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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.11.2006

Appell an die politische Vernunft

Gero Jenner: "Energiewende - So sichern wir Deutschlands Zukunft". Propyläen Verlag Berlin 2006; 251 Seiten

Windpark (AP)
Windpark (AP)

Gero Jenner entwirft in seinem Buch "Energiewende" ein drastisches Szenario: Nur wenn Deutschland in den nächsten Jahren konsequent auf die Nutzung alternativer Energiequellen setzt, wird es gelingen, den sozialen Frieden zu bewahren und nicht in Kriege um die schwindenden Ölvorräte verwickelt zu werden.

Der Titel weckt zunächst einmal falsche Erwartungen. Energiewende – dahinter verbirgt sich normalerweise einen Bericht über die wissenschaftliche und technische Umstellung unserer Gesellschaft auf erneuerbare Energien. Doch die setzt der Autor Gero Jenner, ein Soziologe, voraus. Ihn interessieren ganz andere Fragen und damit eröffnet er eine Grundsatzdebatte, die bislang kaum geführt wurde.

Seine Grundthese: um den negativen Folgen der Globalisierung sowie den Kriegsgefahren angesichts schwindender Ölvorräte zu entkommen, braucht unsere Gesellschaft erneuerbare Energien. Sie allein sichern Wohlstand, Arbeitsplätze und industrielle Zukunft. Der Autor, der sich bereits zweimal in Buchform mit der Globalisierung und ihren Folgen auf die soziale Marktwirtschaft auseinandergesetzt hat, holt zur Begründung weit aus. Seiner Analyse nach durchlaufen Industriestaaten drei Phasen: die Ausbeutungszeit, in der Arbeitskräfte zu Hungerlöhnen schuften, die Verteilungsphase, in der der vorher angehäufte Reichtum nun auch den Arbeitnehmern zugute kommt und die Ausverkaufsphase, in der das einst Erworbene verloren geht.

Seiner Ansicht nach befinden sich Deutschland und die westlichen Industriestaaten in der letzten Phase. Das verdanken sie der Profitsucht ihrer nationalen Eliten, die die global agierenden Konzerne leiten und lenken, denn die verlagern die industrielle Produktion weitgehend in jene Staaten, die am billigsten produzieren, um die Produkte dann in ihren Heimatländer mit möglichst großem Gewinn zu verkaufen. Damit zerstören sie zuhause vorsätzlich immer mehr Arbeitsplätze, untergraben den Wohlstand, gefährden die soziale Sicherheit.

Die Schwellenländer ergreifen gerne die Chance, als Werkbank des Westens ihre eigene Industrialisierung zu forcieren. Allerdings brauchen sie für die Produktion Rohstoffe, vor allem Energie. Beides ist aber nur noch begrenzt verfügbar. Darum haben die Industriestaaten denn auch, allen voran die USA den ungehinderten Zugang zu den Energieressourcen zum Ziel ihrer Außenpolitik erhoben und zwar unter Einsatz militärischer Mittel. "Die Pulverfässer werden gefüllt" schreibt denn auch Gero Jenner in Anspielung auf den massiven Ausbau der Waffenproduktion in den USA und auch in Europa. Damit scheinen Kriege um fossile Brennstoffe, insbesondere Öl vorprogrammiert.

Sie lassen sich nach Ansicht des Autors nur vermeiden, wenn der Westen, insbesondere Deutschland auf erneuerbare Energien setzt. Das entspannt die Nachfrage und macht Energieautark. Energieunabhängigkeit setzt allerdings eine Abkehr von der Wachstumsideologie voraus, denn ungebremster Konsum verschlingt wertvolle Rohstoffressourcen. Ein Ende der Wegwerfgesellschaft und damit verbunden Langlebigkeit der Produkte würde massive Energie- und Rohstoffeinsparungen erlauben.

Gero Jenners nicht ganz einleuchtende Schlussfolgerung: Deutschland konkurriert dann mit niemandem mehr um die schwindenden Ressourcen, braucht keine militärischen Interventionstruppen aufzubauen und fördert zudem heimische Arbeitsplätze, schafft starke Exportindustrien. Da erneuerbare Energien zudem dezentral installiert werden, verlieren die nationalen Energiekonzerne ihre Macht, werden die Bürger wieder mitbestimmen können, gewinnt die Politik endlich Entscheidungsmöglichkeiten zurück. Die gnadenlose Globalisierungskonkurrenz wäre gebrochen. Zudem bedeutet ein deutscher Solarstaat konkrete Friedensicherung. 20 bis 30 Jahre würde ein solcher Umbau der Gesellschaft dauern. Versäumt man die Energiewende, wird die zunehmende Energieknappheit sie später dennoch erzwingen, dann allerdings mit dramatischen Folgen wie Massenarbeitslosigkeit und einem Zusammenbruch der Sozialsysteme.

Gero Jenners schonungslose Analyse der derzeitigen Weltwirtschaftssituation ist logisch und nachvollziehbar, wenn auch thesenartig arg verknappt. Die positiven Auswirkungen einer Energiewende auf Wirtschaft, Politik und Gesellschaft leuchten sofort ein und sind denn auch schon von vielen anderen Autoren ausführlicher und besser beschrieben worden. Nur Jenners Optimismus, dass es auch zum Umbau kommt, wirkt wie Pfeifen im dunklen Wald, denn das internationale, "vaterlose" Kapital ist ausschließlich am größtmöglichen Profit interessiert und wird alles unternehmen, die Energiewende zu verhindern, da sie seine Macht brechen könnte. Hier bleibt das Buch die Antwort schuldig, wie man es dazu bringen soll, dennoch in Deutschland zu investieren und mitzuspielen. Zurückbleibt also nach der Lektüre das unangenehme Gefühl, zwar wichtige Wahrheiten erfahren zu haben, die man bis auf einzelne Wertungen weitgehend unterschreiben kann, aber keine realistischen Lösungsvorschläge. Das Buch ist ein Appell an die politische Vernunft. Die aber reagiert die Welt nicht.

Rezensiert von Johannes Kaiser

Gero Jenner: Energiewende - So sichern wir Deutschlands Zukunft
Propyläen Verlag Berlin 2006
251 Seiten, 19,90 Euro

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