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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 03.02.2012

Anti-israelische Thesen unter deutschen Pfarrern

Kirchengemeinden debattieren über Israel und Palästina

Von Thomas Klatt

Israelische Flagge in der Westbank (AP)
Israelische Flagge in der Westbank (AP)

Im sogenannten Kairos-Dokument palästinensicher Christen wird Israel mit dem Apartheidsstaat Südafrika verglichen und zum Boykott israelischer Waren aufgerufen. Auch bei manchen christlichen Theologen in Deutschland stoßen diese Thesen auf Resonanz.

"In der Überzeugung, dass Gott Zitat uns als zwei Völker hierher gestellt hat, um den Hass zu überwinden und in dem anderen das Antlitz Gottes zu sehen. Liebe statt Rache, Kultur des Lebens. Sie plädieren dafür, sich einander besser kennenzulernen und Bildungsprogramme von Feindschaft zu entgiften."

Friedvolle Appelle von palästinensischen Christen. Pfarrer Michael Volkmann, in seiner württembergischen Kirche für den christlich-jüdischen Dialog zuständig, erläutert das sogenannte Kairos-Palästina-Dokument. Seit es vor gut drei Jahren mit Hilfe des Ökumenischen Rates der Kirchen weltweit bekannt gemacht wurde, wird die Israel-Palästina-Frage auch in deutschen Gemeinden zunehmend mehr diskutiert. Das Kairos-Dokument stelle aber im Grunde eine versteckte Ablehnung des Staates Israel dar, warnt Pfarrer Michael Volkmann.

"Sie beklagen die Mauer und die Checkpoints, ohne von Selbstmordattentaten zu reden, gegen die sie schützen sollen. Sie beklagen den Krieg in Gaza, ohne von den 10.000 Raketen zu sprechen, die von dort auf Israel abgefeuert wurden. Sie beklagen die Gefangenen, ohne nach deren Vergehen zu fragen. Israel erscheint als der ungerecht Handelnde, die Palästinenser als die Leidenden."

Israel wird mit dem Apartheidsstaat Südafrika verglichen und wie damals gegen Südafrika wird jetzt zum Boykott israelischer Waren aufgerufen. Im Deutschen Pfarrerblatt, immerhin von 20.000 evangelischen Theologen abonniert, wurden diese Thesen bereits aufgegriffen. Die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen ACK in Württemberg etwa unterstützt das palästinensische Kairos-Dokument in ihrer Arbeitshilfe.

"In dieser Arbeitshilfe werden das jüdische Volk mit den Vollstreckern der Shoa, also der SS verglichen und der Zionismus als krasses Apartheitssystem bezeichnet."

Deutsche Christen unterstützen also christlich-palästinensische Israelkritik, ja Feindschaft? Der Berliner Theologe Rolf Schieder erklärt dies mit der deutschen Scham gegenüber den Juden. Die Shoa sei längst Bestandteil der für alle Bürger geltenden Zivilreligion geworden. Die Deutschen wollten sich heute aber ihrer geschichtlichen Schuld entledigen.

"Antisemitismusforscher sprechen von einem neuen Typus des Schuldabwehrantisemitismus, gerade weil die Pflicht des Sicherinnernmüssens so schwer auf den Gewissen der Einzelnen lastet, sei verzweifelte Suche nach Entlastung ein sozialpolitisches Phänomen. Viele Deutsche sehen in der Kritik am Staat Israel und in ihrer Solidarität mit den Palästinensern eine ganz merkwürdige Entlastung."

Dabei stellt das Kairos-Dokument lediglich ein Impuls-Papier weniger palästinensischer Theologen dar, weit entfernt von den bis heute geltenden kirchlichen Bekenntnissen pro Israel. Nach wie vor ist der Beschluss der rheinischen Synode, die in der Existenz des Staates Israel ein Zeichen der Treue Gottes gegenüber seinem auserwählten Volk sieht, zumindest für die rheinischen Protestanten bindend, erläutert Präses Nikolaus Schneider.

"Die Errichtung des Staates Israel als Ausdruck des Überlebens des jüdischen Volkes nach der Shoa kann als Zeichen der Treue Gottes interpretiert werden, ohne den Staat Israel dadurch religiös zu überhöhen. Die zahlreichen Kritiker dieser Formulierung irren mit der Unterstellung, der Terminus Zeichen heißt eben nur Zeichen, der Beschluss wehrt sich gegen eine Eschatologisierung des Landes und des Staates Israel."

Israel ist für Schneider somit nicht das verheißene Land der Endzeit. Natürlich müsse man als Christ das Recht haben, die Politik Israels zu kritisieren. Nach dem ebenfalls für ihn geltenden Bekenntnis von Barmen aus dem Jahr 1934 habe jeder Staat die Aufgabe, in der noch nicht erlösten Welt für Recht und Frieden zu sorgen, und das gelte eben auch für Israel. Allein schon deshalb dürfe aber niemand das Existenzrecht Israels in Abrede stellen.

Für den jüdischstämmigen Journalisten Alan Posener steht die Solidarität der Christen mit Israel aber in Frage. So sei etwa die Aufnahme des Holocaust-Leugners Bischof Richard Williamson in die römisch-katholische Kirche nur die Spitze des Eisberges. Das Problem seien die hinter ihm stehenden Pius-Brüder.

"Es geht nicht um einen durchgeknallten britischen Bischof. Es geht um eine Sekte, die antijüdisch und antisemitisch war und ist. Sie ist ja eine Sekte, weil sie die Aussöhnung der Kirche im Zweiten Vatikanum ablehnt, die Versöhnung der Kirche mit dem Judentum."

In Deutschland werde aber oft übersehen, dass der Glaube für die meisten Israelis gar keine Rolle spiele. Auf Religion oder gar christliche Bekenntnisse will er sich wie die meisten Israelis nicht verlassen müssen.

"Nur geht es mir als Atheisten so und auch den meisten Juden in Israel, auf Gottes Treue zu seinem Volk gebe ich wenig. 2000 Jahre lang haben sich die Juden drauf verlassen und am Ende waren sie verlassen. Ich jedenfalls und die meisten israelischen Bürger verlassen sich eher auf die IDF, die Israeli Defense Forces und den Mossad. Der ganze Sinn eines Staates liegt doch darin, dass man sich zur Not wehren kann, wenn der all zu häufige Fall eintritt, dass sich Gott gerade nicht kümmern kann."

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