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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 13.01.2014

ArbeitsweltDer tagtägliche Drahtseilakt

Paare zwischen Kindern und Beruf

Von Ita Niehaus

Ein Baby auf einem Computerbildschirm im Büro (dpa / picture alliance / Jens Büttner)
Büro und Baby, Job und Familie: Für viele Eltern ist das ein ständiger Balanceakt. (dpa / picture alliance / Jens Büttner)

Nach wie vor ist es schwierig, Familien- und Karrierewunsch unter einen Hut zu bekommen. Vor allem für Frauen bleibt das eine große Herausforderung. Wie diese Balance gelingen kann, zeigen Beispiele aus Rheine in Westfalen.

Bernward Wigger:"Ist denn alles organisiert?"

Ariane Böhm: "Ja, die Kleine ist untergebracht und ich könnte vormittags jeden Tagarbeiten kommen..."

Bernward Wigger: "So dass wir dann auf 25 Stunden…"

Im Steuerberatungsunternehmen "DWL Döcker, und Partner" in Rheine. Ariane Böhm, eine schlanke, junge Frau mit dunklen kurzen Haaren, trifft sich mit ihrem Chef Bernward Wigger. Nach einem Jahr Elternzeit möchte sie wieder anfangen zu arbeiten.

Bernward Wigger: "Dann versuchen wir einen Teil der Fälle, die du früher hattest, auf dich wieder umzuschreiben."

Ariane Böhm: "Das macht es leichter, wenn man bekannte Fälle hat."

Die 31 Jahre alte Steuerfachangestellte machte schon ihre Ausbildung in der Kanzlei. Während der Elternzeit begann sie mit einer Fortbildung zur Lohnbuchhalterin. Um sich weiter zu qualifizieren und um den Anschluss nicht zu verlieren. Ariane Böhm schätzt an ihrem Arbeitgeber vor allem die flexiblen Arbeitszeiten:

"Dass man sagen kann, ich kann dann und dann arbeiten, passt es euch? Auch wenn mal was mit den Kindern ist, man muss kein schlechtes Gefühl haben, man kann die Arbeit verlassen. Generell wird Familie sehr wichtig genommen. Meine Chefs sind auch zur Geburt unserer zweiten Tochter ins Krankenhaus gekommen und haben gratuliert. Das ist normal. Obwohl es kurz nach der Ausbildung mein zweites Kind ist, wurde es nicht als Nachteil empfunden."

(Wigger) "Das war schon immer gelebte Praxis in unserer Kanzlei. Wir bilden aus und haben hohes Interesse daran, unsere Leute auch zu behalten. Das sind ja gut ausgebildete Fachkräfte und da sind wir natürlich drauf angewiesen."

Finanzwirt Bernward Wigger ist einer der Leiter der Kanzlei. Unter den 40 Beschäftigten sind vor allem Frauen. Von der Sekretärin bis zur Teilhaberin. Flexible, passgenaue Arbeitszeiten, Teilzeitmodelle von der Acht- bis zur 35-Stunden-Woche, zusätzliche Urlaubstage statt Gehaltserhöhung, zu Hause arbeiten, Übernahme der Kita-Kosten. Das sind nur einige der Unterstützungsangebote für Mütter und Väter in Deutschlands familienfreundlichstem kleinen Unternehmen.

Wigger: "Das Gesamtpaket muss stimmen. Dazu gehört eine vernünftige innere Einstellung. Das, was man investiert, ist im Grunde Respekt und Wertschätzung. Und das kostet nichts. Man muss sich nur selbst anstrengen. Von daher ist das die Grundlage und alles andere ergibt sich fast schon von selbst."

Ariane Böhm holt ihre ein Jahr alte Tochter Mira in der Kita Ellinghorst ab. Sie entschied sich ganz bewusst für diese Kindertagesstätte in Rheine. Sie kennt die Erzieherinnen und vertraut ihnen ‒ ihre Tochter Ronja besuchte auch schon die Kita Ellinghorst.

Böhm: "Und ich denk auch immer, hier ist sie gut untergebracht. Ne, du freust dich. Dass man sich keine Sorgen machen muss, wenn man bei der Arbeit sitzt. Wollen wir dich mal anziehen, sonst können wir gar nicht losfahren und die Ronja abholen."

