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Antisemitismusvorwurf ist "nicht sehr klug"

Vizepräsident des Zentralrates der Juden über die Kritik am Verleger Jakob Augstein

Moderation: Liane von Billerbeck

Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Salomon Korn
Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Salomon Korn (picture alliance / dpa / Arne Dedert)

Der Vizepräsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Salomon Korn, hält den Antisemitismusvorwurf gegen Jakob Augstein für überzogen. Er glaube, das Simon Wiesenthal Zentrum sei "ins Fahrwasser von Henryk Broder geraten und hat sich nicht seine eigene Meinung gebildet".

Liane von Billerbeck: Die US-Menschenrechtsorganisation Simon Wiesenthal Center hat sich große Verdienste erworben, unter anderem beim Aufspüren letzter Nazi-Mörder und der Gründung von Toleranzmuseen. Aber das Simon Wiesenthal Center gibt alljährlich auch eine Liste heraus, auf der die weltweit gefährlichsten Antisemiten aufgeführt werden. Und darauf fand sich auch der Herausgeber der Wochenzeitung "Der Freitag" und "Spiegel online"-Kolumnist Jakob Augstein auf Platz neun hinter ägyptischen Muslimbrüdern, dem iranischen Präsidenten Ahmadinedschad und englischen Fußballhooligans.

Als Beleg für Jakob Augsteins Antisemitismus führt das Simon Wiesenthal Center fünf Zitate aus dessen Kolumnen an, darunter folgendes: "Gaza ist ein Ort aus der Endzeit des Menschlichen. 1,7 Millionen Menschen hausen da zusammengepfercht auf 360 Quadratkilometern. Gaza ist ein Gefängnis, ein Lager - Israel brütet dort seine eigenen Gegner aus." Oder zweites Zitat: "Israel wird von islamischen Fundamentalisten in seiner Nachbarschaft bedroht, aber die Juden haben ihre eigenen Fundamentalisten, sie heißen nur anders: Ultraorthodoxe oder Haredim. Das ist keine kleine, zu vernachlässigende Splittergruppe - zehn Prozent der sieben Millionen Israelis zählen dazu. Benjamin Netanjahu hat in seinem Kabinett Mitglieder gleich dreier fundamentalistischer Parteien sitzen."

Augstein selbst sieht sich zu Unrecht diffamiert, erhält Unterstützung wie Gegenwind von Kollegen und aus der Politik. Und nachdem wir gestern mit dem Antisemitismusforscher Klaus Holz gesprochen haben, wollen wir heute mit Salomon Korn reden, dem Vizepräsidenten des Zentralrates der Juden in Deutschland. Herr Korn, ich grüße Sie!

Salomon Korn: Guten Morgen!

von Billerbeck: Ist es antisemitisch oder, wie es in der "Zeit" stand, eine triviale Erkenntnis, wenn Augstein schreibt, Israel brüte in Gaza seine eigenen Gegner aus?

Korn: Na gut, das mit dem Antisemitismus ist natürlich, wenn man so will, eine Definition mit fließenden Grenzen, also der Antisemitismus lässt sich ganz selten ganz klar definieren. Und bei Augstein ist es ganz ähnlich: Er beschreibt eine Situation in Gaza, die möglicherweise zutreffend ist, aber aus meiner Sicht die Dinge nicht genau trifft. Und das löst natürlich auf jüdischer Seite, löst das Empfindlichkeiten aus, weil man eben, ja, empfindlich geworden ist durch die Geschichte und durch das, was in diesem Land einst passiert ist. Das wirkt nach bis in die dritte und vielleicht auch bis in die vierte Generation.

von Billerbeck: Trotzdem noch mal nachgefragt, Sie sagen ja, die Grenzen sind fließend, aber ist selbst eine zugespitzte Kritik gleich antisemitisch?

Korn: Nein, das zweifellos nicht, und ich kenne zwar Herrn Augstein jetzt nicht, weder persönlich noch in seinen Äußerungen - ich habe einiges von ihm gelesen, es war nicht sehr viel -, ich hatte nie den Eindruck, dass das, was er geschrieben hat, antisemitisch ist. Und auch jetzt, wenn die Kritik vielleicht überspitzt ist und man sich natürlich fragt, warum immer Israel kritisiert werden muss, warum nicht der Iran, Nordkorea, Russland oder andere despotische Staaten - ich meine, es dürfte wahrscheinlich nicht richtig sein, ihn als Antisemiten zu bezeichnen.

von Billerbeck: Klaus Holz, Antisemitismusforscher und Chef der Evangelischen Akademie in Deutschland, der hat gestern genau über diesen schmalen Grat zwischen Kritik an der Politik der israelischen Regierung und Antisemitismus Folgendes gesagt:

Klaus Holz: Er ist schmal, aber er wird vor allen Dingen auch dadurch so schmal gemacht, weil jeder auch nur kleine Fehltritt, der passiert - jeder Mensch macht irgendwie Fehler -, jeder kleine Fehltritt sofort in einer Weise skandalisiert wird, die eine etwas nüchterne Diskussion und Kritik untereinander eben extrem erschwert. Und das ist ja auch jetzt der vorliegende Fall: Anstatt Herrn Augstein - zu Recht, finde ich -, zu kritisieren, auch auf die Nähe, die er an manchen Stellen zum Antisemitismus hat, darauf hinzuweisen, zu insistieren, auch von ihm zu insistieren, zu fordern, dass er das sozusagen besser denkt, wird er sofort mit der Gestapo in eins gesetzt.

von Billerbeck: Ist das nicht zu viel? Tut das Simon Wiesenthal Center, leistet es sich damit nicht einen Bärendienst, wenn es da die große Keule herausholt?

