keinen Zugang zu Strom haben: das ist über erneuerbaren Energien, und zwar über dezentrale Systeme. Das habe ich nicht mir ausgedacht, sondern das ist vollkommen unbestritten.

König: Herr Fechner, das läuft auf einen Umbau der kompletten Weltordnung, so wie sie jetzt im Moment fest gefügt zu sein scheint, hinaus. Sie sind ein Phantast?

Fechner: Ich bin erst mal Dokumentarfilmer, das heißt, ich beobachte, ich recherchiere, ich nehme mir Themen auf, ich nehme sie aber nicht nur rational auf, ich nehme sie natürlich auch emotional auf, also das bewegt mich, die Möglichkeit, eine Lösung tatsächlich zu haben. Es gibt eine Lösung für diese gigantischen Probleme und Krisen, die wir haben in dieser Welt. Und dies zu einem Thema zu machen eines Kinodokumentarfilms, ist richtig, aus der Tiefe meiner Seele. Und weil man damit eine Klammer bilden kann, die eigentlich um die Welt geht.

Also so gesehen ist es einerseits meine Arbeit und auch dieser Film ein Ausdruck einer Recherche, einer Wahrnehmung, eines starken Engagements, sicherlich auch im ideellen Bereich – zum Beispiel dieser enorme Aufwand, den wir betrieben haben auch für die Bilder, für die Dramaturgie, für den Ton, für die Dolby-5.1-Surround-Mischungen und so weiter, die nicht unbedingt in Kinodokumentarfilmen so üblich sind. Und dann ist es auch Hoffnung, die einerseits Menschen an uns haben, die diesen Film ja auch wollten, auch ihn finanziert haben, die ihn jetzt verbreiten, in fast 100 Orten nehmen Menschen dieses Thema auf, bilden runde Tische, sagen, dieser Film kommt in unseren Ort, wir wollen ihn wahrnehmbar machen. Also daran sehen wir schon, dass diese Bewegung, von der Sie gesprochen haben, dass es die schon gibt.

Die Hoffnung ist natürlich, dass sich das weiter verbreitet, weil ich schon der festen Überzeugung bin, dass diese Vision oder diese Inspiration, die wir geben, eine unglaublich positive ist.

König: Eine Welt, die ihren Strom ausschließlich aus erneuerbarer Energie bezieht, ist möglich. Der Film von Carl-A. Fechner, "Die 4. Revolution – Energy Autonomy", kommt morgen in unsere Kinos. Herr Fechner, vielen Dank, dass Sie da waren! Alles Gute für Sie, für Ihren Film, für Ihre Idee und gute Besserung!

Fechner: Ja, herzlichen Dank!

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"Die 4. Revolution - Energy Autonomie"

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