Die sieben Jahre alte Ronja geht inzwischen in die zweite Klasse einer offenen Ganztagsschule. Bis zur Geburt von Mira hatte Ariane Böhm einen Vollzeitjob. Manchmal ist sie da an ihre Grenzen gestoßen:

"Ich habe schon ein paar Mal verzweifelt dagesessen und überlegt, ob ich jedem noch gerecht werden kann. Ob ich in der Arbeit alles erfüllen kann, weil ich mit meinen Gedanken bei der Familie bin und ich denke, oh je, hoffentlich geht es denen gut. Gerade der Großen in der Schule, fühlt sie sich dort wohl? Und andererseits, kann ich meiner Familie gerecht werden? Man kommt genervt von der Arbeit nach Hause und ist einfach k.o."

Zwei Kinder, Haushalt und Vollzeitstelle – das ist ihr zu viel, sagt sie. 25 Stunden pro Woche in einem familienfreundlichen Unternehmen mit viel Verständnis für ihre Situation sind erst einmal genug. Sie weiß, wie "gut" sie es hat im Vergleich zu ihren Freundinnen und Bekannten, die in einem ganz "normalen" Unternehmen arbeiten. Trotzdem. Die Belastungen sind auch so noch groß genug:

"Also Zeit zum Entspannen und Füße hochlegen gibt es bei mir nicht mehr. Ich gucke so gut wie kein Fernsehen, weil mein Abend immer um neun endet. Dann bin ich so platt, dass ich auch ins Bett gehe. Weil ich ja immer unterwegs bin. Kinder wegbringen, einsammeln, einkaufen, Wäsche, man hat immer was zu tun."

Sie arbeitet in Vollzeit, er nimmt Elternzeit

Sandra Jürriens: "Papa muss trösten."

Holger Jürriens: "Ja, ist das der Tannenbaum? Erzähl mal, wo ist Bayern München?"

Zuhause bei Familie Jürriens in einem Reihenhaus am Stadtrand von Rheine. Holger Jürriens steht mit Nils, einem der beiden Zwillinge, auf dem Arm vor dem Tannenbaum im Wohnzimmer und zeigt auf die Weihnachtskugeln von FC Bayern München.

Sandra Jürriens: "Mama ist für Dortmund, aber das bringt Papa denen nicht bei (Lachen), wir haben nur die ganzen Bayern-Utensilien."

Die Zwillinge Nils und Ben sind anderthalb Jahre alt. Blaue Augen wie der Papa, kurze helle Haare und: die reinsten Energiebündel. Holger und Sandra Jürriens haben die traditionellen Rollen getauscht. Er nimmt Elternzeit, sie arbeitet weiter Vollzeit.

Sandra Jürriens: "Wenn die Kinder krank sind, sagt man schon, ooh, ich muss zur Arbeit, man kriegt nichts mit. Oder wenn der eine heult und man versucht, ihn zu beruhigen und es klappt nicht, er will nur zu Papa. Das tut einem dann im Herzen ein bisschen weh. Aber sie lieben mich ja trotzdem, ich bin dann ja nicht 'ne Mama zweiter Klasse. Klar, manchmal denkt man schon, so, das hättest du auch gerne. Aber die Kehrseite ist, er hätte sonst gar nichts. Da freut man sich halt für den Partner, dass er diese Bindung hat zu den Kindern."

Sandra Jürriens ist im Sozialamt der Stadt Rheine beschäftigt. Die 30 Jahre alte Beamtin verdient nicht nur 500 Euro mehr im Monat, vor allem hat sie flexible Arbeitszeiten. Ihr Mann ist Auto-Mechaniker in einem großen Betrieb in Gronau an der holländischen Grenze. Normalerweise verlässt er morgens um sieben das Haus, und kommt abends um sieben erst wieder. Auch sonnabends muss er regelmäßig ran. Familienfreundliche Arbeitszeiten sehen anders aus. Die Entscheidung, anderthalb Jahre zuhause zu bleiben und sich um Haushalt und Kinder zu kümmern, fiel Holger Jürriens nicht schwer:

"Man wird quasi als Vater direkt ins kalte Wasser geworfen. Man kriegt das mit, wie das wächst im Bauch und dann auf einmal sind sie da. Und dann hat man keine andere Chance mehr. Dann muss man da durch und wächst rein."

Er war der erste Vater in seiner Firma in Gronau, der länger als drei Monate in Elternzeit ging. Seine Kollegen hatten dafür Verständnis, so der 33-Jährige. Etwas anders war die Reaktion am Arbeitsplatz von Sandra Jürriens:

"Wo ich gesagt habe, ich komme nach dem Mutterschutz wieder, kam erst mal die Antwort, ja, ja, wir gucken dann mal, wenn die Kinder da sind. Das gab es da vorher nicht, dass eine Frau nach dem Mutterschutz in Vollzeit wiedergekommen ist. Das war recht komisch. Im Familien- und Bekanntenkreis, die kennen ja auch meinen Mann und wissen, wie er ist. Und wenn sie es jetzt sehen, sind sie auch alle überzeugt."

