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Studio 9 | Beitrag vom 06.02.2017

Angehörige von BundeswehrsoldatenWenn das Kriegstrauma weitergegeben wird

Von Sonja Heizmann

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Bundeswehrsoldaten 2012 in Afghanistan (imago stock&people)
Bundeswehrsoldaten in Afghanistan (imago stock&people)

Etwa 20 Prozent der Soldaten erleiden nach Schätzungen psychische Beeinträchtigungen bei Auslandseinsätzen. Bei ihren Partnern und Kindern lösen diese Belastungen manchmal sogar eine sekundäre Traumatisierung aus. Birgit Klimkiewicz hat selbst diese Erfahrung gemacht, nachdem ihr Sohn in Afghanistan war.

"Das ist einer unser Kunsttherapieräume, hier wird viel gemacht. Sie sehen das an den ganzen Pinseln, die da in den Behältern stehen und an den Farben. Das ist etwas, was für unsere traumatisierten Patienten ganz häufig wichtig ist, weil denen die Sprache für das fehlt, was sie erlebt haben."

Birgit Klimkiewicz ist in der Salus Klinik bei Köln zu Besuch. Lässt sich von der leitenden Psychologin die Räume zeigen. Sie bleibt vor einem zusammengekauerten Körper aus Ton stehen.

"Zum Beispiel hier die Figur, das erinnert mich völlig an Traumatisierung, was es für mich aussagt. Ganz in sich gefangen, nichts sehen, nichts hören, nicht gesehen werden."

Behandelt werden in der Salus Klinik Menschen mit psychosomatischen und Abhängigkeitskrankheiten. Klimkiewicz hofft, dass auch Angehörige von Soldaten hier therapiert werden können.

Seit sechs Jahren ist die gelernte Zahnarzthelferin in ganz Deutschland unterwegs, trifft Klinikchefs und Politiker, setzt sich für Partner, Eltern und Kinder von traumatisierten Soldaten ein. Die 66-Jährige stellt Kontakte zu Therapeuten und Verbänden her, vor allem aber hört sie zu, wenn die Angehörigen ihr Schweigen brechen.
 
"In diesem Engagement ist das die Grundlage, jemanden wirklich in dieser Situation wahrzunehmen. Denn Ihre privaten Freunde, die sie haben, die gehen bis zu einem gewissen Grad mit, aber dann verstehen sie das nicht mehr."

Ihr Sohn kommt als ein anderer aus Afghanistan zurück

Wahrgenommen zu werden – das hatte sie sich auch gewünscht, als ihr damals 24-jähriger Sohn 2009 mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung von seinem dritten Afghanistaneinsatz wiederkommt, schnell gereizt ist, am ganzen Körper zittert, manchmal Nächte lang mit dem Auto durch die Gegend fährt.

"Ich war auf der Suche nach anderen, wo ich gar nicht viel erzählen muss, wo ich einfach spüre, der oder die versteht mich. Das hilft unheimlich weiter, weil man ja als Angehöriger immer an sich zweifelt, überbewertest du jetzt, hast du schon durch die Einsatzzeit so einen abgekriegt, dass du psychisch nicht ganz in Ordnung bist? Man stellt sich immer immer infrage und ist so dankbar, wenn dann jemand kommt als Gesprächspartner, der sagt: empfinde ich ganz genauso."

Damals stößt die Soldatenmutter überall auf verschlossene Türen. Auch innerhalb der Familie wird vorerst verdrängt und geschwiegen. Sie fühlt sich ohnmächtig, kann nicht mehr zu ihrem Sohn vordringen. 

"Man gehört ja sowieso schon als Angehöriger nicht wirklich in diesen Soldatenkreis. Das ist ein Kreis für sich. Die haben gemeinsame Erlebnisse und da fühlt man sich sowieso schon ein Stück außen vor - und dann ist man irgendwie ganz außen vor."

Während der Führung durch die Salus Klinik erzählt Klimkiewicz, dass es heute mehr Anlaufstellen für Soldaten und ihre Angehörigen gibt. Sie sich aber wünscht, dass die Vorgesetzten bei der Bundeswehr noch genauer hinschauen, wenn Soldaten von Einsätzen wiederkehren. Denn bis die Erkrankten selbst ihr Trauma erkennen und annehmen können Jahre vergehen, die zur Zerreisprobe für die gesamte Familie werden.

"Er hat es körperlich und psychisch überlebt"

Klimkiewicz Sohn hat sich damals Hilfe gesucht und eine Therapie gemacht. Seine Zeit als Bundeswehrsoldat ist vorbei. Er hat studiert und führt eine glückliche Beziehung.

"Er hat mehr als überlebt, er hat es körperlich und psychisch überlebt, also da bin ich wirklich sehr sehr dankbar, weil ich ja immer wieder mit den Geschichten konfrontiert werde, wo die Soldaten und die ganze Familie um das Überleben ringen."

Diese Erfahrung hat auch in Klimkiewicz Leben viel verändert. Die Zuversicht und Leichtigkeit von früher sind nicht mehr da, sagt sie. Mit ihrem Mann hat sie sich in der Zeit des Umbruchs auseinandergelebt. Jetzt wohnt sie alleine in der Nähe von Köln, umgeben von Einfamilienhäusern mit gepflegten Vorgärten, Pferdekoppeln und Feldern. Ruhe und das Gefühl von Sicherheit sind ihr wichtig.

Besserung und Heilung ist möglich

Als die Führung durch die Salus Klinik beendet ist, besprechen Klimkiewicz und die Psychologin im Büro, wie sie in Zukunft zusammen arbeiten können.

"Was wir uns vorstellen können und auch gerne anbieten ist die Behandlung von Traumatisierten", sagt die Psychologin. "Und zwar unabhängig davon, ob sie traumatisiert sind durch Ereignisse, die ihnen widerfahren sind oder eben sekundär traumatisiert sind."

Das hatte Klimkiewicz sich für die Soldaten und ihre Angehörigen gewünscht. Ab 2017 soll es auch eine Klinik für Frauen geben, in der Kinder mit aufgenommen werden können. Auch sie leiden unter dem Trauma der Eltern und werden manchmal verhaltensauffällig.

"Ich glaube, was wichtig ist, eine Vorstellung davon zu entwickeln, dass Heilung möglich ist", sagt die Psychologin. "Oder dass Besserung möglich ist und dass sie Unterstützung bekommen können.

Birgit Klimkiewicz hat die Selbsthilfegruppe Eisblume e.V. gegründet, um Angehörige von betroffenen Soldaten zu unterstützen.

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