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Interview / Archiv | Beitrag vom 27.12.2010

Anhaltende Krisen geraten aus Blickfeld

Konfliktforscher erinnert an vergessene Kriege

Hans J. Giessmann im Gespräch mit Gabi Wuttke

Flüchtlingslager in Sri Lanka. (AP)
Flüchtlingslager in Sri Lanka. (AP)

Konflikte wie in Tschetschenien, Kaschmir oder Sri Lanka würden kaum noch wahrgenommen, sagt der Konfliktforscher Hans J. Giessmann. Dies sei weniger den Medien anzulasten, sondern werde vor allem von politischen Interessen gesteuert.

Gabi Wuttke: Die gute Nachricht: In diesem Jahr wurden so wenige Kriege gezählt wie seit 1993 nicht mehr. Die schlechte Nachricht: Die Welt ist trotzdem nicht friedlicher geworden. Über 30 Kriege und Konflikte zählte die Forschung 2010. Afghanistan, Irak, ja klar, aber was ist anderswo los, was Krieg genannt werden muss. Wissen wir nicht oder haben wir vergessen? Um das zu erörtern, ist Professor Hans J. Giessmann am Telefon, er ist der Forschungsdirektor der Berghof-Stiftung für Konfliktforschung. Guten Morgen!

Hans J. Giessmann: Guten Morgen!

Wuttke: Warum ist es nicht nur für die Politik, sondern auch für die Forschung wichtig, zwischen Konflikten und Kriegen zu unterscheiden?

Gießmann: Konflikte sind zunächst erst mal ja nicht etwas unbedingt Negatives. Konflikte drücken Spannungen aus zwischen Akteuren, aber sie sind zugleich auch notwendig, um Entwicklungen nach vorne zu bringen. Dass sie oft nicht gewaltfrei ausgetragen werden, das macht sie erst zum eigentlichen Problem. Und wenn wir über Kriege reden oder über kriegerische Konflikte, dann sind dies solche, bei denen die Akteure glauben, dass sie nicht mit anderen Mitteln als mit bewaffneten ihre eigenen Interessen gegenüber dem anderen durchsetzen können.

Wuttke: Welche Kriege oder kriegerischen Konflikte fielen in diesem Jahr unter den Tisch vor allem der öffentlichen Wahrnehmung?

Giessmann: Es gibt eine ganze Reihe von kriegerischen Konflikten, die nicht mehr oder gar nicht wahrgenommen werden. Nicht mehr, dazu gehört vielleicht der Tschetschenien-Konflikt, der ja nicht bereinigt ist. Es handelt sich hier um einen ethnopolitischen Konflikt mit sehr starken religiösen Bezügen, auch mit sezessionistischen Zügen, das heißt also, es handelt sich hier um eine Gruppe, die versucht, sich von einem größeren Staat abzuspalten. Und dieser Konflikt ist seit 1993 in mehreren Kriegen eskaliert und mit machtpolitischen Mitteln aus Moskau gesteuert bereinigt worden, aber er ist natürlich nicht zu Ende. Ein anderer Konflikt, der seit zwei Jahren völlig vom Radar verschwunden ist, das ist der Kaschmir-Konflikt, der auch immer wieder auch zu Eskalationen führt – und wir dürfen nicht vergessen, hier handelt es sich auch um einen ethnopolitischen und religiös aufgeheizten Konflikt zwischen zwei Atommächten. Und schließlich einen dritten zu nennen, der Konflikt um den nordöstlichen Teil Sri Lankas betreffend, in dem also vor anderthalb Jahren die tamilische Rebellenorganisation – die Befreiungstiger, LTTE – niedergeschlagen worden sind. Aber auch dieser Konflikt ist im Grunde genommen nicht zu Ende, auch wenn er in der Öffentlichkeit nicht mehr stattfindet.

Wuttke: Und warum und wie erklären Sie das, dass das vom Radar verschwunden ist?

