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Interview / Archiv | Beitrag vom 12.09.2012

Annette Schavan: Wer eine Ausbildung macht, ist kein sozialer Absteiger

Bundesbildungsministerin weist OECD-Kritik, dass Deutschland zu wenige Akademiker ausbilde, zurück

Jörg Degenhardt im Gespräch mit Annette Schavan

Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU)
Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) (picture alliance / dpa / Robert Schlesinger)

Berufliche Bildung und Hochschulbildung sind gleichwertig, betont Bildungsministerin Annette Schavan. Dass Ergebnis einer aktuellen OECD-Studie, nach der nur 20 Prozent der 25- bis 34-Jährigen in Deutschland einen höheren Bildungsabschluss als ihre Eltern erreichen, sieht sie daher kritisch.

Jörg Degenhardt: Du sollst es mal besser haben als wir – Eltern wünschen das ihren Kindern, und sie hatten dabei auch ganz oft deren Bildungschancen im Blick. Denn wer heute etwas werden will, der braucht gute Abschlüsse, eine gute Ausbildung. Bildung, Beschäftigung und Wohlstand sind eng miteinander verknüpft, hieß es gestern in Berlin, als eine neue Studie vorgestellt wurde, nach der es für deutsche Jugendliche im internationalen Vergleich schwerer ist, einen besseren Bildungsabschluss als ihre Eltern zu erreichen.

Über den Bericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung habe ich mit Anette Schavan gesprochen, der Bundesbildungsministerin. Nur 20 Prozent der 25- bis 34-Jährigen in Deutschland sind dem Bericht zufolge höher gebildet als ihre Eltern, im OECD-Schnitt sind es 37 Prozent. Also kann man sagen, ein sozialer Aufstieg mit besserer Bildung ist in Deutschland nach wie vor schwer?

Anette Schavan: Nein, das ist ein Vergleich in der OECD, der natürlich von sehr unterschiedlichem Niveau ausgeht. Wir haben, das sagt ein anderes Kapitel in der Studie, schon seit langem einen hohen Anteil derer, die einen höheren Bildungsabschluss haben. Der zweite Punkt: Wenn es um den höheren Bildungsabschluss geht, ist ein relevanter Anteil junger Leute, die sagen, ich gehe jetzt nicht studieren, ich mache eine Ausbildung. Und wir sind in Deutschland davon überzeugt, das ist gleichwertig, dafür haben wir uns in Europa eingesetzt, das steht im europäischen Qualifikationsrahmen, deshalb bleibt die Aufgabe – das steht immer – für Durchlässigkeit zu sorgen, dafür zu sorgen, dass gute Bildung möglich ist, höhere Bildungsabschlüsse erreicht werden, aber die Entscheidung für eine Ausbildung anstelle eines Studiums kann in unseren Augen nicht als Abstieg gewertet werden.

Degenhardt: Ich will gleich noch eine andere Studie mit ins Spiel bringen, auch ganz aktuell von der Vodafone Stiftung. Die hat ja herausgefunden, dass immer mehr Kinder aus bildungsfernen Familien studieren könnten, es aber nicht tun. Wie kann man das ändern?

Schavan: Sie entscheiden sich für eine Ausbildung. Sie entscheiden sich übrigens eventuell auch noch für einen dualen Studiengang. Und das ist keine falsche Entscheidung, sondern wer sich entscheidet, Optiker, Schreiner, Mechatroniker zu werden, entscheidet sich im Zweifelsfall für einen Weg hin zum Meister, in die Selbstständigkeit, schafft Arbeitsplätze, bildet aus.

Jahrzehntelang sagen wir, Gleichwertigkeit berufliche und allgemeine Bildung, das sollte auch in solchen Studien ernst genommen werden. Zumal gerade viele europäische Länder hochinteressiert daran sind, in ihren Ländern berufliche Bildung einzuführen, weil sie sagen, das ist ein guter Weg zur Bekämpfung von Jugendarbeitslosigkeit.

Degenhardt: Kann es vielleicht auch sein, dass manche Eltern, zumal aus Nicht-Akademiker-Haushalten, die Kosten eines Studiums fürchten?

