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Profil / Archiv | Beitrag vom 16.04.2008

Arbeitsbeschaffungsmaßnahme Humor

Das "Ensemble Weltkritik" im Porträt

Von Beate Moeller

Das Ensemble Weltkritik (Ensemble Weltkritik)
Das Ensemble Weltkritik (Ensemble Weltkritik)

Zwei arbeitslose Akademiker lassen sich zu Kabarettisten weiterbilden. Anders als ihr Bühnen-Alter-Ego sind Bettina Prokert und Maxim-Alexander Hofmann vom "Ensemble Weltkritik" sehr erfolgreich: Sie haben schon einige Preise gewonnen.

Zwei arbeitslose Akademiker sind dort gelandet, wo sie niemals hin wollten: auf der Bühne. Schuld daran ist der Herr vom JobCenter Leipzig, der den beiden unvermittelbar Überqualifizierten zur Fortbildung im Bereich Kleinkunst geraten hatte. Seitdem dilettieren sie auf den Brettern, die ihnen nichts bedeuten. Das ist die Legende, die das Ensemble Weltkritik seinen Bühnenfiguren untergejubelt hat.

Bettina Prokert und Maxim-Alexander Hofmann parodieren zunächst das Zeigefingerkabarett, um dann brillant darüber hinauszuwachsen. Dafür haben sie inzwischen mehrere Preise erhalten. Zuletzt den Bielefelder Kabarettpreis 2008. Als bedeutendsten den Cabinet-Preis 2007 in der Sparte Kabarett, mit dem Nachwuchskünstler aus dem Osten Deutschlands ausgezeichnet werden.

"Oh, da kommt der Ball. Alle mal ran, alle mal ran. Oh, der Beckham, der Beckham. Der beliebte blonde Brite. Dribbelt denn da der Beckham? Und jetzt der Ballack. Der Ballack nimmt dem Beckham den Ball ab. Der dribbelt den tot, der dribbelt den tot, der dribbelt den tot! Nee, der dribbelt drumrum, der dribbelt drumrum, der dribbelt drumrum. Der dribbelt um den Beckham drumrum. Warte mal, der Beckham war der nich' mal bei Birmingham. Bei Birmingham war der nicht dabei?"

"Es gab die Hochzeit eines Schauspielers in Leipzig und da hab ich mich hingesetzt und ein Dramolett verfasst. Und das haben wir dann dort zum besten gegeben. Und als schon das gesamte Leipziger Schauspielhaus hin und weg war, haben wir gedacht: Na jetzt. Müssen wir ran."

Ein kompetenteres Publikum hätten sie kaum finden können. Ihr erster gemeinsamer Auftritt war gleich die Feuerprobe. Bettina Prokert wird heute noch ein bisschen nervös, wenn sie an diese Gesellschaft von Theaterleuten denkt.

Prokert: "Das hat auch bei mir für ordentlich Adrenalinspiegel gesorgt. Aber als das Feedback dann doch positiv war: Dann machen wir eben da weiter, wenn sie uns das nicht verbieten, dann machen wir das einfach."

Ein Paar wie für die Bühne gecastet: Der Pianist und die Sängerin. Neben dem Einmeterneunzigmann wirkt sie klein. Er schlaksig, sie sportlich. Er gelassen, sie quirlig. Wie ihre Bühnenfiguren sind beide Akademiker. Der 32-jährige Maxim-Alexander Hofmann kommt aus Thüringen. Klavierspielen konnte er schon als Fünfjähriger. In Leipzig hat er Theaterwissenschaft, Germanistik und Kommunikationswissenschaften studiert, abgeschlossen mit einer Magisterarbeit über Kabarett. Bettina Prokert, die heute 29 Jahre alt ist, hat nach dem Abitur ihre Heimatstadt Dresden verlassen - für ein Studium in Baden-Württemberg.

