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Profil / Archiv | Beitrag vom 14.03.2008

Anfassen erlaubt

Museum der Woche: "Themenwelten" der Natur- und Kulturgeschichte in Kamenz zu sehen

Von Tanja Runow

Auch Steine aus der Region  sind im Museum der Westlausitz zu besichtigen. (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Auch Steine aus der Region sind im Museum der Westlausitz zu besichtigen. (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Das Museum der Westlausitz in Kamenz widmet sich in sieben fachbereichsübergreifenden "Themenwelten" der Natur- und Kulturgeschichte des Landstrichs. Für sein neuartiges Konzept der Sammlungspräsentation wurde dem Regionalmuseum im letzten Jahr der sächsische Museumspreis verliehen.

Kamenz an der "Schwarzen Elster" ist eine Kleinstadt in der Lausitz. Genauer gesagt in der "Westlausitz". Das Städtchen war einst eine florierende Handelsstadt, als nämlich im Mittelalter die Via Regia oder "Hohe Straße" mitten hindurch führte. Heutzutage geht es eher ruhig zu und Kamenz liegt in der Peripherie. Doch der Weg dorthin lohnt sich. In Kamenz gibt es nämlich ein interessantes Regionalmuseum.

"Wir befinden uns hier sozusagen in der ersten Welt, die Welt 'Steine' … "

Jens Czoßek ist der Geologe am Haus.

"… wo man, passenderweise wenn man reinkommt schon mal einen allerersten Eindruck kriegt vom Lausitzer Urgestein, um das wortwörtlich zu nehmen, nämlich der Grauwacke. Und es handelt sich dabei um Ablagerungen aus einem ganz alten Ozean."

Das Museum der Westlausitz ist im sogenannten "Ponickahaus" untergebracht, einem Bürgerhaus mit üppiger Barockfassade im Stadtzentrum von Kamenz. Verwinkelt ist es. Vom lichten Gewölbe der Eingangshalle führt ein dunkles Treppenhaus nach oben. Und dort, im ersten Stock, steht jetzt Jens Czoßek im Dämmerlicht und zeigt auf eine deckenhohe Steinplatte. Kurz hält er inne und blickt anerkennend auf die zerfurchte grau-rote Oberfläche. Dann macht er ein paar entschlossene Schritte an der steinernen Wand vorbei - und tritt aus dem Dunkel in einen grell erleuchteten Raum.

"Und wenn man dann die Lichtdusche… sich dann angepasst hat, geht es dann weiter in den praktischen Bereich, mit einem der gelungensten Bereiche hier in der Ausstellung …"

Der "praktische Bereich" wirkt tatsächlich - praktisch. Im Raum stehen ein paar Reihen offener Regale, gefüllt mit Objekten aller Art: Bodenfliesen, Badarmaturen und Säcke mit Löschkalk, alles sorgfältig nach Produktgruppen geordnet. Auf kleinen Bildschirmen laufen Videos über regionaltypische Baumaterialien. Das Ganze erinnert doch stark an …

"Das ist hier der Baumarkt. Und der ist halt wie ein richtiger Baumarkt aufgezogen. Nur eben anstatt Werkzeug, Holz usw. ist es wieder Magmatit, Sedimentit und Metamorphit, also die unterschiedlichen Gesteinsklassen, und was man aus diesem Gestein alles machen kann."

Der Gesteinsabbau ist in der Lausitz mit ihren wenig ertragreichen, sandigen Böden seit jeher ein wichtiger Wirtschaftszweig.

Im "Baumarkt" kann man aber nicht nur Steinerzeugnisse aus der Lausitz in sämtlichen Facetten bestaunen, sondern sich auch nach Lust und Laune selbst aus den Regalen bedienen. In einem kleinen Nebenraum steht alles, was das Herz des Amateur-Wissenschaftlers begehrt: ein Mikroskop, verschiedene kleine Meißel, Feilen und Nadeln. An der Wand hängen bunte Hefte mit Vergleichsabbildungen. Czoßek zieht eine der schweren Schubladen auf und greift einen unförmigen grauen Klumpen heraus.

