Seit 13:30 Uhr Länderreport
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 13:30 Uhr Länderreport
 
 

Feiertag / Archiv | Beitrag vom 16.01.2011

Angelus Novus

Walter Benjamin und der Engel der Geschichte

Von Pfarrer Roland Spur, Stuttgart

Der deutsche Philosoph mit jüdischen Wurzeln Walter Benjamin ist auf der Flucht, und ein Engel hilft ihm. Auf seiner Flucht aus dem besetzten Frankreich nach Spanien hat er das gelobte Land der Freiheit vor Augen, doch er stirbt, kaum hat er es betreten. Alle Hoffnung nur Geschichte? Geschichte bedarf des Vermittlers, eines "Engels" immer wieder neu: Angelus Novus.

Sprecher: "Was für ein Sturm!"

Sprecherin: "Wie bitte?"

Sprecher: "Was für ein Sturm, sagte ich."

Sprecherin: "Ja, der ist heftig."

Sprecher: "Davon hat man unten nichts geahnt. Was für ein Sturm hier oben!"

Sprecherin: "Unlängst hat so eine Windbö ein Bauernkind erfasst und ein paar Meter weit durch die Luft geschleudert!""

Sprecher: ""Pyrenäen. Grüne Hügel. Die Küste. Die Dächer. Das Meer. So ruhig. Malerisch. Fast paradiesisch. Der Blick. Doch hier auf dem Weg solch ein heftiger Wind. Unfassbar, von unten aus. Der reinste Sturm – hier oben! Ich muss mich setzen, gnädige Frau. Ausruhen, einen Moment."

Sprecherin: "Wir warten."

Walter Benjamin, der deutsche, jüdische Philosoph, seit 1933 im Exil, auf der Flucht, versucht Ende September 1940 illegal nach Spanien einzureisen, von Frankreich nach Katalonien, von Banyuls nach Portbou. So heißen die kleinen Orte am Fuß der Pyrenäen. Seine Fluchthelferin ist die junge Lisa Fittko. Sie führt ihn über einen alten Schmugglerpfad durch die Berge. Sie geht ihn zum ersten Mal. Und sie wird ihn danach noch oft gehen. Und viele Verfolgte des Naziregimes retten. Heute heißt dieser Weg von Banyuls nach Portbou »Chemin Walter Benjamin«.

Lisa Fittko, geboren als Elizabeth/Erzsébet Ekstein, stammt aus Uzhgorod, einer Stadt am Dreiländereck Ungarn, Slowakei und Ukraine.

Lisa Ekstein Fittko, aufgewachsen in Österreich-Ungarn, lebte in Wien, in Berlin und Prag. Die mutige österreichische Widerstandskämpferin ist gerade 31 geworden, als ihr Walter Benjamin, der Schriftsteller und Philosoph, der Gesellschaftstheoretiker und Literaturkritiker, der Medien- und Kulturhistoriker begegnet ist.

Sprecher: "Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt."

Ein Aquarell von Paul Klee. Walter Benjamin wird es deuten.
So wird es zur Ikone der Moderne.

Sprecher: "Der Engel der Geschichte muss so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm."

Große Worte. Erhaben. Kunst und Kultur, Geschichtswissenschaft und Theologie. Ohne falsches Pathos. Ein Text für uns heute, am Beginn eines neuen Jahrzehnts. Was macht der Fortschritt mit unseren Hoffnungen? Geschichte. Und Zukunft – was für eine? Wie konnte Walter Benjamin so sehen, denken, schreiben? Wie lässt er sich verstehen?

70 Jahre nach seinem Tod bin ich auf Spurensuche. Bin in Südfrankreich gewesen, in den Pyrenäen, den Grenzorten Argelès, Port-Vendres, Banyuls, Cerbère, und in Portbou in Katalonien. Erneute Reisen in den Welten von Benjamins Büchern und Texten. Und Lisa Fittkos Erinnerungen »Mein Weg über die Pyrenäen«. In ihren Texten und Interviews spricht Lisa Fittko vom "alten Benjamin". Benjamin ist damals 48 gewesen.
Spurensuche. Alte Wege gehen. Mitgehen. Nachgehen. Nachdenken.