Schavan: BAföG gibt eine gute Grundlage für die Studienfinanzierung, aber natürlich kann es sein, dass Eltern der Überzeugung sind, vielleicht ist eine Ausbildung etwas Konkreteres – auch das gibt es. Aber noch einmal, egal wie die Motive sind – übrigens gehen manche auch zunächst in die Ausbildung und dann ins Studium –, egal wie die Motive sind, wir sollten uns nicht beteiligen daran, berufliche Bildung minder zu bewerten gegenüber akademischer Bildung.

Degenhardt: Die SPD bewertet die eingangs zitierte OECD-Studie als Beleg dafür, dass Deutschland ein ungerechtes Bildungssystem habe. Da schwingt natürlich vielleicht auch schon ein bisschen Wahlkampf mit – ich will den Spieß mal umdrehen: Spielt denn die soziale Herkunft in Deutschland überhaupt keine Rolle mehr für eine Bildungskarriere?

Schavan: Die soziale Herkunft spielt noch eine Rolle. Wir arbeiten konsequent daran, das abzubauen, die OECD-Studie zeigt aber auch ganz deutlich, wo das schon sehr gut gelingt. Wir haben in allen Bereichen bessere Werte als früher, nehmen Sie nur das Ziel Halbierung der Schulabbrecherzahlen. Wir waren bei acht, wir sind jetzt bei 6,5 – der Weg ist vorgezeichnet. Wir haben einen Anteil von 96 Prozent Vierjähriger, die die Kindertagesstätte besuchen und damit auch die Bildungsangebote, die damit verbunden sind.

Wir haben einen weit überdurchschnittlichen Anteil höherer Bildungsabschlüsse und der Anteil derer, die ein Studium aufnehmen, sind von noch vor sieben Jahren 37 Prozent auf jetzt annähernd 50 Prozent gestiegen. Also die OECD-Studie zeigt doch gerade eine enorme Dynamik, und dann wiederholt sich eine Debatte, die wir jedes Jahr führen, solange ich denken kann: dass die OECD ausschließlich das allgemeinbildende Schulsystem sich anschaut, die Gleichwertigkeit der beruflichen Bildung nicht mit in die Bewertungen aufgenommen werden, und also immer der Eindruck entsteht, das sei eigentlich sozusagen der Plan B, wenn der Königsweg akademische Bildung nicht geht. Das sehen unsere Unternehmen und das sehen auch junge Leute anders. Und wir sollten das, was jetzt in Europa so gefragt ist, nicht in Deutschland kleinreden.

Degenhardt: Die Finanzkrise hat dem OECD-Bericht zufolge in den meisten Industriestaaten bislang nicht zu drastischen Einschnitten bei den Bildungsinvestitionen geführt. In Deutschland wenden Staat, Wirtschaft und Privatpersonen dem Bericht zufolge 5,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Bildung auf. Wann erreichen wir denn da den OECD-Schnitt von 6,2 Prozent?

Schavan: Die Bundesregierung hat ja vorgelegt mit plus 12 Milliarden in dieser Legislaturperiode, damit haben wir schon einen enormen Schub getan. Übrigens, bei Forschung sind wir in der europäischen Spitzengruppe, und ich bin davon überzeugt, dass wir es in den nächsten Jahren auch in diesem Bereich mit Dynamik weiterentwickeln.

Degenhardt: Was macht Sie da so sicher, gerade mit Blick auf die Euro-Finanzkrise?

Schavan: Die Tatsache, dass Deutschland sich entschieden hat, gerade in der Krise mehr für Bildung und Forschung zu investieren, das gilt besonders für den Bund – das gilt übrigens auch für die Wirtschaft –, und es gilt auch für die Länder, wenn Sie daran denken, dass Schülerzahlen zurückgehen, und ein Teil der Finanzen im System bleiben.

Degenhardt: Die Bundesbildungsministerin Anette Schavan und ihre Einschätzungen zum jüngsten OECD-Bildungsbericht, der für Deutschland Lobendes, aber auch Kritisches findet. Ich bedanke mich für das Gespräch!

Schavan: Gern geschehen!

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