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Religionen / Archiv | Beitrag vom 23.06.2012

Anhalt festhalten

Wie eine kleine Landeskirche die Erinnerung einer Region wach hält

Von Susanne Arlt

Die Kirche St. Jakob zu Köthen in Anhalt, pardon, Sachsen-Anhalt
Die Kirche St. Jakob zu Köthen in Anhalt, pardon, Sachsen-Anhalt (Stadt Köthen/ Steinbiß)

Die Landeskirche Anhalt ist die kleinste in Deutschland. Sie ist die einzige Institution, die noch die alten Grenzen der Grafschaft Anhalt vertritt. Eine Fusion mit der Evangelischen Kirche Mitteldeutschland hat man ausgeschlossen und macht sich stattdessen Gedanken, wie die Identität Anhalts wieder zurück gewonnen werden kann.

"Und was wird hier beworben? Alles was die Landeskirche angeht und überhaupt?"

Der Landwirt Markus Jacobs steht in Ballenstedt auf dem Schlossplatz vor dem Infostand der Evangelischen Landeskirche Anhalts. Auf dem mit einem lila Tuch bedeckten Tisch liegen Broschüren, die über den Kirchentag informieren. CDs mit Orgelmusik aus anhaltischen Dorfkirchen werden zum Verkauf angeboten. Auf einem Hocker steht ein geflochtener Korb - die Spendenbox. Markus Jacobs holt 20 Euro aus seinem Portemonnaie, legt sie in den Korb. Johannes Killyen, Pressesprecher der Anhaltischen Landeskirche, bedankt sich, greift in einen Plastiksack.

"Sie brauchen, wenn Sie schon so schön gespendet haben, unbedingt einen Schal ... den nehme ich wohl, ja."

… antwortet Markus Jacobs und legt sich den schmalen, hellblauen Schal um den Hals. Die Farbe soll die Nähe zum Himmel andeuten. Der Pressesprecher steht schon seit dem Vormittag hinter dem Infostand. Mit der Resonanz ist er bislang zufrieden.

"Wir wollen informieren über die Kirche. Und dann natürlich Menschen interessieren für das, wer wir sind und was wir tun und wenn sie es noch nicht tun, sich näher mit der Landeskirche und dem Christ sein beschäftigen."

Ginge es nach dem Willen der Evangelischen Landeskirche Anhalts, könnten es gewiss ein paar Menschen mehr sein. 43.000 evangelische Gemeindeglieder leben in Anhalt. Das entspricht fünfzehn Prozent der Bewohner. Der Kirchentag soll darum auch Menschen anlocken, die keinen Bezug zur Landeskirche haben. Markus Jacobs ist Mitglied der Evangelischen Landeskirche Anhalts. Der 38-jährige Landwirt stammt aus einem Dorf in Ostwestfalen. Vor zehn Jahre ist er mit seiner Familie nach Ballenstedt gezogen, um den Hof seines Vaters zu übernehmen.

"Aus dem Westen kennt man ja die Volkskirche, also es ist normal, dass jeder in der Kirche ist. Und grad in dörflichen Gemeinschaften ist es komisch, wenn jemand nicht in der Kirche ist. Und hier ist es ja andersrum. Wenn man hier in der Kirche ist, ist man ein Stück weit komisch und das ist schon eine Umstellung. Aber ich merke eigentlich, dass die, die dann hier in der Kirche sind, auch mit relativ großer Überzeugung in der Kirche sind. Von daher ist es eine andere Erfahrung, die aber nicht unbedingt negativer ist."

Das Gebiet der Evangelischen Landeskirche Anhalts liegt zwischen Harz und Fläming, erstreckt sich von West nach Ost. Elbe, Mulde und Saale fließen durch das ehemalige Fürstentum Anhalt, das vor 800 Jahren gegründet wurde. Heute vertritt nur noch die Landeskirche die Grenzen der alten Grafschaft. Nachdem vor drei Jahren die Thüringer Kirche und die Kirchenprovinz Sachsen zur Evangelischen Kirche Mitteldeutschland EKM zusammengeschlossen wurden, geriet auch die anhaltische Landeskirche unter Fusionsdruck. So ist es kein Zufall, dass der diesjährige Kirchentagskongress unter dem Motto steht: "Wie groß soll eine Kirche sein?".

"Wir sind als Landeskirche auch in Anhalt sehr wohl in der Lage, nicht nur unsere Aufgabe zu erfüllen, sondern auch darüber hinaus tätig zu sein. Wir sind in der Lage, das hoffe ich sehr, zu wachsen. Und sofern wir dann irgendwann unabhängig sind von finanziellen Transferleistungen, dann glaube ich stellt sich die Frage für Anhalt nicht mehr, sondern wir führen den Nachweis, auch diese Größe hat in Deutschland eine Chance, oder, um es etwas frommer zu sagen steht unter der Verheißung Gottes, was unzweifelhaft ist."

Joachim Liebig hat vor dreieinhalb Jahren sein Amt als Kirchenpräsident angetreten. Eine Fusion mit der EKM hält er für wenig sinnvoll. Der gebürtige Niedersachse begründet dies unter anderem mit der Geschichte Anhalts, die ihn tief beeindruckt hat.