Zwei Plätze in einer guten Kita in Wohnungsnähe zu finden, ist auch in einer mittelgroßen Stadt wie Rheine nicht einfach. Obwohl Holger und Sandra Jürriens schon lange vor der Geburt anfingen zu suchen.

Sandra Jürriens: "Es war schon ein ganz schöner Kampf. Kita-Platz ‒ wissen wir immer noch nicht, ob wir ihn haben, erfahren wir offiziell im Mai. Finde ich auch ein bisschen schwierig, wenn ich im Mai erfahre, ich habe keinen Kita-Platz. Was mache ich dann mit meinen Kindern? Die Tagesmutter kann nur bis August ‒ ich hoffe, wir kriegen den Kita-Platz."

Dabei ist Rheine mit seinen 70.000 Einwohnern im Vergleich zu einer Großstadt wie Köln ganz gut aufgestellt. Und wenn kein Kita-Platz zur Verfügung steht, springen Tagesmütter ein. Bürgermeisterin Angelika Kordfelder:

"Die Herausforderung liegt für uns noch in der Interpretation der Gesetzgebung, die unter Dreijährigen mit ihren Ansprüchen zu bedienen und für die über Dreijährigen auch Plätze vorzuhalten. Da sind wir noch in der Nachbesserung. Aber ich glaube, da haben wir uns schon gut positioniert."

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sei auf einem guten Weg in Rheine. Dieser Auffassung ist auch Monika Hoelzel, die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt. Viel Luft nach oben sieht sie noch bei den Öffnungszeiten der Kitas. In der Regel sind sie von morgens halb acht bis abends  um halb fünf geöffnet:

"Frauen, die im Schichtdienst arbeiten, die zeitig anfangen müssen, die haben Probleme, morgens die Kinder zur Kita zu bringen und abends wieder abzuholen. Die Rahmenbedingungen stimmen nicht. Ich habe Modelle gesehen, in Großstädten allerdings, die sind da anders aufgestellt. Das dauert alles."

Kita-Versorgungslücken gibt es auch noch in Großstädten

Bundesweit sollen zurzeit über 814.000 Kita-Plätze für Kinder unter drei Jahren zur Verfügung stehen. Die befürchtete Klagewelle ist ausgeblieben. Die Betreuungsquote ist kräftig gestiegen auf insgesamt über 40 Prozent. Versorgungslücken gibt es noch in einigen Großstädten wie etwa Köln. Kritisiert wird auch, dass der Kita-Ausbau auf Kosten der Betreuungsqualität geht.

Dennoch, für Irene Gerlach, Politikwissenschaftlerin und Leiterin des Forschungszentrums für Familienbewusste Personalpolitik in Münster, ist der Kita-Ausbau ein gutes Beispiel dafür, dass sich einiges getan hat seit dem ersten Internationalen Jahr der Familie 1994:

"Dass die Familienpolitik das Signal an die Menschen sendet, der Staat, auch die Unternehmen sind bereit, Verantwortung zu tragen. Das ist ein Riesenfortschritt. In Deutschland war es ja so, dass die Familien mit Vereinbarkeitsproblemen zuvor immer allein gelassen worden sind. Und ich glaube, das hat sich tatsächlich geändert."

Viele Familien leben auch heute noch das klassische Rollenmodell: Mehr als 90 Prozent der Väter arbeiten Vollzeit, zwei von drei Müttern sind erwerbstätig. Die meisten von ihnen entscheiden sich für eine Teilzeit-Beschäftigung. Aber die traditionelle Rollenverteilung bricht immer mehr auf. Mütter machen Karriere,  Väter wollen mehr für die Familie da sein und reduzieren ihre Arbeitszeit. Immerhin über 29 Prozent von ihnen beziehen Elterngeld, in der Regel bisher durchschnittlich gut drei Monate. Tendenz: steigend. Und noch ein wichtiger Trend: Das Familienbewusstsein deutscher Unternehmen wächst. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Forschungszentrums Familienbewusste Personalpolitik in Münster. Fast 1000 Unternehmen wurden 2007 und 2012 befragt.

Irene Gerlach: "Es gibt einen großen Anteil an Betrieben, die in der Mitte sind, die mitmischen, während wir vor fünf Jahren eher einen kleineren Anteil hatten. Wir hatten Ausreißer, die hatten früh angefangen und haben sich ganz besonders aufgestellt. Also kann man daraus schließen, dass das Thema in der Breite angekommen ist der Unternehmen."

