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Lesart / Archiv | Beitrag vom 30.03.2008

Anlagen zum Kultbuch

Jana Hensel und Elisabeth Raether: "Neue Deutsche Mädchen"

Rezensiert von Cora Stephan

Frauen im Fitness-Studio. (AP)
Frauen im Fitness-Studio. (AP)

Jede Generation behauptet ihre eigene exklusive Deutungsmacht. Und dazu gehören Selbstverständigungsbücher wie "Neue Deutsche Mädchen". Es ist uneitel und detailfreudig geschrieben und wartet mit den Erfahrungen einer Generation auf, die in einer besonderen Zeit jung war: in der Wendezeit.

"Auf eine gewisse Art finde ich es noch immer toll, dass Alice Schwarzer und ihre Mitstreiterinnen begonnen haben, für die Gleichheit der Geschlechter zu kämpfen, aber mehr als das, was sie bis jetzt erreicht hat, wird diese Generation nicht erreichen. Die Zeit hat sie eingeholt, ihre Rhetorik ist oll, Alice Schwarzer und ihre Frauen sind Historie geworden. ... Ihre Sache ist ihnen entglitten."

Alles klar - neue Mädchen braucht das Land. Deshalb heißt ja auch das Buch von Jana Hensel und Elisabeth Raether so, nein, es heißt "Neue deutsche Mädchen", weil auch das deutsche daran von Bedeutung ist: Jana Hensel, geboren 1976 in Leipzig, hat mit "Zonenkindern" vor sechs Jahren einen Bestseller gelandet, und Elisabeth Raether, geboren 1979 in Heidelberg, ist sozusagen ihr westdeutsches Pendant.

Um es vorweg zu sagen: Die Abrechnung mit "Alice Schwarzer und ihren Frauen" gerät erfreulich kurz, wofür Frau besonders dankbar ist, wenn sie nicht zur Gefolgschaft Alice Schwarzers gehört und deshalb hoffen darf, keine olle Historie zu sein. Die beiden neuen deutschen Mädchen werden es nicht gerne hören, aber sie haben genauso wie ihre älteren Geschlechtsgenossinnen erst entdeckt, dass sie eine Frau sind - nämlich durch den herabsetzenden Blick der männlichen Kollegen. Dafür braucht es keine der exotischeren Unterdrückungsmechanismen, wie sie die "olle Rhetorik" der Schwarzerschen Frauenbewegung beschwor.

Jana Hensel / Elisabeth Raether: Neue deutsche Mädchen (Rowohlt Verlag)Jana Hensel / Elisabeth Raether: Neue deutsche Mädchen. (Rowohlt Verlag)Egal: Noch jede Generation entdeckt sich neu und behauptet die eigene, exklusive Deutungsmacht. Und dazu gehören Selbstverständigungsbücher wie dieses hier, das überdies den Vorzug hat, uneitel und detailfreudig geschrieben zu sein und mit den Erfahrungen einer Generation aufwartet, die in einer besonderen Zeit jung war: in der Wendezeit, in einer Zeit des Umbruchs, wie sie besser nicht passen könnte zu jungen Menschen, die glauben, das Leben ganz neu erfahren und erfinden zu können.

Etwa im Berlin nach der Wende: "Noch immer kann ich sie riechen, die Luft meiner ersten Tage in Berlin. Fast zehn Jahre ist das her. ... Ich befand mich auf einer Schwelle, einem Übergang."

In diesem traumverlorenen Zustand begegnete und verließ man sich wieder, in Liebesaffären, die nicht berührten und nicht glücklich machten und in deren Verlauf Elisabeth Raether entdeckt, dass sie nicht lieben möchte wie ein Mann - nämlich befreit von großen Gefühlen - und Jana Hensel, dass Berliner Nächte ohne Träume langweilig sind:

"Im Rückblick werden es Jahre der sozialen Illusion gewesen. Der Westen traf, vom Wohlstand verwöhnt, auf die ehemalige Hauptstadt der DDR, die trotz ihrer Wucht und Größe porös und wund genug war, alles in sich aufzunehmen und aufzusaugen wie ein Schwamm. An diesem noch offenen, undefinierten Ort sind wir (.. ) einander begegnet. Diese Zeit ist vorüber. Das Leben hat sich aus den Hinterhöfen in die Schaufenster verlagert. (...) niemand trägt mehr ein uneingelöstes Versprechen mit sich herum."

