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Lesart / Archiv | Beitrag vom 01.01.2013

Apartheit im gelobten Land

Shlomo Sand: "Die Erfindung des Landes Israel - Mythos und Wahrheit"

Rezensiert von Doris Anselm

Theodor Herzl (1860 - 1904) gilt als Begründer des politischen Zionismus. (AP)
Theodor Herzl (1860 - 1904) gilt als Begründer des politischen Zionismus. (AP)

In Israel hat sich der Shlomo Sand, Historiker an der Universität Tel Aviv, nicht viele Freunde gemacht. Er nennt die israelische Gesellschaft "rassistisch" und widerspricht der zionistischen Idee, dass das jüdische Volk ein historisches Anrecht auf einen Staat Israel in Palästina habe.

Auf keinen Fall will Shlomo Sand zu lange in Berlin bleiben. Nicht wegen Berlin oder Deutschland. Sondern wegen seiner Universität in Tel Aviv.

Dort, wo er Geschichte unterrichtet, gibt es einige, die ihn gern los wären – und sei es nur aus administrativen Gründen. Eine Reise während der Vorlesungszeit: Die muss so kurz wie möglich sein.

Sand stellt sein neues Buch in Deutschland vor. In Israel hat er sich damit nicht viele Freunde gemacht. Denn seine Hauptthese widerspricht dem zentralen, zionistischen Gründungsargument des Staates – dem historischen Anrecht auf genau dieses Flecken Erde:

Shlomo Sand: "A lot of Pro-Zionists attack me, saying, the target of Shlomo Sand was to deconstruct the right of the jewish on the land. And I never thought that the jew has a historical right on the Land of Palestine."

Der zionistische Vorwurf prallt an ihm ab. Ein historisches Anrecht, das es gar nicht gebe, könne wohl kaum allein durch seine Argumente zu Fall gebracht werden. Das gelobte Land ist für ihn ein Mythos. Mythen sind nichts schlechtes, aber als Staatsgrundlage reichlich ungeeignet, jedenfalls heute, findet der Historiker.

Wie "Vaterländer" in früheren Zeiten erschaffen wurden, ob es dabei um Sprache, Geburt oder gemeinsame Geschichten ging, erläutert er deshalb im Buch vorneweg – im ersten Kapitel, das "Israel" oder "Palästina" mit keinem Wort erwähnt, sondern nur von einem Phänomen handelt: Dem Nationalismus an sich.

Aber dann geht es ans Eingemachte. Geschichtsfälschung unterstellt er seinen Fachkollegen. Shlomo Sand, der sich selbst nicht mehr als Jude versteht, weist nach, dass die Juden in aller Welt Israel zwar schon immer für heilig hielten – aber früher keinerlei Bedürfnis verspürten, dorthin auszuwandern. Ebenso wenig wie Muslime in Mekka wohnen möchten. Es habe sogar für Juden ein Verbot im Talmud gegeben.

Shlomo Sand: "The land of Israel was one of the most important things in their lifes. But it wasn’t an object. They didn’t desire to go to live there. The concept of a holy place is very important. I think that Mekka is very important for the muslims. I don’t think the muslims want to emigrate.

Jews didn’t emigrate to the holy land, because it was for them something against the Talmud. Because there is an order in the Talmud: You have not the right to go in mass to emigrate to the land of Israel. And I think jewishness was against the idea to build a jewish state in Palestine.

When Herzl, the father of Zionism, wanted to create a Zionist movement, all the rabbis in Germany wrote a petition saying 'We don’t want a jewish state in the holy land because it’s too holy for us.'"

Jüdische Geistliche, die sich dagegen wehren, einen israelischen Staat zu gründen! Ja, die gab es. Doch spätestens mit dem Massenmord an den Juden im Nationalsozialismus war es doch mit der rabbinischen Abwehr vorbei. Nein, sei es nicht gewesen, wendet Shlomo Sand ein: Wenn die Juden gekonnt hätten, wie sie wollten, wären sie in andere, florierende Länder ausgewandert – und nicht ins staubige, abgelegene Palästina. Aber Einwanderungsgesetze begrenzten vielerorts den Zuzug von Juden.

Cover: "Die Erfindung des Landes Israel" von Shlomo Sand (Propyläen Verlag)Cover: "Die Erfindung des Landes Israel" von Shlomo Sand (Propyläen Verlag)1948 dann die Staatsgründung. Israel erscheint offiziell auf der politischen Landkarte. Das junge Land braucht ganz schnell eine kraftvolle, einende Geschichte, eine geografische Identität, seelische Nahrung für seine Bewohner. Das sei der Punkt, an dem die Idee des Abstammungsrechts geboren wurde - mit der fatalen Folge, dass die Israelis zu Rassisten geworden seien wie einst die Deutschen.

Shlomo Sand: "The Israeli society today is one of the most racist societies in the western world. It was published a poll that shows that most of the Israelis are open racists! Not shamed racists.

Then most of the Israelis believe that they are the descendants genetically of the kingdom of David. Like most of the Germans believed 70 years ago, that they were the descendants of the Teutons."

Rassistisch, kolonialistisch, ethnozentristisch und ein regelrechtes Apartheids-System: All diese Bezeichnungen muss sich Israel von Shlomo Sand gefallen lassen. Sein Tonfall ist stellenweise tief emotional und zornig. Das weckt beim Lesen Misstrauen oder zumindest Vorsicht.

Anderseits überzeugt er immer wieder mit schlüssiger Argumentation: Was ist eine Nation? Ist es nicht absurd, dass man fast allen anderen Nationen dieser Welt durch Zuzug beitreten kann, durch Übernahme von Sprache und Alltagskultur – nur Israel nicht? Auch das Recht, dort Land zu erwerben, ist teils an die jüdische Religionszugehörigkeit gebunden.

Das alles ist gut vorgebracht. Aber hilft es irgendwem? Schürt dieses Buch nicht bloß die Aggressionen um eine Gegend, in der es stets aufs Neue furchterregend brodelt? Sand ist Geschichtswissenschaftler, kein Politiker. Er muss keine Lösung für den Nahost-Konflikt vorlegen. Das tut sein Buch auch nicht.

Aber im Gespräch hat er durchaus Vorschläge. Israel sollte die besetzten Gebiete im Westjordanland verlassen und die jüdischen Siedler gleich mitnehmen, ferner einen palästinensischen Nachbarstaat anerkennen.

Shlomo Sand: "To go out from all the occupied territories. To take with us all the colonists that are sitting there. To recognize a Palestinian republic.

To change Israel from a jewish state to an Israeli republic, because a quarter of the population is not from jewish origin. And to build a confederation – because we can not live without arabs in the middle east. Because we are so close."

"Wir sind uns so nah" - weshalb Shlomo Sand für eine Konföderation zwischen einem israelischen und einem palästinensischen Staat eintritt. Vielleicht ist das eine kluge Idee. Fraglich bleibt aber, ob gerade sein so kämpferisches Buch es schafft, unter seinen Landsleuten für diese Idee zu werben.

Shlomo Sand: Die Erfindung des Landes Israel - Mythos und Wahrheit
Aus dem Hebräischen von Markus Lemke
Propyläen Verlag, Berlin 2012

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