Auch Angelika Kordfelder, die Bürgermeisterin von Rheine im Kreis Steinfurt, bestätigt diese Entwicklung:

"Nach den Rückmeldungen und Erfahrungen, die ich gemacht habe, ist das ist ein Thema, für das alle Unternehmen vor Ort sensibilisiert sind."

Fast 80 Prozent der Unternehmen bundesweit schätzen Familienfreundlichkeit heute als wichtig ein. Und das sind nicht nur Lippenbekenntnisse. Im Kreis Steinfurt etwa wird unter anderem seit einigen Jahren ein Wettbewerb durchgeführt, um die Familienfreundlichkeit von Unternehmen zu stärken. Denn familienbewusste Personalpolitik lohnt sich auch und gerade für Arbeitgeber. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind unter anderem motivierter und qualifizierter, sie werden seltener krank und bleiben dem Betrieb länger verbunden. Auch das haben die Wissenschaftler aus Münster herausgefunden.

Zurück im Steuerberatungsunternehmen "DWL Döcker und Partner". Ein familienfreundliches Unternehmen zu sein, ist nicht immer ganz einfach. Es geht nur mit einer guten Organisation und einer ausgeklügelte Vertretungsregelung. Andererseits ‒ Familienfreundlichkeit ist für Bernward Wigger auch ein Wettbewerbsvorteil:

"Gerade jetzt wo die Fachkräfte knapper werden und der Kampf um die guten Köpfe schon lange begonnen hat.Als DWL haben wir sehr viel davon. Wir haben keinen Fachkräftemangel. Wir bekommen viele Initiativbewerbungen, für uns ist das relativ leicht, Fachpersonal zu rekrutieren."

Birgit Saborowski: "Wir brauchen nicht so viele neue Leute, weil unsere Leute ja wieder kommen. Vor allem ist da auch der Einarbeitungsaufwand um ein Wesentliches geringer. Von daher rechnet  sich das auf jeden Fall."

… sagt Birgit Saborowski, die bei DWL Döcker und Partner  zuständig ist für Personal, Marketing und Controling. Angefangen hat ihre Karriere, als ihre vier Kinder noch klein waren und sie nur wenige Stunden in der Kanzlei tätig sein konnte. Die 49-Jährige weiß daher aus eigener Erfahrung: Familienbewusste Personalpolitik ist eine Win-Win-Situation für Arbeitnehmer und Arbeitgeber.

"Ich bin der Meinung, dass Teilzeitkräfte sehr engagierte Kräfte sind. Vor allem, wenn es arbeitsreiche Phasen gibt wie zum Jahreswechsel, kann man immer noch auf Teilzeitkräfte zurückgreifen, damit die Arbeit pünktlich erledigt werden kann."

Dirk Böhm: "Ronja, der andere hat noch Zuckerguss..."

Familienzeit bei den Böhms. Ariane Böhm hat die Kinder aus der Kita und der Schule abgeholt. Ihr Mann Dirk Böhm arbeitet in einem kleinen Industriebetrieb in Rheine. Er hatte wieder Nachtschicht und ist gerade aufgestanden:

"Ja, es ist anstrengend schon, dass man von der Nachtschicht in die Frühschicht geht oder von der Frühschicht in die Spätschicht. Das ist nicht immer so einfach. Es entgeht einem halt viel. Das Großwerden der Kinder."

Es reicht eben nicht aus, wenn nur ein Ehepartner, wie in diesem Fall Ariane Böhm, in einem familienfreundlichen Unternehmen beschäftigt ist. Die Schichtarbeit prägt das ganze Familienleben. Dirk Böhm kann sich auch gut vorstellen, die Rollen zu tauschen:

"Aber dann hätten wir weniger Einkommen. Alleinverdiener, die gibt es ja schon gar nicht mehr viel. Man ist darauf angewiesen, zu zweit zu arbeiten, wenn man einigermaßen was Vernünftiges haben möchte."

Sehnsucht nach einem anderen Tagesablauf

Ein paar Tage später. Inzwischen ist es Anfang Januar. Eine spannende Woche liegt hinter Holger Jürriens. Nach anderthalb Jahren Elternzeit hat er wieder angefangen, in der Kfz-Werkstatt in Gronau zu arbeiten. Zunächst einmal drei Tage die Woche. Es war eine ganz schöne Umstellung ‒ vor allem für die Kinder und für ihn. Doch mit der Tagesmutter klappt es gut. Und Holger Jürriens erlebt seine Arbeit zurzeit sogar als Erholung:

"Einfach Abwechslung mal wieder haben. Nach 'ner gewissen Zeit sehnt man sich schon wieder, einen anderen Tagesablauf zu haben."