Sprecher: "Gnädige Frau."

Sprecherin: "Ja! So redete er mich an."

Sprecher: "Gnädige Frau."

Sprecherin: "Egal, wie lange wir unterwegs waren in den Bergen!"

Sprecher: "Gnädige Frau"

Sprecherin: ""Gnädige Frau" – in den Pyrenäen! Wir sind auf der Flucht und nicht in einem Salon. Die alte Schule…"
Sprecher: "Gnädige Frau..."

Sprecherin: "So hat er mich angesprochen, als er vor mir stand. An der Tür meines engen Dachstübchens in Port-Vendres. Sein Klopfen hat mich geweckt. Verschlafen öffnete ich. Ich werde das nie vergessen, den Klang seiner Stimme, diese Höflichkeit, Freundlichkeit! Und Wärme. Vom ersten Wort an. Diese Anrede!"

Sprecher: "Gnädige Frau, entschuldigen Sie bitte die Störung, hoffentlich komme ich nicht ungelegen."

Sprecherin: "Mein Gott, hab ich gedacht, die Welt gerät aus den Fugen! Hitler und Stalin haben einen Pakt geschlossen! Die Deutschen haben Frankreich überrannt! Aber Benjamins Höflichkeit, die ist unerschütterlich."

Sprecher: "Ihr Herr Gemahl…"

Sprecherin: "Sie haben Hans getroffen?"

Sprecher: "Ja, in Marseille. Es geht ihm gut. Ihr Herr Gemahl hat mir erklärt, wo ich Sie finden kann. Er sagte, Sie würden mich über die Grenze nach Spanien bringen."

Sprecherin: "Was hat er gesagt? "Der Herr Gemahl"? Na, das sieht ihm ähnlich! Er nimmt einfach an, dass ich das schon irgendwie hinkriegen werde."

Hans und Lisa Fittko gehören zu den Menschen, die anderen Verfolgten helfen, Juden, Christen, Kommunisten, Sozialisten, Gewerkschaftlern, Intellektuellen, Künstlern, Kindern, Müttern, Vätern. Ähnlich wie der Maler Aristide Maillol in Banyuls und seine Muse und Modell Dina Vierny, aus Kischinau (Chișinău): Menschen über die Pyrenäen-Grenze zu bringen ist in den 40er Jahren hoch riskant. Dina Vierny, Lisa Fittko – diese jüdischen Fluchthelferinnen werden jedes Mal ihr eigenes Leben riskieren.

Sprecher: "Übrigens wollen noch zwei andere Leute mit mir über die Grenze, die sich mir in Marseille angeschlossen haben. Eine Frau Gurland und ihr junger Sohn. Würden Sie die beiden auch mitnehmen?"

Sprecherin: "Ja, ja natürlich! Aber, aber Sie wissen hoffentlich, dass ich in der Gegend nicht erfahren bin? Es ist eine wilde Berggegend. Und es gibt Schmuggler. Und man hat mich tatsächlich gewarnt, dass es da wilde Stiere gibt. Ich kenne den Weg eigentlich gar nicht. Ich selbst bin noch nie dort oben gewesen. Wollen Sie sich auf das Risiko einlassen?"

Sprecher: "Ja, sicher. Nicht zu gehen, das wäre das eigentliche Risiko."

Walter Benjamin, auf der Flucht aus Paris nach Südfrankreich gelangt, wartet in Lourdes. Banges Warten, wochenlang. Dann kommt die gute Nachricht: Ja, er bekommt sein Einreisevisum für die USA; er muss es beim amerikanischen Konsulat in Marseille abholen. Dort in Marseille trifft er Hans Fittko. Dessen Frau Lisa hält sich in einem der Pyrenäen-Grenzorte auf, Port-Vendres. Dort hatte sie sich bereits erkundigt nach einem sicheren Weg über die Grenze. Einer der Hafenarbeiter führte sie zum Vertrauensmann der Gewerkschaft. Von ihm bekommt sie den Tipp, den linken Bürgermeister im Nachbarort Banyuls-sur-Mer, Monsieur Azéma, aufzusuchen. Er hilft Lisa Fittko und Walter Benjamin. Hinter den verschlossenen Türen seines Amtszimmers zeichnet er ihnen eine Karte.