Das Fürstentum und spätere Herzogtum war für kriegerische Unternehmungen viel zu klein. Die Fürsten setzten stattdessen auf die Förderung von Bildung, Musik und Medizin. In Köthen beispielsweise konnte Samuel Hahnemann die Homöopathie begründen, Johann Sebastian Bach komponierte dort seine wichtigsten Werke. In Dessau-Wörlitz schuf der aufgeklärte Fürst Franz ein wunderschönes Gartenreich, das er für jedermann öffnete. Aufgrund der Erbfolge wurde das Land im Laufe der Jahrhunderte immer wieder in mehrere Kleinstaaten aufgeteilt. Was allerdings kein Nachteil gewesen sei, meint Kirchenpräsident Joachim Liebig.

"Diese Kleinteiligkeit nach meinem Dafürhalten führte zu einer internen Konkurrenz. Damit wurden diese Mittel konzentriert in einer innovativen Weise, die beispielsweise die Reformation hier bei uns in Anhalt in sehr früher Zeit, 1522 folgende, in besonderer Weise voran getragen hat."

Vor anderthalb Jahren hat der Kirchenpräsident die Stiftung "Evangelisches Anhalt" ins Leben gerufen. Ziel sei es, der Region ein Stück ihrer verloren gegangenen Identität zurückzugeben. In den 50er-Jahren hatte die Kirche noch knapp 300.000 Gemeindeglieder. Liebig hofft, eines Tages an alte Zeiten wieder anknüpfen zu können. Dazu müsse die Kirche die Menschen hier mit unorthodoxen Ideen überzeugen, glaubt Liebig.

Unorthodox ist ganz sicher das Konzept des Martinszentrum in Bernburg. Eine Gruppe von sechsjährigen Mädchen und Jungen spielen auf dem Kirchplatz Fußball. Das Tor steht unter einem großen Fenster an der Nordseite des Gotteshauses. Ab und zu prallt das Leder gegen die graue Mauer. Pfarrer Lambrecht Kuhn stört das nicht.

"Dann bleibt die Kirche trotzdem stehen. Ja, es darf Fußball gespielt werden, über dem Tor da haben wir allerdings Schutzgitter vor den Fenstern. Also das geht schon."

Die Martinskirche wurde 1887 eingeweiht. Weil das Dach immer undichter wurde, sah sich die Gemeinde gezwungen, ihr Gotteshaus aufzugeben. In Bernburg gibt es sieben Kirche, das sind einfach zu viele, erklärt Pfarrer Kuhn. Ein Bundesprogramm zur Förderung der Ganztagsschulen rettete sie schließlich vor dem Verfall. Um die Kirche wurden vor fünf Jahren ein Hort, eine Kindertagesstätte und eine Grundschule gebaut.

"Weil man versuchen wollte, die Kirche zu einem Lebenszentrum zu machen. Es ist eigentlich ein Kinder- und Gemeindezentrum. Also generationsübergreifend, wo also Kindern und Erwachsene immer wieder in Kontakt kommen miteinander."

Der lichtdurchflutete Neubau umschließt die Martinskirche wie eine Art Kreuzgang. Auch die Kinder können sich gegenseitig wahrnehmen. Mittags essen Krippenkinder, Kindergartenkinder und Grundschüler gemeinsam in einem Speisesaal. Die Großen müssen Rücksicht auf die Kleinen nehmen, die Kleinen lernen von den Großen. Zum Beispiel wie man ein Tischgebet spricht. In der Grundschule ist Religion Pflichtfach, weil die konfessionelle Schule ein anerkannter freier Träger sei, erklärt Schulleiterin Berit Kuhn, die Ehefrau des Pfarrers.

"Es kommen viele Eltern zu uns, die nicht den kirchlichen Hintergrund haben. Aber für die eine Werteerziehung sehr wichtig ist. Und die ihren Kindern die christliche Welt eröffnen wollen."

Die Kirche ist Kirche geblieben - zumindest im vorderen Bereich. Im hinteren Teil wurde ein zweistöckiger Mehrzweckraum errichtet. Für die Gottesdienstbesucher dient er als Empore, für die Erstklässler als Turnhalle. Jeden Morgen betreten die Kinder die Martinskirche und laufen in den Mehrzweckraum. Dort finden die Morgenkreise statt, in denen christliche Themen besprochen werden. Die Gebete aber sind freiwillig. Im vorderen Kirchenraum finden nicht nur Gottesdienste statt, betont Lambrecht Kuhn. In der Gemeindekirche ist jetzt an sieben Tagen in der Woche Leben, sagt der Pfarrer. Ein Zustand, an den auch er sich erst gewöhnen musste.

"Wenn Kirche eine Zukunft haben will, dann muss sie sich öffnen. Sie muss die gesellschaftliche Realität wahrnehmen, und sie muss solche Dinge machen wie hier. Das ist eine Investition in die Zukunft. Und wenn die Kinder heranwachsen, später selbst Eltern sind, und dann so ein Gefühl haben, dass Kirche Normalität ist, dann ist das wirklich was Besonderes hier in diesem Landstrich."