Schöner und schwermütiger kann man den Abschied von einer Jugend kaum formulieren, die mit den wilden Jahren in der neuen gesamtdeutschen Hauptstadt das Glück eines undefinierten Raums erlebt hat.

Und dennoch sind die Kapitel spannender, in denen beide Autorinnen über ihre Herkunft räsonieren, über die Mütter und Väter, über das eigene Familienbild. Weit bemerkenswerter als jedes Bemühen um die Abgrenzung von der alten Frauenbewegung ist die Vorsicht und die Zärtlichkeit, mit denen beide Autorinnen sich den Lebensentwürfen ihrer Eltern, vor allem ihrer Mütter nähern.

"Seit kurzem erst fragen wir uns, unter welchen gesellschaftlichen Voraussetzungen eine Frau Mutter sein kann, ohne sich in unzeitgemäße Abhängigkeitsverhältnisse zu begeben ohne ihre eigenen Ideen, ihre Leidenschaften aufzugeben - so wie es für Väter immer schon ganz selbstverständlich war","

schreibt Elisabeth Raither, ohne Vorwurf und ohne jenen Zorn auf das Patriarchat, der dem feministischen Projekt vor 30 Jahren einen etwas hysterischen Schwung gegeben hat. Ihr melancholischer Schluss: "Es ist schwieriger geworden, von der Liebe zu träumen", auf die man doch hofft, wenn man auf das Gelingen eines gemeinsamen Lebensentwurfs setzt.

Jana Hensels Bericht über ihre ostdeutsche Kindheit klingt ähnlich melancholisch, insbesondere dann, wenn sie den Preis einer Freiheit benennt, die das beständige Neuerfinden des Lebens zu fordern scheint:

""Ich bilde mir ein, in den siebziger und achtziger Jahren habe in jenem anderen, gescheiterten System jeder seinen Platz gehabt. Betrachte ich dagegen meinen unübersichtlich kleinen, nur nach eigenen Maßstäben entworfenen Alltag, der in einer Gegenwart statt findet, die mir oft ziellos erscheint, und der sich jeden Tag mit allen nur denkbaren Optionen vor mir aufrichtet, dann beneide ich meine Mutter um jenen Zustand von Alternativlosigkeit, um den man normalerweise niemand beneidet."

Die Gleichberechtigung in der DDR hat den Unterschied zwischen Mann und Frau ignoriert, während Alice Schwarzers Feminismus die Frauen auf ihre weibliche Opferrolle reduziert habe. Fazit: "Wir müssen von vorn beginnen." Wie, um es noch einmal zu sagen, wohl jede Generation der immer wieder neuen deutschen Mädchen.

Womöglich ist es ja das, was man früher Reife nennt, was einen aus diesen Texten anweht. Passend wäre auch das Wort Abschied - die Autorinnen verabschieden sich ohne Trotz und radikale Gesänge von der Unbestimmtheit der Jugend und suchen Festigkeit in neuen Rollen und Strukturen. Sie leben Normalität, eine Existenz, die kein exzentrisches Drama von Unterdrückung und Befreiung bereithält, und damit zwar weniger Hysterie, aber auch weniger Abenteuer und weniger Spannung verspricht. Daher die Melancholie? Egal - es scheint die bessere Wahl zu sein.

Es ist genau dieser Ton, der das Buch zu einem Kultbuch machen könnte: die sanfte Trauer, mit der man erwachsen wird und die Grenzen wie die Wahrheit der Liebe erfährt.

"Es wird nämlich so sein, dass die meisten Frauen sich ihre Wünsche selbst erfüllen: Sie bitten den Mann um seine Meinung und bezahlen am Ende ihren Schmuck selbst."


Jana Hensel und Elisabeth Raether: Neue Deutsche Mädchen
Rowohlt Verlag
Reinbek bei Hamburg 2008

Lesart

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