Sprecherin: ""Gehen Sie bis zu dieser Lichtung hinauf", sagte er uns. "Wenn Sie zurückkommen, überprüfen Sie alles noch einmal mit mir. Übernachten Sie im Gasthof – und morgen früh, kurz nach vier Uhr, solange es noch dunkel ist und die Bauern auf dem Weg in die Weinberge sind, mischen Sie sich unter die Leute und gehen den ganzen Weg zur spanischen Grenze."
Benjamin fragte plötzlich:"

Sprecher: "Wie weit ist es bis zur Lichtung?"

Sprecherin: "Ich weiß noch, wie er uns sagte: "Eine knappe Stunde. Sicher nicht mehr als zwei Stunden." Wir gaben uns die Hand. Ein großartiger Mensch, dieser Bürgermeister Azéma! »Je vous remercie infiniment, monsieur le maire« hörte ich Benjamin sagen; ich habe seine Stimme noch im Ohr."

Im Gasthof treffen Fittko und Benjamin auf Henny Gurland und ihren Sohn. Sie sind mit dem Plan einverstanden.

Sprecherin: "Wir haben uns einen Weg zeigen lassen. Aber nur auf einer Karte, einer Weg-Skizze. Ob die stimmt? Wir müssen ihn jetzt erkunden. Ein von der Küstenstraße für die Grenzpatrouillen nicht einsehbarer Weg, ein alter Schmugglerpfad. Aber scheint mir ein ziemlich lang und ziemlich steil zu sein. Und: Es geht hoch in die Berge. Anstrengender Aufstieg. Kein Spaziergang."

Sprecher: "Das macht nichts. Das macht nichts. Solange der Weg sicher ist. Allerdings habe ich Herzbeschwerden und werde langsam gehen müssen."

Sprecherin: "Kein Problem."

So wandern sie los, die Vier, um den Anfang des Weges zu erkunden, damit sie ihn dann auch in der Dunkelheit richtig würden gehen können. Benjamin trägt seine Aktentasche. Sie scheint schwer zu sein. Lisa Fittko fragt, ob sie ihm helfen könne.

Sprecher: "Vielen Dank, nein. Darin ist mein neues Manuskript."

Sprecherin: "Aber warum haben Sie‘s jetzt mit dabei? Warum haben Sie schon auf diesen Kundschaftsgang diese schwere Aktentasche mitgenommen?"

Sprecher: "Ich darf sie nicht verlieren. Das Manuskript muss gerettet werden. Es ist wichtiger als meine eigene Person. Wichtiger als meine eigene Person."

Sie stoßen auf den leeren Stall, den der Bürgermeister erwähnt hatte. Also hatten sie sich nicht verlaufen. Dann auf den Pfad, der nach links abbiegt. Dann der riesige Felsblock. Und dann eine Lichtung. Sie hatten es geschafft! Nach fast drei Stunden. Benjamin streckt sich im Gras aus, schließt die Augen. Ausruhen.

Sprecherin: "Nach einer Weile machen wir uns fertig zum Abstieg, zurück nach Banyuls. Aber Walter Benjamin steht nicht auf. Der Weg hat ihn wohl erschöpft. "Sind Sie noch müde?""

Sprecher: "Mir geht es gut. Gehen Sie Drei nur los."

Sprecherin: "Und Sie?!"

Sprecher: "Ich bleibe hier. Ich werde die Nacht hier verbringen. Und Sie – Sie stoßen morgen früh wieder zu mir."

Sprecherin: "Was! Wie bitte? Aber Sie können doch hier nicht …"

Sprecher: " Bitte, gnädige Frau, bemühen Sie sich nicht weiter. Mein Entschluss, die Nacht auf der Lichtung zu verbringen, ist unwiderruflich."

Sprecherin: "Ich kann es nicht glauben."

Sprecher: "Er beruht auf einer einfachen, logischen Überlegung. Mein Ziel ist es, die Grenze zu überqueren. Ich habe das Einreisevisum für die USA in der Tasche. Ich will die Grenze überqueren, damit ich und das Manuskript nicht in die Hände der Gestapo fallen. Ein Drittel des Zieles habe ich schon erreicht. Wenn ich jetzt zurückkehre und den ganzen Weg am nächsten Tag nochmals gehen müsste, dann würde mein Herz vielleicht nicht mitmachen. Folglich werde ich hier bleiben.
Werden Sie mich vor Ihren wilden Stieren schützen, gnädige Frau?"

