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Filme der Woche / Archiv | Beitrag vom 05.12.2012

"Anna Karenina"

Joe Wright begeistert mit atmosphärischem Unterhaltungskino

Von Hans-Ulrich Pönack

Keira Knightley spielt Anna Karenina. (Universal Pictures)
Keira Knightley spielt Anna Karenina. (Universal Pictures)

Regisseur Joe Wright setzt die Geschichte der verheirateten Anna Karenina, die an der Beziehung zu ihrem Liebhaber und der daraus resultierenden gesellschaftlichen Ächtung zerbricht, theatralisch und lustvoll. Jude Law und Keira Knightley überzeugen in den Hauptrollen.

Es wird "Oscars” regnen für diese geniale, außergewöhnlich bewegungsintensive, tänzerische, schwingende, atemberaubend theatralische, lustvolle Choreographie. In einer opulenten Ballsaal-Verführung, die von einzigartiger diskreter Kamera-Brillanz leuchtet, als spektakulärer Schauwert glänzt, mit einem herrlich die Augen füllenden Licht und Design aufwartet. Das die Kostüme einzigartig ,"maßlos" erscheinen lässt. Passend zu diesen ungewöhnlichen atmosphärischen Bewegungen, die den Begriff und Zustand "Tanzen" ganz einzigartig neu definieren. Die gesamte Musikalität hier ist verblüffend, prächtig, exquisit. Von herrlicher Präsenz.

Die Geschichte von Leo Tolstoi sollte bekannt sein, erzählt von einer attraktiven, liebevollen, verheirateten Bürgerfrau und Mutter, die im Russland von 1874 die feine bigotte Gesellschaft "erschüttert", indem sie ihren "außerehelichen Gefühlen" freien Lauf lässt.

Die Hauptbeteiligten: Anna Karenina (Keira Knightley), sympathische, folgende Ehefrau des höheren Beamten Alexej Karenin (Jude Law) Sie verlässt kurz die heimischen Gefilde, um die Ehe ihres Bruders, Fürst Oblonski, mit Dolly zu retten. Dabei begegnet sie dem jungen Kavallerie-Offizier Alexej Wronski (Aaron Taylor-Johnson). und nichts ist fortan wie vorher. Zwischen beiden entflammt ein großes leidenschaftlich-erotisches Feuer, das nicht mehr gelöscht werden kann. Erst zerbricht Annas Ehe , dann Stück für Stück sie selbst - weil es sich kaum leben lässt, so geächtet von der unmittelbaren Umgebung, so hin-und hergerissen zwischen der Liebe zum Sohn und der großen Leidenschaft zu Wronski, aus der eine kleine Tochter entsteht.

Der Regisseur Joe Wright, geboren 1972 in London,wurde bekannt mit seinen Literaturverfilmungen von Jane Austens "Stolz und Vorurteil" (2006) und Ian McEwan's "Abbitte". Danach versuchte er sich 2009 an seinem ersten Hollywood-Abenteuer, "Der Solist", die sensible Biographie über den an Schizophrenie erkranken amerikanischen Cello- und Violinvirtuosen Nathaniel Ayers (Jamie Foxx). Zuletzt schuf er 2010 das Action-Epos "Wer ist Hanna?", die Story um eine 14-jährige Killerin. Bei seinem neuen Leinwandwerk vermischt Joe Wright die Grenzen zwischen Bühne und Film. Überschwemmt die Szenarien, indem er sie öffnet, zusammenbindet, mit- wie ineinander bewegt. Als eine großräumige charmante Künstlichkeit,schwelgerisch wie ironisch lächelnd überhöht und permanent fließend. Als einen fiebrigen, feurigen Taumel, dem man "angetörnt", fasziniert, gerne zuschaut.

Die Außenwirkung dieser neuen "Anna Karenina"-Adaption ist enorm. "Innen" dagegen kann dieser rauschende, berauschende Taumel nicht mithalten. Was nicht an "Anna", also der einmal mehr köstlichen 27-jährigen Keira Knightley, liegt, die hier - nach "Stolz und Vorurteil" und "Abbitte" - bereits zum dritten Mal mit Joe Wright zusammenarbeitet.

"Wronski" dagegen wirkt fehlbesetzt. Aaron Taylor-Johnson, vor einiger Zeit formidabel der junge John Lennon in "Nowhere Boy", zeigt sich als schmuckloser weißer Anzugträger. Sein Wronski wirkt, pardon, wie ein bemühter Lackaffe, dessen erotische Ausstrahlung an einen künstlichen Blumenstrauß erinnert. Eine glatte Fehlbesetzung. Ganz und gar nicht fehlbesetzt ist dagegen Jude Law als Annas "anständiger" Gatte. Wie Jude Law diesen von seinen emotionalen Fesseln eingeengten Großbürgerlichen ausstellt, der sich am Beruf "austobt", um für "Zuhause" weniger Kräfte aufwenden zu müssen, ist exorbitant. Die charakterliche Maskerade in Rein-, also Selbstunterdrückungskultur. Von Laws herrlich vertrocknetem, gefühlsignorantem Hochbeamten hätte ich gerne mehr genossen als von diesem platten Burschen-Liebhaber Wronski. Doch erstaunlicherweise vermag die missglückte Besetzung der männlichen Hauptfigur nicht den Insgesamt-Genuß ganz schmälern: Denn dieser neue "Anna Karenina"-Film bietet zuviel von dieser die Sinne packenden, die "beweglichen" Standorte so faszinierend zerpflückenden, bewegenden Augenschmaus-Performance, als dass ein "lächerlicher Zwerg" wie dieser Lover Wronski dies zerstören könnte. Regisseur Joe Wright verbleibt im atmosphärischen Unterhaltungskino-Rennen.

GB/Fr 2011/2012; Darsteller: Keira Knightley, Jude Law, Aaron Taylor-Johnson; 130 Minuten, Altersfreigabe: ab 12 Jahren

Filmhomepage "Anna Karenina"

Weitere Informationen von dradio.de:

Opulenter Bilderrausch - Filmemacher Joe Wright geht mit "Anna Karenina" neue Wege

Morgendämmerung der Emanzipation - Leo Tolstoi: "Familienglück", Dörlemann Verlag, Zürich 2011, 190 Seiten

Der Horror-Hof - Michael Thalheimer inszeniert Tolstois "Macht der Finsternis" an der Schaubühne in Berlin

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