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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 06.10.2009

Anziehungspunkt für die Bohème

Vor 120 Jahren wurde in Paris das Moulin Rouge eröffnet

Von Vanessa Loewel

Das Moulin Rouge in Paris bei Nacht (Stock.XCHNG - Amanda Mafioletti)
Das Moulin Rouge in Paris bei Nacht (Stock.XCHNG - Amanda Mafioletti)

Angeblich fand hier der erste Striptease der Welt statt - im Moulin Rouge in Paris. Es war ein verruchter Ort: Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb amüsierte sich hier ganz Paris. Der Cancan und seine Tänzerinnen machten es berühmt.

Wer am Morgen des 7. Oktober 1889 in Paris die Zeitung aufschlug, konnte einen begeisterten Bericht lesen:

"Noch nie habe ich ein Publikum gesehen, das sich so amüsiert hat! Als die Tänzerinnen in den Saal stürmten, umherwirbelten, die Beine in einem teuflischen Takt in die Luft warfen, da durchfuhr ein Glücksschauder das Publikum."

Nicht einfach ein Ballhaus war am Abend des 6. Oktober eröffnet worden, sondern eine Pariser Institution, ein neues Wahrzeichen der Stadt. Ähnlich wie der Eiffelturm, der zur Weltausstellung nur ein paar Monate zuvor eingeweiht worden war.

Das Moulin Rouge auf dem Montmartre, im Zentrum des mondänen Paris, umgeben von Künstlerateliers, Cafés und Kabaretts: Hier lebte die Bohème, hier kam man her, um sich zu amüsieren. Größte Attraktion war der Cancan, bei dem die Tänzerinnen ihre Beine so hoch warfen, dass ihre Strumpfbänder sichtbar wurden - und manchmal sogar etwas nackte Haut. Ein revolutionärer Tanz voller Ausdruckskraft, dem die beiden Geschäftsleute Joseph Oller und Charles Zidler ein eigenes, modernes Ballhaus bauten.

Moulin Rouge nannten sie es - nach einem früheren Vergnügungslokal. Sein Markenzeichen: Die Mühle auf dem Dach, deren rot leuchtende Windräder sich bis heute drehen.

Es ist die Zeit der Belle Epoque: Frankreich hat sich vom deutsch-französischen Krieg erholt, die Industrialisierung sorgt für einen gewissen Wohlstand, die großen Kaufhäuser wie die Galeries Lafayette öffnen ihre Pforten, Paris wird mit der Elektrifizierung zur "ville lumière", zur Lichterstadt. Wer stilvolles Varieté erleben möchte, drängt ins 18. Arrondissement.

Ein Abend beginnt mit einem Absinth im Garten. Im Inneren eines riesigen Elefanten aus Pappmaché gibt es Bauchtanz zu sehen. Und auf der Bühne steht eine junge Chanson-Sängerin: Yvette Guilbert in ihrer Rolle als "Nurse", als englische Krankenschwester.

"Es machte mir großen Spaß, diese Couplets in englischem Akzent zu singen. Der Text meines Liedes war idiotisch, aber dem 'kleinen Publikum', das von acht bis neun im Moulin-Rouge saß, machte 'Miss Valéry' großes Vergnügen. Das 'große Publikum' kam erst, wenn die Quadrillen getanzt wurden. Pittoresk war damals das Moulin-Rouge! Mit seinem Garten, wo im Sommer gesungen wurde. Dann der große Ballsaal mit der Rückwand ganz aus Glas!"

Erst wenn es Nacht wird, treten die Cancan-Tänzerinnen auf: Sie tragen kuriose Spitznamen." Grille-d'égout", Abwassergitter, oder "Mome Fromage", Käsekind, werden sie genannt. Die berühmteste von ihnen ist "La Goulue", die Gefräßige. Yvette Guilbert notierte in ihren Memoiren:

"Die Goulue in schwarzen Seidenstrümpfen nahm ihren schwarzen Atlasfuß in die Hand und ließ die sechzig Meter Spitzen ihrer Jupons hin- und herkreisen; sie zeigte ihr Höschen, dem drollig eine Herz aufgestickt war. Mit einem Schwung setzte sie sich in den Spagat, mit starr aufrechtem Oberkörper, ihr schwarzer Atlasrock breitete sich sechs Meter weit aus. Großartig war das!"

Auch Henri Toulouse-Lautrec war von der Goulue und ihren körperlichen Darbietungen fasziniert – oft hat er sie beim Tanz gemalt. Auf seinen Bildern und Werbeplakaten hat das alte Moulin Rouge bis heute überlebt. Fast jeden Abend saß der Maler hier, immer am gleichen Tisch.

Doch mit dem 19. Jahrhundert ging auch die legendärste Zeit des Moulin Rouge zu Ende. Die mondänen Bälle der Belle Epoque waren aus der Mode gekommen. Jetzt ging man lieber in die großen Konzerthallen. 1902 musste das Moulin Rouge geschlossen werden, es wurde umgebaut und erst in den 20er-Jahren wiedereröffnet – als aufwendiges Revue-Theater.

Jetzt kam "Tout-Paris", um Mistinguett in ihren glanzvollen Revuen zu sehen. Vor dem Eingang verkaufte manchmal eine alte Frau Zigaretten und Erdnüsse. Kaum jemand erkannte sie wieder: Es war La Goulue, die Königin des Cancan-Tänzerin der Belle Epoque.

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