Korn: Das war sicherlich nicht sehr klug vom Simon Wiesenthal Center, hier sich sozusagen in die Argumentation von Henryk Broder zu begeben. Gut, wir wissen, Henryk Broder ist jemand, der also nicht gerade mit dem Florett argumentiert, eher mit dem Säbel. Das macht er also oftmals sehr originell und manchmal auch treffsicher. Aber das Simon Wiesenthal Center hat hier offensichtlich nicht genügend recherchiert oder sich kundig gemacht, bevor es also das geäußert hat, und wahrscheinlich ist es hier doch ins Fahrwasser von Henryk Broder geraten und hat sich nicht seine eigene Meinung gebildet.

von Billerbeck: Aber warum zitiert man dann ausgerechnet Henryk M. Broder, der ja auf Deutsch gesagt hat, Augstein sei ein lupenreiner Antisemit, wo ja bei einem Deutschen ein anderes Zitat, nämlich vom lupenreinen Demokraten, klingelt? Oder zugespitzt gefragt: Ist man auch laut Simon Wiesenthal Center ein Antisemit, bloß wenn Henryk M. Broder einen dazu macht?

Korn: Ja, offensichtlich ist das Simon Wiesenthal Center also ziemlich weit weg sozusagen von der deutschen Wirklichkeit, und Henryk Broder hat nun mal einen Namen auch in der jüdischen Welt. Und ich glaube, dass das Simon Wiesenthal Center hier einfach Henryk Broder zu weit gefolgt ist, denn Henryk Broder schießt nun mal über das Ziel hinaus, er ist ein Polemiker, und er ist jemand, der stark überspitzt, dafür ist er auch bekannt. Man kann nicht immer alles wörtlich nehmen, was er sagt, und man kann auch nicht immer alles ernst nehmen, was er sagt. Es gehört sozusagen zu seinem Image, dass er das tut. Und das Simon Wiesenthal Center hätte besser daran getan, hier Broder nicht zu folgen oder zumindest sich selbst zu informieren, um sich dann ein Urteil zu bilden.

von Billerbeck: Trotzdem - das wissen Sie auch - wird man diesen Vorwurf, man sei Antisemit, den kann man schnell bekommen, und den wird man nur schwer los. Wo verläuft denn nun diese Grenze? Was darf ich sagen, was darf ich kritisieren an der israelischen Politik, beispielsweise an der Siedlungspolitik, was darf ich nicht sagen, was ist dann antisemitisch?

Korn: Also grundsätzlich gilt, dass man Israel immer mit den gleichen Maßstäben messen muss, wie man alle anderen demokratischen Staaten auch misst.

von Billerbeck: Auch wenn man Deutscher ist?

Korn: Auch wenn man Deutscher ist, selbstverständlich, obwohl es natürlich auf der deutschen Seite häufig so eine Art Schulddruckentlastungsabsicht oder Schulddruckentlastungsstrategien gibt, die Israel, wie Poljakow ja mal gesagt hat, den Juden oder den Staaten gerne Schuld zuweist, um dann die eigene Deutsche Geschichte oder den eigenen Druck, der auf der eigenen Generation lastet, über Eltern und Großeltern, zu entlasten. Also hier sind ganz feine Mechanismen am Werk, die nicht immer sozusagen rational erkennbar sind, sondern eben von der Absicht getragen, doch eine gewisse Entlastung der deutschen Geschichte zu bewirken.

von Billerbeck: Ich glaube, diesen Vorwurf müssen sich einige gefallen lassen, viele aber auch nicht, die ganz ernsthaft und eigentlich im Interesse Israels die israelische Politik kritisieren.

Korn: Ja, ich wiederhole, soweit das die gleichen Maßstäbe sind, die also an jeden demokratischen Staat gelegt werden, soweit ist es auch in Ordnung, dass Israel kritisiert wird, und Israel wird ja am heftigsten sozusagen im eigenen Land kritisiert, von den eigenen Leuten. Also insofern ist Israel sozusagen sehr wohl ein demokratischer Staat, einzig sozusagen in seiner Umgebung, und die Nachbarn - selbst die, die mit ihm Frieden geschlossen haben -, erkennen Israel faktisch nicht an. Es ist der kalte Frieden, und wir wissen ja nicht, wie das weitergeht mit den muslimischen Bruderschaften, wenn die erst mal an der Macht sind. Also Israel ist laufend in der Existenz gefährdet, und trotzdem ist es mit den Maßstäben zu messen, die wir an alle demokratischen Staaten anlegen.

von Billerbeck: Das heißt, man sollte diese Liste und auch diesen Vorwurf, Antisemit zu sein, der jetzt an Augstein gegangen ist, der aber auch immer wieder an andere gegangen ist, an Judith Butler beispielsweise, den sollte man einfach tiefer hängen?

Korn: Man sollte sie in der Tat tiefer hängen. Man darf nicht vergessen, dass der Antisemitismus in der Tat ein grundsätzlicher und schwerwiegender Vorwurf ist, und damit muss man natürlich vorsichtig umgehen, um ihn nicht zu inflationieren.

von Billerbeck: Das sagt Salomon Korn vom Zentralrat der Juden in Deutschland. Herzlichen Dank für das Gespräch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


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