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Religionen / Archiv | Beitrag vom 19.01.2013

Anglikanische Kirche vor der Zerreißprobe

Theologe Wolfgang Thönissen hält Spaltung für möglich

Moderation: Philipp Gessler

In der anglikanischen Kirche tobt ein Streit um Glaubensfragen. (picture alliance / dpa / Karl-Josef Hildenbrand)
In der anglikanischen Kirche tobt ein Streit um Glaubensfragen. (picture alliance / dpa / Karl-Josef Hildenbrand)

Die anglikanischen Kirchen sind sich uneins, wie sie mit homosexuellen und weiblichen Priestern umgehen sollen. Der Theologe Wolfgang Thönissen sieht einen "Nord-Süd-Konflikt" zwischen liberaleren Gemeinden in Europa und Amerika sowie konservativeren in Afrika und Asien aufkommen.

Kirsten Dietrich: Die anglikanischen Kirchen sind ganz vorne mit dabei, wenn es um die Ablehnung von Homosexualität und Homosexuellen in Afrika geht – wir haben es gerade gehört. Doch nicht nur in Afrika, auch in England und Amerika ist die Auseinandersetzung um den richtigen Umgang mit Homosexuellen einer der Punkte, die die anglikanische Kirche vor die wohl größte Zerreisprobe ihrer Geschichte stellen.

Wolfgang Thönissen leitet das Johann-Adam-Möhler-Institut für Ökumenik in Paderborn. Philipp Gessler wollte von ihm wissen, warum es in der anglikanischen Kirche so schwer verständliche Regelungen gibt wie die folgende, dass nämlich homosexuelle Priester inzwischen durchaus Bischöfe werden dürfen, allerdings nur, wenn sie, anders als ihre heterosexuellen Kollegen, ab Amtsantritt zölibatär leben, also auf jede Form gelebter Sexualität verzichten.

Wolfgang Thönissen: Ja, die Kirche von England, um die es hier geht, und dann auch im weiteren Sinne die gesamte anglikanische Kirche, steht zwischen zwei Polen: Einmal die moderne Herausforderung, dem Leben gerecht zu werden, das ist die eine Anforderung, und die andere, ihrer eigenen Tradition, also der Verpflichtung der kirchlichen Tradition gerecht zu werden. Das heißt also, man will den persönlichen sexuellen Orientierungen auf der einen Seite gerecht werden, auf der anderen Seite aber auch das, was von der biblischen Tradition her in der Kirche hochgehalten wird, ebenso gerecht werden.

Zwischen diesen beiden Polen muss man diese Entscheidung einfügen. Es ist sicher eine Frage, inwieweit man Homosexuelle oder homosexuell orientierte Priester in der Kirchen in Spitzenpositionen hineinlässt. Wir haben das in den vergangenen Jahren ja auch miterlebt, dass ein bereits gewählter bekennender Homosexueller zum Bischof geweiht werden sollte und dann allerdings diesen Schritt dann doch nicht gemacht hat. Es gibt Spannungen in der Kirche von England zwischen diesen beiden Polen.

Philipp Gessler: Aber ist es denn überhaupt realistisch, dass man schwule Priester dazu verpflichten kann, dass sie zölibatär leben, sobald sie Bischöfe werden?

Thönissen: Ja, das ist sicher eine große Schwierigkeit, denke ich, auf der einen Seite sozusagen ihrer Orientierung gerecht werden zu wollen und auf der anderen Seite sie dann dazu verpflichten, dieser Orientierung im Leben nicht nachzugeben. Ich glaube, das ist eine sehr, sehr hohe Anforderung, aber man muss sie noch einmal so erklären, dass die Kirche von England hier zwischen diesen beiden Herausforderungen sozusagen hindurchkommen will, und das macht die ganz große Schwierigkeit auf, vielleicht sogar auf Kosten der Lebenspraxis.

Gessler: Eine weitere, etwas komische, auf den ersten Blick komische Regelung ist ja in der Church of England, dass gleichgeschlechtliche Partnerschaften bei ihren Geistlichen zwar erlaubt sind, aber keine Partnerschaft oder Ehe. Können sie uns das erklären?