Am nächsten Tag klappt alles. Die drei, Lisas Fittko und Henny Gurland mit ihrem Sohn, halten sich an die Anweisungen des Bürgermeisters. Nur eine musette, einen Brotbeutel dabei. Nichts sprechen. Sich unter die Einheimischen mischen. In der Dunkelheit sind sie so für Wachen und Polizei nicht zu unterscheiden. Sie finden den Weg, endlich auch die Lichtung.

Sprecherin: "Ich hab mich gefragt, je näher wir kamen: "Und der alte Benjamin?" Ah! Am Leben! Er richtete sich auf, schaut mich freundlich an. Aber was war mit ihm geschehen?! Die großen dunkelroten Flecken um seine Augen! Symptome eines Herzanfalls? Er errät, warum ich ihn so entsetzt anstarrte. Er nahm die Brille ab, wischte sich mit dem Taschentuch übers Gesicht."

Sprecher: "Ach das. Der Tau, wissen Sie. Die Ränder des Brillengestells, sehen Sie? Sie färben ab, wenn sie etwas feucht werden."

Lisa Fittkos Schreck legt sich wieder. Weiter geht’s, langsam, noch ist der Weg hügelig.
Sprecher: "Ich muss mich setzen, gnädige Frau. Ausruhen, einen Moment."

Sprecherin: "Aber Sie können doch noch gar nicht erschöpft sein."

Sprecher: "Mit dieser Methode, gnädige Frau, werde ich es bis zum Ende schaffen. Ich mache in regelmäßigen Abständen halt. Die Pause muss ich machen, bevor ich erschöpft bin. Man darf sich nicht völlig verausgaben."

Sprecherin: ""Was für ein merkwürdiger Mensch", dachte ich. Kristallklares Denken, eine unbeugsame innere Kraft. Und hat sich nachts in den Pyrenäen so etwas überlegt und ausgerechnet."

Sprecher: "Mit nichts ist meine Geduld zu überwinden."

Der Aufstieg wird nun steiler. Hügelabhänge, Felswände. Benjamin kommt mit der Weg-Skizze klar und hilft bei der Orientierung. "Weg" war eine Übertreibung, schreibt Lisa Fittko, später, kaum mal ein Pfad zu erkennen, oder eine Spur zwischen Geröllblöcken. Gegen zwei Uhr erreichen sie das Ende der Felswand, und im Tal kann Lisa Fittko den Ort sehen.

Sprecherin: "Spanien! Wir sind in Spanien. Dort unten ist Portbou, die spanische Grenzstation. Der Abstieg kann nicht allzu lang dauern, man kann ja von hier aus schon die Häuser sehen. Gehen Sie direkt zum Grenzposten und zeigen Sie ihre Papiere: die Reiseunterlagen, die spanischen und portugiesischen Transitvisa. Und sobald Sie Ihren Einreisestempel haben, nehmen Sie den nächsten Zug nach Lissabon. Aber was? Das wissen Sie ja alles. Ich muss jetzt hier oben umkehren. Leben Sie wohl, Herr Benjamin."

Sprecher: "Gnädige Frau, vielen, vielen Dank. Für Ihre Geduld mit mir. Für alles.
Liebe Frau Fittko, Sie sind – mehr als liebenswürdig. Sind Sie – ein Engel? Machen Sie weiter."

Sprecherin: "Ich habe nur das Selbstverständliche getan. Ich muss jetzt... Auf Wiedersehen!"

Unten in Portbou angekommen erfahren die Flüchtlinge Benjamin, Gurland und ihr Sohn, dass Spanien seine Gesetze soeben geändert habe: Ohne französische Stempel kämen sie nicht weiter. Sie sollen in Portbou bleiben und dann abgeschoben und den französischen Behörden übergeben werden, die mit der Gestapo kollaborieren. Walter Benjamin wird am nächsten Tag in Zimmer 4 im zweiten Stock im Hostel de Francia tot aufgefunden. – Jahre später taucht ein Abschiedsbrief auf Französisch auf, den er Henny Gurland gegeben haben soll.