Giessmann: Na ja, die öffentliche Meinung ist natürlich vor allem daran interessiert, Konflikte zu beobachten, die entweder die eigenen Herzen berühren oder an denen auch eigene Bürger beteiligt sind – denken Sie beispielsweise zurück an Terroranschläge, die stattgefunden haben auf Bali oder in Djerba, das waren Touristenzentren, in denen auch deutsche Urlauber oft weilen. Solche Spannungen berühren natürlich mehr – oder auch gerade jetzt Afghanistan, wo deutsche Soldaten über Weihnachten und Silvester vor Ort stehen und wo gesagt wird, dass sie eben daran beteiligt sind, unsere eigenen Interessen oder unsere eigene Sicherheit mit zu verteidigen. Das sind Dinge, die die Menschen mehr bewegen und mehr berühren. Konflikte, die über einen langen Zeitraum anhalten, die geraten dann eher aus dem Blickfeld. Konflikte, die weit weg sind und bei denen scheinbar keine unmittelbaren Eigeninteressen berührt sind, die werden dann viel weniger wahrgenommen.

Wuttke: Nun sind wir ja als Medien sozusagen die Filter, um der Öffentlichkeit klarzumachen, was wo auf der Welt vor sich geht. Das, was Sie gerade erklärt haben, hängen Sie das sozusagen vor allem an der Medienberichterstattung fest oder hat das auf der anderen Seite auch was damit zu tun, wie Politik öffentlich dargestellt wird und was auf der anderen Seite wiederum praktische Politik ist?

Giessmann: Na ja, es kommen natürlich mehrere Punkte zusammen – ich würde nicht als Erstes die Medien schelten. Das, worüber wir hier reden, das hat doch eher was mit den politischen Interessen zu tun und auch der Aufmerksamkeit, die die politische Öffentlichkeit, der Staat, die Regierung, die Parteien bestimmten Konflikten zuwenden oder eben auch nicht zuwenden. Es gibt ganz unterschiedliche Interessen von Regierungen, sich an Konflikten zu beteiligen beziehungsweise eine Position zu beziehen, aber in anderen Fällen eben auch eine Position gerade nicht zu beziehen aus bestimmten Interessen. Also beispielsweise ein Land, das ökonomisch für die Bundesrepublik ausgesprochen wichtig ist, wie eben Afghanistan als Transitland natürlich auch von bestimmten Waren – Afghanistan gilt als sozusagen der Drogenursprungsort der Welt. Hier Stabilität herzustellen, die verhindert, dass Drogen nach Europa gespült werden, das ist ein starkes politisches Interesse, während andere Konflikte, im südlichen Afrika beispielsweise, die sehr lokal begrenzt sind, bei denen es sich ja um bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen in den Ländern handelt, dann eher nicht so politisch interessant sind. Wer spricht heute davon, dass sich also in Somalia beispielsweise Stammeskrieger nach wie vor bekämpfen? Oder auch selbst solche Regionen, in denen internationale Missionen sich befinden, wie Darfur, sind eigentlich aus der öffentlichen Aufmerksamkeit fast völlig verschwunden.

Wuttke: Von daher wären Sie also eigentlich in ihrer Position dankbar, wenn WikiLeaks auch über vergessene Kriege berichten würde, wenn es da Veröffentlichungen gäbe, die den Finger wieder in die Wunde legen, die Themen aufzeigt, die wir vergessen zu haben scheinen?

Giessmann: Oh ja, ich glaube, dass es schon wichtig ist, dass es solche Plattformen gibt, die auch die öffentliche Aufmerksamkeit wachrütteln und auf einige richten, die ganz bewusst zum Teil aus der politischen Kommunikation ausgegrenzt werden. Ob das jetzt WikiLeaks ist, das will ich mal dahingestellt lassen, aber es sind oft Nichtregierungsorganisationen, die unbequeme Wahrheiten ans Licht holen und die auch in die Öffentlichkeit einstellen und die Politik auch daran erinnern, dass sie eine Verantwortung trägt, die sich nicht nur auf jene Bereiche erstrecken darf, die von unmittelbarem strategischen Interesse für das jeweilige Land, die jeweilige Regierung sind, sondern dass es hier auch eine politische und eine moralische Verantwortung gibt, die sich nicht teilen lässt.

Wuttke: Warum Kriege auch im Jahr 2010 vergessen blieben und was man dagegen tun könnte. Da zum Interview der "Ortszeit" von Deutschlandradio Kultur Professor Hans J. Giessmann von der Berghof-Stiftung für Konfliktforschung. Ich danke Ihnen sehr und wünsche Ihnen einen schönen Tag.

Giessmann: Danke schön!

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