Thönissen: Ja, der Begriff der Ehe, soweit ich das jetzt hier aus der Entfernung mit Blick auf England sagen kann, der Begriff der Ehe ist auf die Verbindung von Mann und Frau festgelegt. So jedenfalls ist es in der kirchlichen Tradition und damit auch der Tradition der Church of England festgelegt, und diesen Begriff will man nicht auf gleichgeschlechtliche Partnerschaften übertragen. Deswegen behält man den Begriff Ehe eben hier zurück und will ihn festhalten auf die Verbindung von Mann und Frau. Auf der anderen Seite will man den Gegebenheiten der heutigen Gesellschaft gerecht werden, und das bedeutet, dass man hier versucht, einen anderen Begriff, der dem Begriff der Ehe in etwa ähnlich ist, anzuwenden.

Gessler: Also es geht in erster Linie um den Begriff, den man schützen möchte, die Ehe.

Thönissen: Ja, darum geht es letztlich. Und das, was in der Bibel als Verbindung von Mann und Frau festgehalten und festgeschrieben ist, auch für die kirchliche Tradition und für das Leben in der Gemeinschaft der anglikanischen Kirche festzuhalten.

Gessler: Im November gab es in der anglikanischen Kirche England ja einen Eklat, weil wegen einer Sperrminorität im Laiengremium der Generalsynode eine geplante zukünftige Wahlmöglichkeit von weiblichen Bischöfen durchfiel. Die Bischöfe allerdings in ihrem Gremium und die Priester in ihrem Gremium hatten sich dafür ausgesprochen, also waren dafür. Wie ist das denn möglich?

Thönissen: Ich denke, man muss hier genau auf die Entscheidung hinschauen. Auch hier steht das Votum der Gesamtsynode in Richtung auf Erlaubnis der Frauen zum Bischofsamt. Das ist zunächst einmal eine klare Vorgabe der Bischöfe. Auf der anderen Seite aber versuchten die Bischöfe, der Kritik aus konservativen Kreisen gerecht zu werden, und deswegen sah das Gesetz vor, dass in den Diözesen, in denen es vorherrschend konservative Kritik gab, Frauen, die zu Bischöfinnen geweiht werden, noch einen Mann als bischöflichen Verwalter zur Seite gestellt bekommen.

Das hätte ausgesehen, wenn das Gesetz durchgekommen wäre, wie eine Diskriminierung der Frau, so als wenn die Frau nicht in der Lage gewesen wäre, ihr Bischofsamt voll auszuüben. Ich denke, diese Entscheidung, die man in das Gesetz hineingeschrieben hat, hat mit dazu beigetragen, dass das Gesetz insgesamt nicht durchgekommen ist.

Gessler: Dann gab es ja später sogar die etwas erstaunlichen Meldungen, dass sogar 33 der 74 Stimmen gegen eine Ordination von Frauen kamen, also dass fast die Hälfte der Frauen, die da abstimmen konnten, auch gegen die Frauenordination waren.

Thönissen: Ja, das hat mit dem, was ich gerade gesagt habe, eben zu tun, weil das Gesetz eben vorsah, dass in bestimmten Diözesen Frauen sozusagen noch einmal, um den konservativen Kritikern gerecht zu werden, einen Mann zur Seite gestellt bekommen. Das hat die Kritik auch auf der, wenn Sie so wollen, linken Seite der anglikanischen Kirche hervorgerufen.

Gessler: Die Frage der Homosexualität und die Frauenordination spaltet ja die anglikanische Weltgemeinschaft schon seit Jahren. Wo laufen da eigentlich die Fronten?

Thönissen: Ja, die Fronten laufen in der Tat zwischen der modernen Einstellung zum Leben insgesamt, zu den persönlichen Lebensentwürfen, wie sie in den nördlichen Gesellschaften Englands und Nordamerikas und Kanadas, in ganz Europa heute vorherrschend sind, das ist die eine. Und die andere sind die eher in Afrika und Asien noch vorherrschenden konservativen Lebenshaltungen, die sich in der anglikanischen Kirche in den letzten Jahrzehnten stärker etabliert haben.

Also es ist insoweit auch in der Tat eine Art von neuem Nord-Süd-Konflikt, der sich hier abzeichnet, und zwar über die gesamten Fragestellungen von Ethik und Moral. Es ist nicht nur alleine die Frage der Homosexualität oder der Frauen im Bischofsamt, sondern es sind Fragen der modernen Lebensführung und Lebenshaltung insgesamt, die neue Bruchlinien in der Kirche von England aufzeigen, und damit natürlich in der gesamtem anglikanischen Kirche.

Gessler: Was ist denn da Ihre Einschätzung, werden sich die Befürworter der Gleichberechtigung von Homosexuellen und von Frauen im anglikanischen Klerus am Ende durchsetzen?

