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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 07.10.2014

ArchitekturFassadendämmung als baukulturelles Desaster

Der Widerstand gegen die energetische Gebäudesanierung mit Polystyrol wächst

Von Monika Dittrich

Gründerzeithäuser im Bezirk Steglitz in Berlin. (picture-alliance / dpa / Wolfram Steinberg)
Kritiker beklagen, dass Stuck abgeschlagen wird, um alte Fassaden mit Dämmplatten zu bekleben. (picture-alliance / dpa / Wolfram Steinberg)

Die Deutschen gelten als ein Volk der Abdichter und Wärmedämmer. So will es die Politik und fördert die energetische Gebäudesanierung jährlich mit Millionensummen. Dabei ist der Nutzen höchst umstritten - ökologisch, wirtschaftlich und nicht zuletzt kulturell.

Wenn Jascha Philipp Braun durch die Straßen von Berlin schlendert, dann wandert er mit den Augen über die Fassaden – und: Er klopft.

"Ich klopfe sehr oft. Wenn ich ein Haus sehe, dessen Erscheinungsbild mir nicht zusagt, dann frage ich mich, wurde es von außen gedämmt? Und dann klopfe ich, und es hört sich irgendwie falsch an."

Und es sieht auch falsch aus, findet Jascha Philipp Braun, so wie hier, an einer Straßenkreuzung in Berlin-Pankow:

"Dieser Altbau wurde energetisch saniert, und hat dabei seine historische Stuckfassade verloren, weil man von außen Dämmplatten angebracht hat."

Wie sah das Haus vorher aus?

"Das Haus ist einige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg vermutlich entstanden und besaß viele Gesimse, die die Fassade gegliedert haben, zum anderen gab es an der Ecke des Hauses einen Schmuckgiebel und die Fenster waren mit floraler Ornamentik geschmückt."

Bürgerinitiative gegen Dämmfieber

Der Stuck wurde abgeschlagen, die Fassade mit Dämmplatten beklebt und in dunklem Orange gestrichen. Für Jascha Philipp Braun ein baukulturelles Desaster, ein verlorenes Haus, wie er sagt. 28 Jahre ist er alt, er schreibt gerade seine Doktorarbeit über Architekturgeschichte. Das Dämmfieber der Deutschen ärgert ihn so sehr, dass er mit einigen Gleichgesinnten eine Bürgerinitiative gegründet hat - "Gegen die Zerstörung historischer Fassaden durch Wärmedämmung":

"Am meisten stört mich, dass in naher Zukunft regionaltypische Stadtbilder nicht mehr erlebbar sind. Weil sowohl Fachwerkhäuser in Hessen als auch Klinkergebäude in Hamburg oder Gründerzeitvillen in Düsseldorf von außen gedämmt sind."

Von außen gedämmt, damit die kostbare Wärme drinnen bleibt – das ist die Idee. Denn Tatsache ist: In Deutschland verbrauchen wir etwa 40 Prozent unserer Energie in Gebäuden, vor allem für Heizung und warmes Wasser. Das will die Bundesregierung ändern, sie fördert die energetische Sanierung allein in diesem Jahr mit 1,8 Milliarden Euro, vor allem über Kredite der KfW-Bank. Bis 2050 sollen alle Gebäude in Deutschland nahezu klimaneutral sein, also etwa 80 Prozent weniger Energie verbrauchen als heute. Der Rest soll aus erneuerbaren Energien kommen. Deshalb werden immer mehr Häuser eingepackt – vor allem mit dem preiswerten Polystyrol, einem aufgeschäumten Kunststoff. Doch das Material ist umstritten.

Jascha Braun: "Das große Problem ist gerade bei der Polystyrol-Dämmung die Lebenserwartung der Dämmplatten relativ gering. Man geht davon aus, dass sie zwanzig oder dreißig Jahre an der Fassade bleiben können, dann ersetzt werden müssen. Wenn sie wieder von der Fassade abgenommen werden, gelten sie als Sondermüll, sie müssen aufwendig entsorgt werden."

Kopfschütteln über die Energiesparverordnung

In einem Neubau am Gendarmenmarkt hat Corinna Kodim ihren Arbeitsplatz; sie ist Energiereferentin beim Eigentümerverband Haus und Grund. Die Energieeinsparverordnung kennt sie in- und auswendig. Über vieles kann sie nur den Kopf schütteln – und von Polystyrol hält auch sie gar nichts:

"Das ist in meinen Augen kein praxistaugliches Material. Deshalb würde ich unseren Mitgliedern eigentlich von der Anwendung von Polystyrol generell abraten."

Die Liste der Kritikpunkte ist lang: Der Brandschutz etwa sei trotz Flammschutzmitteln in den Dämmplatten nach wie vor nicht optimal, bemängelt die Ingenieurin. Und dann der Schimmel, weil man kaum so viel lüften könne, wie es in den plötzlich dicht verpackten Wohnungen nötig sei. Obendrein rechne sich die Investition für die Eigentümer meistens erst nach 25 Jahren – wenn es gut läuft.

Corinna Kodim: "Tendenziell liegen die Amortisierungszeiten bei 50 bis 65 Jahren bei einer Volldämmung des Gebäudes."

Was also tun? Zur Fassadendämmung rät Corinna Kodim nur, wenn der Putz schon bröckelt und man ohnehin dringend etwas tun muss. Ansonsten sei es sinnvoll, erst mal eine neue Heizung einzubauen oder Dach und Kellerboden zu dämmen. Langfristig hofft die Ingenieurin auf die erneuerbaren Energien, mit denen man eines Tages vielleicht ein bisschen verschwenderisch umgehen darf:

"Das ist auch unsere Intuition, wo wir sagen, was stört uns eine einfache Wand? Sie muss natürlich dicht sein, zugfrei sein, ist ja auch eine Komfortgeschichte, aber wenn wir dann die Energie aus den Erneuerbaren nehmen, sprich Wind oder Sonne, dann sollte das doch egal sein."

Der Dämmkritiker Jascha Philipp Braun hat noch eine andere Idee:

"Man könnte ja auch erst mal das Heizverhalten ändern und dadurch sehr viel Energie einsparen. Wenn man sagt, wir heizen einfach weniger und ziehen mal einen dicken Pulli an in der Wohnung."

Und irgendwann, so hofft er, wird man die Häuser ohnehin von den Dämmplatten befreien und die alten Fassaden wieder herrichten. 

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