Prokert: "Also schon ein großes Paradoxon: Der Sachse geht nach Stuttgart, um dort Sprecherziehung zu studieren ... "

Und setzt ein zweites Studium in Leipzig oben drauf: Deutsch als Fremdsprache. Zu dieser Zeit ist Maxim-Alexander Hofmann schon einer von den "Nörgelsäcken" aus dem thüringischen Städtchen Gößnitz. Bettina Prokert hatte in Stuttgart bereits Schauspiel- und Gesangsunterricht genommen und bei Rezitationsabenden mitgewirkt. Sie hatte schon Bühnenluft geschnuppert. Das fehlt ihr jetzt in Leipzig. Da ist sie bloß eine Kabarettbesucherin. Auch an dem Tag, an dem die Gößnitzer "Nörgelsäcke" in der "moritzbastei" gastieren. Sie ist begeistert und zu gerne hätte sie gefragt, ob sie mitspielen darf. Aber sie traut sich nicht. Traut sich zwei Jahre lang nicht.

Prokert: "Und dann hab ich eines schönen Tages Maxims Namen in der Liste einer Mitfahrgelegenheit gefunden und habe die Gelegenheit ergriffen, habe dort angerufen und mich von Maxim von Dresden nach Leipzig fahren lassen, und dort auf dieser Fahrt hab ich ihn ordentlich ausgequetscht nach seinen künstlerischen Erfahrungen und Möglichkeiten, eventuell da mich auch zu integrieren. Das waren so die Anfänge von "Weltkritik"."

Von da an vergingen nur wenige Wochen bis zu ihrem ersten Auftritt vor der fachkundigen Hochzeitsgesellschaft. Die erste gemeinsame Szene:

"Es ging um einen Ehestreit, aber das war Streit nach Plan. Das Ehepaar hat sich aus seiner Verliebtheit mühevoll herausgerissen, um sozusagen den Soll zu erfüllen, sich zu streiten, weil das ja auch zu einer guten Ehe dazugehört. Und nach fünf Minuten Streit war dann auch alles wieder in Ordnung. Dann wurde das kurz ausgewertet, analysiert, für gut befunden. Wir hoffen, dass wir dem Paar damit auch ein paar Anregungen für das Privatleben gegeben haben. So weit wir wissen, hält die Ehe noch."

Die nächste Chance bot sich bei der musikalischen Umrahmung eines seriösen Abends zum Thema Phantomschmerz.

"Und da habe ich gleich einen befreundeten Theaterregisseur eingeladen. Gesagt, guck doch mal, ist denn da nicht Potential vorhanden. Und dann ist er hingekommen und hat gesagt, da ist aber Potential vorhanden."

Dermaßen angespornt schreiben sie ihr erstes abendfüllendes Programm. Im Winter 2006 stellen sie es in Halle im Kabarett "Kakao" vor.

"Das war einerseits sehr erhebend, weil es eben das erste Mal in einem richtigen Kabarett war, auf der anderen Seite war es auch sehr ernüchternd, weil keine richtigen Kabarettzuschauer da waren, beziehungsweise fünf und wir keine richtige Künstlergarderobe hatten, sondern nur durch einen dünnen Vorhang vom Publikum getrennt waren und in der Pause auch Kommentare hören mussten wie: 'Naja, is' halt Kabarett, da weeß ma nie so genau was ma kriegt.'"

Eine weit verbreitete Einschätzung, die sich auf die Erfahrung mit dem Ensemblekabarett aus dem Osten Deutschlands beziehen könnte, das Bettina Prokert und Maxim-Alexander Hofmann parodieren. Schon dadurch, dass sie sich als Duo hochtrabend "Ensemble Weltkritik" nennen. Aber auch durch ihr vorgeblich anleitungsgetreues Spiel nach der Kabarettbroschüre vom Arbeitsamt.

"Hallo, hallo hier im Kabarett!"

"Man wird sehen, ob das im Westen überhaupt so als Persiflage verstanden wird. Ich weiß nicht, ob die Leute dort überhaupt dieses Ostkabarett so gut und genau kennen. Ich weiß nicht, ob da so eine Vorkenntnis dieser Kulturszene da ist. Sie fanden es dann alle gut und interessant. Aber so spezifisch als Ironisierung dieses Genres - glaub ich nicht, dass das bisher so verstanden worden ist von den westlichen Mitbürgern."

"Aus einem kühlen Grunde lässt man uns hier allein, oh, du mein Kombinat, ich möcht wie du tot sein, oh, du mein Kombinat, ich möcht wie du tot sein!"

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