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Studio 9 | Beitrag vom 07.12.2015

Antisemitismus"Einer hat mich angespuckt"

Von Sabine Adler

Eine junge Frau mit Kippa, ihr Hinterkopf ist zu sehen (picture-alliance / dpa / Britta Pedersen)
Einige Juden schützen sich vor Antisemitismus, indem sie nicht mit Kippa auf die Straße gehen. (picture-alliance / dpa / Britta Pedersen)

Eigentlich gilt in Deutschland Religionsfreiheit, aber Juden in Berlin gehen doch lieber ohne Kippa auf die Straße, da sie immer öfter attackiert und beleidigt werden. Mitglieder des jüdischen Sportvereins TuS Makkabi wurden bei Spielen zusammengeschlagen.

Leon Golzmann arbeitet in einem Hotel am Berliner Ku'damm. Er überwacht hier und in anderswo, ob Restaurants, die koscheres Essen anbieten, auch wirklich alle Regeln dafür einhalten. Zum Interview erscheint er wegen eines dringenden Auftrags nicht selbst, dafür kommt der Vater, Ischir Golzmann.

Mit Frau und Kindern durfte er 1973 die Sowjetunion verlassen, sie gingen nach 1973 nach Israel, später nach Deutschland. Seit 37 Jahren leben sie in Berlin. Ischir Golzmann trägt eine Kippa. Die beigefarbene Kappe fällt kaum auf seinem grauen Haar kaum auf, trotzdem hat er sie erst im Hotel aufgesetzt. Auf der Straße trägt er sie nicht. Von Angst mag der 70-Jährige nicht sprechen, von Sorgen schon.

"Wir hoffen, dass der Staat stark genug ist, um die Situation unter Kontrolle zu halten. Wir versammeln uns als Juden in der jüdischen Gemeinde und werden gut bewacht. Und auf der Straße sind wir so gut angepasst, dass man die meisten Juden nicht mehr erkennt. Wenn man wie ich ohne Kippa geht, denkt man das ich Türke bin oder so etwas. Aber mein Sohn, der Leon, ist ein prinzipieller Jude. Der geht in so einem Aufzug, dass man ihn schon von weitem als Jude erkennt. Aber der hat keine Angst."

Gefährliche Situationen auf dem Fußballplatz

Ischir Golzmann war Orchestermusiker: Klarinette, Saxofon, Blockflöte. Anfangs seien sie in jedes Klezmer-Konzert gegangen, aus lauter Heimweh.

Wie Ischir Golzmann trägt auch Leonard Kaminski die Kippa nicht auf der Straße. Aber einen Anstecker am Revers mit der deutschen und israelischen Flagge, denn der 28-jährige Politologe ist beim American Jewish Comitee. Täglich bekommt er für den Sticker böse Blicke.

Auf dem Fußballplatz ist es gefährlich. Der Politologe hat in dem einzigen jüdischen Sportverein, dem TuS Makkabi, eine Mannschaft gegründet, bestehend aus Juden, Muslimen, Christen, Atheisten.

Leonard Kaminski (l.) und Fabian Weißbarth vom jüdischen Sportverein TuS Makkabi (Privat)Leonard Kaminski (l.) und Fabian Weißbarth vom jüdischen Sportverein TuS Makkabi (Privat)

"Wir haben acht, neun Spiele gehabt, vielleicht auch mehr. Davon wurden zwei abgebrochen, weil wir antisemitisch beschimpft wurden, weil es zu Schlägereien kam. Das waren beide Male gegen Mannschaften, wo der Großteil einen nahöstlichen Migrationshintergrund hat. Dementsprechend wurde uns gesagt, wir werden abgestochen. 'Ihr Scheiß-Juden, nach dem Spiel werdet ihr es schon sehen.' Zwei meiner Teamkollegen haben auch wirklich was auf die Nase bekommen. Das heißt, wir haben mehr mit dem Sportgericht in Berlin zu tun, als wir Fußball spielen."

Veränderte Atmosphäre in der Hauptstadt

Yonatan Shay ist 28 Jahre alt, wie Leonard Kaminski, in dessen Organisation der Israeli gerade sein Deutschland-Praktikum macht. 2012 war er zum ersten Mal in Deutschland, den Unterschied zu heute findet er enorm.

"Für mich war das eine sehr angenehme Erfahrung, eine Pause von dem Nahoststress. Ich habe es einfach genossen, jeden Moment davon. Aber heute ist es ganz anders hier in Berlin."

In den zehn Monaten, die Yonatan Shay in Berlin ist, wurde er bereits vier Mal angegriffen.

"Ich bin aufgestanden von meinem Sitzplatz und sie haben mitgekriegt, dass ich Jude bin wegen meiner Kippa. Sie haben gerufen: 'Da ist ein Jude!' Und ich habe gesagt: 'Ja, ich bin ein Jude. Wir sind in Deutschland, kein Problem. Ich muss mich nicht verstecken.' Sie waren wütend und jagten mir nach. Bis zur Treppe. Da haben wir gestoppt. Ich habe gefragt, auf Deutsch: 'Was ist los? Das ist Deutschland. Die Leute bedrängen nicht Juden auf der Straße.' Aber sie haben gelacht. Sie haben kein Wort verstanden von dem, was ich gesagt habe. Wahrscheinlich Flüchtlinge."

"Einer hat mich angespuckt"

Neukölln und Kreuzberg sind für den jungen Israeli Bezirke, die er lieber meidet. Judith Kessler sah dafür bislang keinen Einlass. Doch das änderte sich im Sommer dieses Jahres. Ein warmer Tag, sie trug im Ausschnitt wie immer die Kette mit dem Davidstern, was einer Gruppe Jugendlicher missfiel.

"Das waren fünf junge Leute, die haben kurz vor mir gestoppt und dann fing einer an mit Judenschwein. Die anderen haben gelacht. Die fanden das witzig, lustig. Und einer hat mich angespuckt. Das war so widerlich, dass ich eine Stunde unter der Dusche stand. Okay, also das ist ein Erlebnis, was ich habe. Ich bin 56."

Yonatan Shay und Leonard Kaminski finden, dass Deutschland für Flüchtlinge offen bleiben muss, aber religiöse Toleranz offensiver einfordern sollte. Ishir Golzmann aus Russland beteiligt sich wie Judith Kessler auch persönlich an Hilfsaktionen, aktuell werden Kleidung und Schlafsäcke gesammelt für Pakete zu Weihnachten.

"Das machen wir jetzt eben. Wir waren selbst jahrhundertelang Flüchtlinge."

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