Thönissen: Diese Frage muss man sicher jeweils auf die bestimmten anglikanischen Kirchen in den jeweiligen Ländern und Regionen einzeln beantworten. Ich denke, dass sich in der Kirche von England diese Linie durchsetzen wird, auch in Nordamerika ist es ja erkennbar, während sie in Afrika und Asien nach meinem Dafürhalten und meinen Kenntnissen jedenfalls sich nicht durchsetzen wird, sodass sich auf Dauer innerhalb der gesamten anglikanischen Kirche möglicherweise ein Bruch abzeichnen wird, während er in den einzelnen regionalen Kirchen wie der Church of England möglicherweise so nicht zum Tragen kommt.

Gessler: Droht denn dann wirklich eine Spaltung dieser weltweiten Gemeinschaft, dass diese Gemeinschaft, die es ja gibt, richtig auseinanderbricht aufgrund dieser unterschiedlichen Ansichten?

Thönissen: So könnte es zunächst aussehen. Wir haben ja jetzt mit diesen Konfliktlinien schon seit einigen Jahren zu tun, und es gibt ja nun ganz mächtige konservative Organisationen, die sich in den letzten Jahren etabliert haben. Hier fliegen die Argumente hin und her, und das scheint zunächst einmal auf einen solchen Bruch hinzudeuten.

Auf der anderen Seite aber war es in den letzten 100 Jahren immer ein Vorzeichen der anglikanischen Kirche, dass sie diese unterschiedlichen auch ethischen und moralischen Auffassungen immer wieder sozusagen in einem Gleichgewicht halten konnte. In England nennt man das Comprehensiveness, also die Fähigkeit, die unterschiedlichen Positionen zusammenzuhalten, ohne dass man der einen oder der anderen Seite zu viel Übergewicht gibt.

Es ist die Frage, ob sich eine solche anglikanische Comprehensiveness auf Dauer wird halten können. Die Frage wird die entscheidende für die Zukunft sein.

Gessler: Nun spielt der Vatikan ja da auch eine gewisse Rolle, weil er eine mögliche Spaltung ja etwas vorantreibt, indem er den Übertritt zur katholischen Kirche für anglikanische Geistliche und Nonnen ja ziemlich erleichtert in den letzten Jahren.

Thönissen: Ja, man muss zunächst einmal sehen, in der Tat, der Vatikan hat durch die Errichtung von sogenannten Personalordinariaten Anglikanern die Möglichkeit gegeben, in die Gemeinschaft mit der katholischen Kirche einzutreten, ohne dass diese ihre anglikanische Tradition im Ganzen verleugnen müssten.

Aber man muss auch den historischen Hintergrund seinen: Übertritte aus der anglikanischen Kirche in die katholische Kirche gibt es seit weit über 150 Jahren. Ich nenne jetzt hier nur den Prominentesten im 19. Jahrhundert, Kardinal John Henry Newman. Das hat es immer wieder gegeben, und insoweit ist im historischen Horizont betrachtet der Übertritt von Anglikanern oder von anglikanischen Gemeinschaften, auch Orden, nichts neues. Ob wir jetzt eine größere Zahl sehen werden, also derjenigen, die übertreten werden, ist im Augenblick so noch nicht absehbar.

Gessler: Halten Sie denn die Politik des Vatikans in dieser Hinsicht für angemessen?

Thönissen: Ich denke, zumindest können wir Folgendes sagen: Das, was der Vatikan macht, geht nicht auf Kosten der ökumenischen Zusammenarbeit. Der jetzt noch im Amt befindliche Primas der Kirche von England und der anglikanischen Kirche, Rowan Williams, und der jetzige Papst Benedikt XVI. haben, soweit ich das erkennen kann, ein ausgezeichnetes persönliches Verhältnis untereinander. Beide sind ganz hervorragende Theologen, ich denke, dass sie auch über diese Fragen gesprochen haben.

Also die Einrichtung dieser Ordinariate richtet sich nicht gegen die ökumenische Zusammenarbeit, man könnte sagen, sie begleitet die ökumenische Zusammenarbeit. Ob daraus dann ein Konflikt entstehen wird, das ist heute noch nicht abzusehen.

Dietrich: Die anglikanischen Kirchen stehen vor einer Zerreißprobe: Philipp Gessler sprach mit dem Theologen Wolfgang Thönissen.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


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