"Da kann man sich das genau anschauen und kann versuchen hier mit der Nadel ein bisschen zu ritzen und gucken, was für verschiedene Eigenschaften haben die Minerale. Wenn man zum Beispiel sieht 'Ah, Magmatit', dann kann man sich das hier an der Wand raussuchen und entsprechend gucken, was gibt es denn noch für Magmatiten und wie unterscheide ich die von 'nem anderen Gestein."

Anfassen ist also absolut erlaubt und gewollt: ein Museum für Praktiker. Statt staubiger Vitrinen, wie in vielen klassischen Heimatmuseen, geht es hier nicht nur ums Sehen, sondern auch ums Anfassen, Riechen und wer's mag – ums Schmecken.

"Die Vision hat sich eigentlich entwickelt, weil wir mit dem Rücken zur Wand standen. Das muss man einfach wirklich mal so sagen."

Friederike Koch ist die Leiterin des Museums der Westlausitz.

"Mitte der 90er Jahre waren die Probleme des Hauses so riesengroß geworden, dass unser Träger - vielleicht auch zu Recht - darüber nachgedacht hat, ob er uns überhaupt noch benötigt. Und unter diesem Druck haben wir uns dann zusammengesetzt und gesagt: Okay, welche Dinge haben wir, die ganz ganz wichtig für die Region sind? Warum muss es uns trotzdem immer weiter geben?"

Ein junges Gestalter-Team aus Leipzig bekam die Aufgabe, die Ausstellung auf Vordermann zu bringen.

"Ehrlich gesagt, zu diesem Zeitpunkt hatten die noch nicht sehr viel Erfahrung mit naturkundlichen Museen. Und als die uns damals ihren Ideen-Vorschlag mit den Themenwelten ankamen. Da haben wir erstmal ganz schön geschluckt."

Die Leipziger forderten nicht nur offene Regale und frei zugängliche Exponate, sie beschlossen auch, die Fachkabinette aufzulösen und stattdessen sieben interdisziplinäre "Themenwelten" einzurichten. Eine davon ist die Themenwelt "Steine", der Baumarkt. Die anderen heißen "Nutzen", "Wald", "Idee", "Formen", "Menschen" und "Kamenz". In jeder werden Natur und Mensch zusammen betrachtet, als zwei Faktoren, die gemeinsam Landschaft erschaffen und gestalten.

Die Landschaft der Teiche und Flusssysteme im Norden der Lausitz zum Beispiel, wo die Karpfen herkommen. Und die der bewaldeten Hügel und Berge im Süden. Die flachwellige Heidelandschaft im Westen, wo Sand und Kies abgebaut werden, und die Krater der großen Steinbrüche im Süd-Osten.

Aber nicht nur an der Ausstellungspräsentation hat sich seitdem viel verändert: Etwas außerhalb der Stadt wurde das "Sammelsurium" eröffnet, das Depot des Museums. Hier sind die Präparatoren und Wissenschaftler am Werk. Und nicht nur die. Als Schaumagazin steht es auch Schülergruppen und ehrenamtlichen Helfern offen, die sich einmal selbst in der Museumsarbeit versuchen möchten.

"Viele Menschen gehen über ein Feld, finden eine Scherbe, können es aber gar nicht einordnen, wissen nicht, dass das überhaupt Bedeutung hat. Weil man in der Regel der Meinung ist, dass sowieso schon alles erforscht ist. Wenn sie aber einmal bei uns waren, wissen sie, dass es noch ganz viele Wissenslücken gibt, und dass wir die nur schließen können, wenn wir genug Informationen aus dem Gelände bekommen. Und dass die wirklich, sagen wir, auf der Straße liegen."

Service: Das Museum der Westlausitz zeigt neben seiner ständigen Sammlung derzeit auch eine Sonderausstellung zum Thema "Vulkane in Sachsen" (bis zum 2.11.2008) .

In Kooperation mit dem Deutschen Museumsbund stellt Deutschlandradio Kultur im Radiofeuilleton jeden Freitag gegen 10:50 Uhr im "Profil" ein deutsches Regionalmuseum vor. In dieser Reihe wollen wir zeigen, dass auch und gerade die kleineren und mittleren Museen Deutschlands unerwartete Schätze haben, die es sicht lohnt, überregional bekannt zu machen und natürlich auch zu besuchen.

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