Sprecherin: "Dans une situation sans issue, je n`ai d`autre choix que d`en finir.
C`est dans un petit village dans les Pyrénées.
où personne ne me connaît que ma vie va s`achever.
Je vous pries de transmettre mes pensées à mon ami Adorno
et de lui expliquer la situation où je me suis vu placé.
Il ne me reste pas assez de temps pour écrire toutes ces lettres
que j`eusse voulu écrire"



Sprecher: "In dieser ausweglosen Situation habe ich keine andere Möglichkeit, als sie zu beenden. Mein Leben wird ein Ende finden in einem kleinen Dorf in den Pyrenäen, wo mich niemand kennt. Ich bitte Sie, meine Gedanken meinem Freund Adorno zu übermitteln und ihm die Situation zu erklären, in der ich mich gesehen habe. Es bleibt mir nicht genügend Zeit, all die Briefe zu schreiben, die ich gerne geschrieben hätte."

Also Selbstmord? Nahm sich Walter Benjamin das Leben? Keinen anderen Ausweg, so kurz vor dem Ziel? Die offizielle Lesart: Selbstmord. Überdosis Morphium, beigesetzt auf dem Friedhof in Portbou. Aber stimmt das, passt das? Wie passt das Ende zu Walter Benjamin und seinem Leben und seinem Werk?
Unstimmigkeiten.
Niemals hätte auf dem Friedhof ein Selbstmörder 1940 ein Grab bekommen können. Die Logisrechnung von Walter Benjamin notiert fünf Übernachtungen. Der Arzt, der den Totenschein ausstellte, war zu der Zeit nachweislich gar nicht in Portbou.
Fragen.
Hatte Benjamin in Marseille mitbekommen, wie Stalins Geheimdienst linke Intellektuelle im Exil "beseitigt und aus dem Weg geräumt" hat? Waren diese Dokumente in der dann verschwundenen Aktentasche? Und dann, solch ein "mündlich überlieferter Abschiedsbrief", nach Jahren erst aus dem Gedächtnis zu Papier gebracht. Wieso konnten nach Benjamins Tod die Zeugin Henny Gurland und ihr Sohn José doch einfach nach Lissabon weiterreisen? Sie wird dann in den USA Erich Fromm heiraten.

Lange Jahre interessieren kaum jemanden all diese Unstimmigkeiten.

Angesichts der Katastrophen und Trümmer kann diese Unheilsgeschichte nur durch eine Unterbrechung gewendet werden. Abbruch. Etwas ganz anderes. Etwas ganz Neues. Geschichte ist nicht zur Unheilsgeschichte verdammt. Darum hält der Marxist Walter Benjamin an der Messiashoffnung fest. Darum verwirft er jeden simplen Glauben an den selbsternannten Fortschritt von Menschen und Machthabern. Für mich ist Walter Benjamin ein Verteidiger der Hoffnung. Klare Analyse und unbeirrbare Hoffnung.

In seiner 9. These Über den Begriff der Geschichte kommt diese Gestalt eines Engels vor, Angelus Novus, der Neue Engel. Auf die Idee ist er durch ein Gedicht gekommen, das ihm sein Freund Gerhard / Gershom Scholem einmal schrieb.

Sprecher: "Mein Flügel ist zum Schwung bereit
ich kehrte gern zurück
denn blieb ich auch lebendige Zeit
ich hätte wenig Glück"
(Gerhard Scholem, Gruß vom Angelus)"


Dieses Gedicht und das Aquarell von Paul Klee – das Bild und der Text vom Engel der Geschichte, sie beeinflussen die Gedanken Benjamins über den Begriff der Geschichte.

Sprecher: "Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt.
Der Engel der Geschichte muss so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen.
Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm."

Hier fließen theologische Intuitionen, marxistische Einsichten und die bestürzende Wahrnehmung des apokalyptischen Niedergangs der Moderne geistreich und genial zusammen. Das Bild vom Engel tröstet. Es mahnt an die Trümmerhaufen, die wir in der Vergangenheit aufrichteten. Weil der Engel hinschaut und uns zum Hinschauen bewegt, können wir uns zur Zukunft umdrehen, ohne im "immer weiter so" zu verharren.

