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Buchkritik | Beitrag vom 12.01.2017

Anna Kim: Die große HeimkehrTour de Force durch die südkoreanische Geschichte

Von Katharina Borchardt

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(Cover: Suhrkamp Verlag)
(Cover: Suhrkamp Verlag)

Anna Kims neuer Roman erzählt eine komplexe Dreiecksgeschichte zwischen einer jungen Frau und zwei Männern, die im Südkorea der 60er-Jahre in den Strudel der großen Politik geraten. Die Lektüre ist ergreifend - fordert den Leser allerdings auch.

In "Die große Heimkehr", dem neuen Roman von Anna Kim, erzählt die in Südkorea geborene und in Österreich aufgewachsene Autorin von den für Südkorea politisch äußerst unruhigen Jahren um 1960. Damals trieben Massenproteste den von den Amerikanern eingesetzten Präsidenten Syngman Rhee aus dem Amt, und es putschte sich mit Park Chung-hee kurz darauf gleich der nächste Despot ins Amt.

Es ist eine literarische Tour de Force, die Anna Kim auf 550 Seiten unternimmt. Ihr 78-jähriger Erzähler heißt Yunho. Initiiert werden seine politisch grundierten Erinnerungen an jene Zeit durch den Besuch einer jungen Koreanerin, deren Vorname denjenigen der Autorin um einen Buchstaben erweitert.

Heimkehr nach Seoul

Hanna wurde als Kind von Deutschen adoptiert. Auf der Suche nach ihren leiblichen Eltern reist sie nach Seoul. Es ist auch der Versuch einer Heimkehr. Sie lernt den alten Yunho kennen. Regelmäßig treffen sich die beiden, und Yunho erzählt ihr von früher.

Es sind die politisch mehr als wirren und äußerst gefährlichen Jahre nach dem Ende der japanischen Kolonialherrschaft über Korea (1905-1945) und dem Korea-Krieg (1950-1953), die Yunhos Leben geprägt haben. Die beiden wichtigsten Menschen im Leben des damals jungen Mannes sind Johnny, mit dem er zusammen im südkoreanischen Nonsan aufwächst, und Eve, die er in Seoul kennenlernt.

Die südkoreanische Autorin Anna Kim (Imago / Rudolf Gigler)Die südkoreanische Autorin Anna Kim (Imago / Rudolf Gigler)

Eve ist Johnnys Freundin, aber auch mit Yunho hat sie ein Verhältnis. Außerdem besitzt sie eine Schwäche für GIs, die allerorten anzutreffen sind.

Die Trennung des Südens vom Norden ist noch frisch. Deshalb herrscht eine enorme Unruhe innerhalb der Bevölkerung: Manch einer ist kriegsbedingt auf der falschen Seite der Grenze gelandet und kann nicht mehr zurück.

Demonstrationen, Straßenschlachten, Grabenkämpfe

Demonstrationen und Straßenschlachten prägen den Alltag ebenso wie ideologische Grabenkämpfe. Die einen rekrutieren heimlich Agenten für den kommunistischen Norden, die anderen unterstützen Syngman Rhee und verpfeifen jeden, der ihnen verdächtig erscheint.

Auch Yunho, Johnny und Eve geraten in die politischen Strudel und müssen sich, nachdem Johnny einen Rhee-Anhänger erschlagen hat, nach Japan absetzen. Nur ein Jahr später sind die Freunde in alle Welt zerstreut, und es hat jeder jeden mindestens einmal verraten oder für seine persönlichen oder politischen Zwecke missbraucht. "Die große Heimkehr" ist für sie mehr Sehnsucht als Realität.

Anna Kim hat eine spannende und sehr komplexe Geschichte vorgelegt, die sie in einer äußerst aufgeheizten politischen Periode der an Aufregungen nicht eben armen jüngeren koreanischen Geschichte situiert. Ihr Roman fordert dem Leser einiges an Durchhaltevermögen ab, gleitet Yunhos Geschichte doch oft aus der Sphäre privater Erinnerungen hinüber ins gründlich Recherchierte und überpersönlich Essayistische.

Wer lange reflektierende Passagen über koreanische Geschichte goutieren kann, findet in diesen Roman eine fordernde, aber auch ergreifende Lektüre.

Anna Kim: Die große Heimkehr
Suhrkamp Verlag, Berlin 2016
556 Seiten, 24 Euro

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