Um seine berufliche Zukunft macht er sich keine Sorgen. Bald wird er wieder Vollzeit arbeiten. Wann, weiß er noch nicht so genau. Das hängt von den Kindern ab. Teilzeitarbeit kann aber auch zur Teilzeitfalle werden. Für Mütter vor allem, die jahrelang zu Hause bleiben oder nur wenige Stunden berufstätig sind. Bei ihrer Arbeit im Sozialamt trifft Sandra Jürriens immer wieder auf solche Frauen:

"Und dann kommt die Trennung und die stehen mit nichts da. Man versucht, den Frauen zu helfen, dass sie noch 'ne Perspektive bekommen. Die bekommen sie auch meistens, aber die werden ein Leben lang vom Staat abhängig bleiben. Weil spätestens, wenn sie in Rente gehen ‒ das wird nie reichen."

Sandra Jürriens dagegen will sich beruflich weiter entwickeln. Die Beamtin möchte einmal Teamleiterin werden:

"War jetzt ganz aktuell eine Stelle ausgeschrieben, die mich gereizt hätte. Allerdings war damit ein Bereitschaftsdienst verbunden alle fünf Wochen, den ich einfach nicht gewährleisten kann, weil ich in der Woche keine Kinderbetreuung habe. Also konnte ich mich nicht auf die Stelle bewerben."

Bis vor einigen Jahren arbeitete Sandra Jürriens für die Stadt Bonn. Und die ist schon ein paar Schritte weiter in Sachen Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Was sie sich von ihrem Arbeitgeber in Rheine wünscht?

"Noch 'ne flexiblere Gleitzeit fände ich super, die Telearbeit soll jetzt ausgearbeitet werden, das wäre optimal. Oder dann vielleicht auch schon die Kontakte zu einer Kita, Tagesmutter oder einen eigenen Kindergarten, was im Haus wäre ‒ aber das ist so ein Wunschdenken, das ist nicht realisierbar."

Beruf, Kindererziehung und Haushalt unter einen Hut zu bringen ‒ das ist in Deutschland immer noch schwierig. Obwohl der Staat schon viel getan hat. Es sind immer noch vor allem die Frauen, die dreifach belastet sind. Die Politikwissenschaftlerin Irene Gerlach plädiert daher dafür, dass Paare die Belastungen untereinander noch besser aufteilen:

"Da bin ich hoffnungsvoll im Hinblick auf die jungen Männer und  die jungen Frauen, die sie sehr selbstbewusst fordern, die Mitarbeit, und dieses neue Rollenkonzept auch einfordern, dass sie sich durchsetzen und die Männer sozusagen dem genügen werden."

Und wie kann die Arbeitswelt familienfreundlicher werden? Diskutiert wird unter anderem über eine 32-Stunden-Woche für Väter und Mütter.

Sandra Jürriens: "Könnte ich mir gut vorstellen, weil man da den Kindern auch noch was bieten kann, trotzdem beruflich weiterkommt."

Irene Gerlach: "Das wäre im Prinzip das Ideal-Modell, vollzeitnahe Teilzeit. Das entspricht schon im Großen und Ganzen den Wünschen der Bevölkerung und mit zwei solchen Arbeitsverhältnissen wird man die Familie vermutlich auch ernähren können."

Bernward Wigger: "Man muss nicht alles immer regulieren. Der Markt macht das von selbst. Und das ist von Branche zu Branche verschieden. Wichtig ist, dass man in der Fläche was tut, da gibt es noch Bedarf gerade bei der Kinderbetreuung. Dann würde man schon viel mehr erreichen."

Sicher ist: Familienfreundliche  Personalpolitik wird in Zukunft an Bedeutung gewinnen. Der demografische Wandel wird diese Entwicklung beschleunigen. Noch zögern zu viele Unternehmen, den ersten Schritt zu machen. Vor allem kleine und mittlere Firmen tun sich schwer und Branchen mit hohem Männeranteil. Doch so kompliziert ist das gar nicht, meint Birgit Saborowski von dem ausgezeichneten Steuerberatungsunternehmen in Rheine:

"Ich würde jedem empfehlen, zuzuhören. Vielleicht auch maleine Befragung durchzuführen und sich nur drei Dinge vorzunehmen für das nächste Jahr, was man umstellen kann. Das ist schon ein Wahnsinnsgewinn. Und vor allem auch, die Mitarbeiter mit einzubinden in diese Entwicklung."

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