Ohne solch einen Vermittler, ohne solche Boten, ohne solche Engel fehlte uns der Mut, die wirklichen, ehrlichen, angemessenen und radikalen Fragen zu stellen. Weil das nicht leicht ist, braucht es solche Engel. Einen Engel der Geschichte. Und einen Engel der eigenen Lebensgeschichte.

Vor dem Friedhof von Portbou hat der israelische Künstler Dani Karavan eine begehbare Skulptur geschaffen, »Passages« genannt.
Aus dicken Stahlplatten hat er einen Gang, einen Tunnel zum Hinabsteigen, tief in den Berg geführt. Steilküste. Der schräge Gang führt unten durch den Berg wieder ins Freie: unter sich – und man erschrickt fast – schaut man ins Meer, die immer brausenden Wellen der Costa Brava, Meer, Urflut, Symbol für die Chaosmächte. Dreht man sich um und steigt wieder hinauf, wird dieses Denkmal für Walter Benjamin zur Himmelsleiter. Einer Himmelsleiter, wie sie in der biblischen Geschichte Jakob träumt. Auch er auf der Flucht, träumt er von der Leiter, die Himmel und Erde verbindet, und an der die Engel auf und niedersteigen. Kann man Walter Benjamin, der vor den Nationalsozialisten flüchtete und dem der Engel der Geschichte zum Begleiter wurde, schöner ehren?

Walter Benjamin – allem Schlimmen und allem Widrigem zum Trotz, ein Hoffen gegen die Hoffnungslosigkeit. So schließen seine "Thesen zum Begriff der Geschichte":

Sprecherin: "Bekanntlich war es den Juden untersagt, der Zukunft nachzuforschen. Die Thora und das Gebet unterweisen sie dagegen im Eingedenken. Dieses entzauberte ihnen die Zukunft, der die verfallen sind, die sich bei den Wahrsagern Auskunft holen. Den Juden wurde die Zukunft aber dadurch doch nicht zur homogenen und leeren Zeit. Denn in ihr war jede Sekunde die kleine Pforte, durch die der Messias treten konnte."


Literaturangaben:
- Walter Benjamin, Sprache und Geschichte. Philosophische Essays.
S. 146 – 21 Zeilen, die These IX mit dem Widmungspoem Sholems
S. 153-154 – 8 Zeilen, aus dem Anhang B zu den Thesen
- Lisa Fittko, Mein Weg über die Pyrenäen
Ausschnitte aus dem 7. Kapitel, »Der alte Benjamin«,
aus den Seiten 133 bis 148 sind es insgesamt 123 Zeilen

Musikangaben:
- Threnos – Den Opfern von Hiroshima, Krzysztof Penderecki,Polish Radio and Television Symphony Orchestra, Krakow
- Morimur, Hilliard-Ensemble
- Partita Nummer 2 d-moll für Violine solo, Morimur, Johann Sebastian Bach, BWV 1004


Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Pfarrerin Petra Schulze, Senderbeauftragte für Deutschlandradio und Deutsche Welle für den Medienbeauftragten der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Feiertag

Bei den Dresdner Kapellknaben zu HauseVerkündigung direkt ins Herz
Die Dresdner Kapellknaben stehen am 19.12.2013 in der Staatskanzlei in Dresden (Sachsen) beim Adventssingen nebeneinander. Foto: Sebastian Kahnert/dpa | (dpa-Zentralbild/Sebastian Kahnert)

"Wer singt, betet doppelt", sagt Augustinus. Die Dresdner Kapellknaben folgen diesem Rat seit mehr als 300 Jahren. An Sonn- und Feiertagen erklingt ihr Gotteslob in der Dresdner Kathedrale, der einstigen Hofkirche. Durch seinen exzellenten Gesang schaffte es der Knabenchor sogar auf die Welterbeliste. Ebenso gepflegt wird ein christliches Gemeinschaftsleben, das Kinder und Jugendliche nachhaltig prägt. Ein Porträt.Mehr

weitere Beiträge

Religionen

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur